Autarkie Die grüne Utopie der Brauer

Unabhängig werden von fossilen Rohstoffen: Kann das den Brauern gelingen? Angesichts des Krieges und dessen Folgen überschlagen sich Unternehmen mit Plänen zur Energie-Autarkie.

Dienstag, 29. November 2022 - Getränke
Tobias Dünnebacke
Artikelbild Die grüne Utopie der Brauer
Bildquelle: Getty Images

Es gibt ohne Gas kein Bier – dies könnte der Satz des Jahres 2022 sein, wenn es um den Zustand der deutschen Brauereien geht. Er stammt von Michael Huber, dem langjährigen und vom Erfolg verwöhnten Veltins-Chef, der bekannt ist für markige Worte über seine Branche. Sicher: Die schmerzvolle Erfahrung, dass eine zu starke Abhängigkeit von Gas aus Russland ungesund ist, machen die Brauereien derzeit nicht exklusiv. Aber durch eine Kombination verschiedener Faktoren wie Überkapazitäten und geringer Margen stehen sie besonders unter Druck. Und so war es fast keine Überraschung, dass der Veltins-Generalbevollmächtigte auf der Halbjahrespressekonferenz quasi in einem Nebensatz eine Revolution in Sachen Bierproduktion ankündigte. Mittelfristig, in sechs bis acht Jahren, strebe man im sauerländischen Grevenstein eine „hohe energetische Eigenversorgung über unter anderem Windkraft, Biogas und Fotovoltaik“ an. Die Entwicklungen im Zuge des Ukraine-Krieges hätten gezeigt, dass man sich nie mehr darauf verlassen könne, dass es ausreichend Öl und Gas gibt.

Die Branche muss sich radikal verändern und ihren Energiehunger anders stillen als bisher. Energie-Autarkie ist das Stichwort. An die Stelle des Feigenblatts der Nachhaltigkeit tritt ein Handlungsdruck, der für die Brauer existenziell wird. Auf den Staat ist dabei wenig Verlass. Zwar verschafft die kürzlich beschlossene Gaspreisbremse energiehungrigen Betrieben eine Verschnaufpause und Planungssicherheit. Die Herausforderung der Versorgungssicherheit und der hohen Preise wird aber bleiben: „Es ist ein permanentes Problem, dass die Industrie mit diesen höheren Energiepreisen leben muss. Entweder kann der Staat sie bis in alle Ewigkeiten subventionieren, oder er kann sagen, ihr müsst jetzt Lösungen finden, wie ihr mit weniger Energieverbrauch produzieren könnt“, sagt beispielsweise Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung, gegenüber dem MDR.

Hoher Anteil von Wärmeenergie
Neben der Milch- und Zuckerwirtschaft gehört das Brauen von Bier zu den besonders energieintensiven Prozessen in der Lebensmittelindustrie. Besonders das Einmaischen und das Kochen der Würze, aber auch die Kühlung verschlingen einen großen Teil der benötigten Energie. Nahezu alle Brauereien sind dabei auf fossile Brennstoffe wie Gas angewiesen. Dies gilt besonders für Wärmeenergie, die mit rund drei Vierteln den Löwenanteil im Energiemix einer durchschnittlichen Brauerei ausmacht. Der Bedarf ist abhängig von Größe und Auslastung der Produktion. So haben kleine und mittlere Betriebe gegenüber Großkonzernen das Nachsehen: Hier werden Sudkessel und Maischebottich selten im Schichtbetrieb eingesetzt, was zu einer geringeren Effizienz führt. Um den Bedarf an Wärmeenergie zu verringern, heißt es aber für große und kleine Betriebe gleichermaßen: Sparen, wo es nur geht.

Der Veltins-Chef sieht sich hier schon gut aufgestellt: „Wir zählen heute zu den wenigen Brauereien in Europa, in denen das Sudhaus nicht der größte Wärmeverbraucher ist. Durch Investition in neue Sudhaus-Linien konnte dort allein eine Einsparung von 35 Prozent thermischer und weiteren 20 Prozent elektrischer Energie erreicht werden – die Investitionen haben sich schneller amortisiert als erwartet“, so Michael Huber gegenüber diesem Magazin. Doch auch den Großen gelingt das Zurückfahren der Wärmeenergie nicht immer. So hat die Eifeler Bitburger Brauerei beispielsweise ihr ursprüngliches Ziel, den Verbrauch Ende 2020 auf 22,54 Kilowattstunden je Hektoliter Bier zu drücken, verfehlt. „Unser Bedarf lag aufgrund des geringeren Absatzes durch die Corona-Pandemie höher“, heißt es dazu im Nachhaltigkeitsbericht des Unternehmens. Und wie sieht es mit der sukzessiven Erzeugung von Wärmeenergie durch alternative Energiequellen aus? Die Paulaner-Brauerei aus München gibt in einem Nachhaltigkeitsbericht an, dass an einem Standort bereits 25 Prozent der verbrauchten Wärmeenergie aus regenerativen Quellen stammen. Immerhin.

Bier mit Wind und Sonne – ist das möglich?
Spätestens seit der Brauereifachmann Hubert Brandl 2007 das von der EU geschützte „Solarbier“-Label ins Leben gerufen hat, können selbst Laien diese Frage beantworten: Bier kann unabhängig von fossilen Brennstoffen und CO2-neutral produziert werden. Der Erfolg der Zertifizierung muss aber als bescheiden betrachtet werden: Bis heute ist unter den teilnehmenden Brauern kein Schwergewicht der Branche. Spricht man diese konkret auf den Status quo und die Anteile regenerativer Energie im Produktionsprozess an, sind die Zahlen meist ernüchternd. „Wir werden 2023 Gebäudeflächen mit Solaranlagen abdecken und so für die Stromproduktion nutzbar machen. Damit wird in der ersten Stufe der bisherige Strombedarf von etwa 3 Prozent abgedeckt. Energie-Autarkie ist kein Sprint, sondern ein Marathon!“, sagt beispielsweise Veltins-Chef Huber.

Beim globalen Branchenprimus Anheuser-Busch Inbev (AB Inbev) ist eine komplette Eigenversorgung auch langfristig gar nicht das Thema. „Die Frage ist: Was bedeutet Autarkie? Es ist kaum realistisch oder sinnvoll, dass nur wir die Energie produzieren, die wir zum Brauen benötigen“, sagt Fried-Heye Allers, Sprecher von AB Inbev Deutschland. „Reden wir aber darüber, unabhängig zu werden von fossilen Brennstoffen, ja, dann halten wir das absolut für möglich und arbeiten auch schon daran.“ Im Sinne des Credos „Energy as a Service“ werde man immer Partner haben, die Infrastruktur und Energie zur Verfügung stellen. Das gelte unter anderem für Siemens, aber auch für EDF Renewables, einen Hersteller von Batteriespeichern. Allers nennt einen langfristigen Service-Vertrag mit dem französischen Unternehmen als wichtigen Baustein einer von fossilen Brennstoffen unabhängigeren Produktionsweise. „Ein Großteil unserer Energiekosten ist auf die nicht geringen und weiterhin steigenden Netzentgelte zurückzuführen, die sich bei Unternehmen an der höchsten Lastspitze im Jahr orientieren. Durch die Batteriespeicher reduzieren wir die Lastspitzen – und verringern somit die Netzentgelte spürbar. Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit gehen hier Hand in Hand“, erläutert Allers die Bedeutung des Projektes. Gleich an vier deutschen AB-Inbev-Standorten errichtet EDF Renewables dafür große Batteriespeicher. In München bei Spaten-Löwenbräu, bei Hasseröder in Wernigerode und Beck’s in Bremen verfügen die Batterien in Container-Optik über eine Leistung von bis zu 2 Megawatt. Auch ein vor wenigen Wochen in Betrieb genommener Solarpark bei Granada sei ein wichtiger Impuls, um die Abhängigkeit von fossilen Energieträgern zu reduzieren. Auf einer Fläche von 161 Hektar wird Solarstrom für klimafreundlich gebrautes Bier erzeugt. Das Projekt gilt als einer der bisher größten grenzüberschreitenden Solarenergie-Deals in Europa.

Energie-Autarkie gibt es bereits
Noch spielt die Energiebilanz eines Bieres bei den Verbrauchern eine eher untergeordnete Rolle. Sollte sich die Debatte über den Klimawandel und die Endlichkeit fossiler Rohstoffe aber weiter verschärfen, werden Konsumenten möglicherweise auch beim Bier mehr auf die Verantwortung von Unternehmen gegenüber der Gesellschaft und Umwelt achten. Auch wenn Großkonzerne noch mit dem Begriff fremdeln, es gibt sie schon, die komplett autarken Leuchtturmprojekte. Die vom Umweltbundesamt geförderte Karmeliten-Brauerei beispielsweise setzt durch eine Vielzahl innovativer Lösungen auf das Ziel der kompletten Unabhängigkeit von externer Energie. Das technische Konzept der Brauerei sei weltweit einzigartig und zukunftsweisend, heißt es dazu aus dem Unternehmen (siehe dazu Seite 109). Auch die österreichische Brau-Union, deutschen Verbrauchern vor allem bekannt durch die Marke Gösser, beschäftigt sich intensiv mit dem Thema der Eigenversor-gung. Beispiel Fohrenburg-Brauerei: Mehr als 2.000 Tonnen CO2 spart der Betrieb in Vorarlberg seit Februar dieses Jahres durch die vollständige Umstellung auf Ökostrom und Biogas und produziert somit CO2-neutral. Dabei setzt man zu 100 Prozent auf erneuerbare Energie aus österreichischer Wasserkraft und Biogas, das regional aus biologischen Hausabfällen und landwirtschaftlichen Reststoffen erzeugt wird. Also doch ein Thema für nationale Markenhersteller? „Es ist durchaus denkbar, dass ein hohes Maß an Grundversorgung der Energie bei uns in der Region produziert und bereitgestellt werden kann“, sagt Veltins-Chef Michael Huber. „Es wird ein großes Ziel in Richtung Autarkie geben, aber keine große Lösung.“

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