Ein Mittwochvormittag im Oktober 2030. In der Verpackungsabteilung eines mittelständischen Herstellers für Wurstwaren herrscht gespannte Stille. Zwei Mitarbeiter stehen vor einer Linie, auf der normalerweise Hunderttausende Folienverpackungen pro Tag laufen. Heute geht nichts. „Wir warten auf das Rezyklat“, murmelt der Produktionsleiter, „die Lieferung ist zum dritten Mal verschoben worden.“ Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses Szenario in rund fünf Jahren eintritt, ist für kleine und mittelgroße Lebensmittelproduzenten Stand heute groß. „Wenn wir die Geschwindigkeit beim Ausbau des Rezyklatangebots in Deutschland von derzeit 3,5 Prozent pro Jahr bis 2030 nicht verdoppeln, steuern wir auf eine Rezyklat-Lücke von knapp einer Million Tonnen zu. EU-weit beträgt die Lücke 3,5 Millionen Tonnen. Zudem werden die Qualitätsanforderungen an die Rezyklate, zum Beispiel im Lebensmittelkontakt, die Lücke noch vergrößern“, betont Dr. Alexander Kronimus, stellvertretender Hauptgeschäftsführer beim Verband Plastics Europe Deutschland. Die Packaging and Packaging Waste Regulation (PPWR) ist noch nicht in Kraft, doch ihre Schatten reichen tief in die Lieferketten des Lebensmitteleinzelhandels. Verpackung ist nicht mehr nur Material. Sie ist Risiko, Spekulationsgut – und zunehmend auch Machtinstrument. Der Zugang zu Rezyklatströmen entscheidet nämlich künftig, wer lieferfähig ist und wer auf der Strecke bleibt.
Rezyklate für Lebensmittelkontakt fehlen
Die Brüsseler Verpackungsverordnung sollte Europa eigentlich ab 2030 den Durchbruch bei der Kreislaufwirtschaft bringen. Doch es zeichnet sich ab: Nicht nur für den Lebensmittelhandel kann sie zum Fiasko werden. Zu ehrgeizig sind die Vorgaben, zu groß die Unsicherheit im Markt, zu gering die Verfügbarkeit vorgeschriebener Rezyklate. Zwischen politischen Versprechen, leeren Regalen und fehlenden Kreisläufen für Kunststoffe – besonders für Verpackungen im Lebensmittelkontakt – kämpfen Lebensmitteleinzelhandel und -industrie in den kommenden Jahren um Versorgungssicherheit und Planungshoheit. Vor allem kleine und mittelgroße Verpackungshersteller werden sich wegen fehlender Nachfragemacht nur schwer im Haifischbecken der recycelten Kunststoffe behaupten können. Ihnen droht das Aus.
Der Vorsitzende der Allianz Verpackung und Umwelt, Dr. Carl Dominik Klepper, bekennt auf Nachfrage der Lebensmittel Praxis: „Aktuell gibt es kaum geeignete Rezyklate aus mechanischem Recycling für Lebensmittelverpackungen, da die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) bisher keine entsprechenden Zulassungen erteilt hat. Sollte sich dies nicht ändern und auch die Entwicklung des chemischen Recyclings hinter den Erwartungen zurückbleiben, wird es für die Hersteller knapp.“ Die Vorgabe von 10 Prozent Rezyklatgehalt für Lebensmittelverpackungen ab 2030 sei vor dem Hintergrund der aktuellen Marktsituation in der Tat sehr ehrgeizig, weiß der AVU-Vorsitzende, der sich als Interessensvertreter für die Wertschöpfungskette Verpackung vom Handel bis hin zur Recyclingindustrie einsetzt. Anfang 2028 prüft die EU-Kommission zwar nochmals, ob Ziele der PPWR angepasst werden sollten, doch Klepper rät: „Hierauf dürfen sich Unternehmen nicht verlassen. Sie müssen jetzt aktiv Möglichkeiten zur Rezyklatbeschaffung oder auch zur Anpassung ihrer Produkte prüfen.“
Obwohl die Recyclingquote für die Leichtverpackungen aus der Gelben Tonne 2023 bei annähernd 70 Prozent liegt und damit die gesetzlichen Vorgaben in Deutschland bereits übererfüllt werden, reicht das gesammelte Material hinten und vorne nicht. „Um die Lücke zwischen Angebot und Nachfrage bei PCR-Rezyklaten zu schließen, müssen die Verfügbarkeiten an Kunststoffabfällen für das Recycling erhöht werden“, sagt Tom Ohlendorf vom WWF (siehe Kasten auf Seite 61). Seine Meinung deckt sich mit der vieler Experten: Bestehende Quellen für Sekundärkunststoffe müssen besser ausgeschöpft werden und es müssen zwingend neue Inputströme für das Recycling erschlossen werden. Dazu bräuchte es deutlich höhere Investitionen in Sammlung, Sortierung und Verwertung aller Materialien über die Gelbe Tonne hinaus. Unternehmen wie Nestlé sprechen sich deshalb für das chemische Recycling von schwer zu sortierenden und schwer recycelbaren Verpackungen aus. Der Status quo beim chemischen Recycling ist aber unbefriedigend: „Die meisten Anlagen fahren im Testbetrieb. Es ist fraglich, wie viel gewonnenes Material am Ende wirklich bei Verpackungen ankommt“, berichtet eine Nachhaltigkeitsberaterin, die nicht genannt werden möchte, auf Anfrage.
Um R-PET reißt sich der gesamte Markt
Der Mangel an Genehmigungen für Rezyklate in Lebensmittelverpackungen verengt den Markt und sorgt für ungewollte Effekte. PET aus Pfandsystemen für Getränke ist für den Lebensmittelkontakt zugelassen und damit derzeit das einzige Kreislaufmaterial aus dem Kunststoffsegment, das alle EU-Vorgaben erfüllt. Das weckt Begehrlichkeiten. Denn: Kontaktsensitive Anwendungen wie Wurst- oder Käseverpackungen dürfen nur Rezyklat aus definierten Strömen nutzen – also entweder aus dem Flaschenpfandsystem oder aus lückenlos rückverfolgbaren Tray-to-Tray-Systemen. Europaweit gibt es allerdings zurzeit nur eine Handvoll Anbieter, die Tray-to-Tray-Recycling in EFSA-konformer Qualität anbieten können. Die Folge: Große Player aus dem Handel und der Industrie sichern sich das hochwertige Material, färben es zum Teil schon ein, damit es nicht mehr für andere Anwendungen wie Fleisch, Käse oder Wettbewerbsprodukte verwendbar ist. Aus Nachhaltigkeitssicht ist das laut Verpackungsexperten ein Irrsinn, weil Farbbeimischungen die Qualität des Rezyklats mindern. Noch absurder ist es allerdings, wenn diese Recycling-PET-Materialien, die für den Lebensmittelkontakt zugelassen sind, durch Downcycling zweckentfremdet werden. Nicht unerhebliche Mengen R-PET aus dem Pfandsystem landen bereits heute in Non-Food-Anwendungen oder sogar völlig zweckentfremdet in der Automobilindustrie, die auch Nachhaltigkeitsvorgaben zu erfüllen hat. Für Lebensmittelkontaktanwendungen ist dieses Rezyklat damit für immer verloren.
Druck auf den Handel steigt
Fest steht: Der Verteilungskampf um Rezyklate ist in voller Fahrt und treibt die Preise in die Höhe. „Die ökonomischen Auswirkungen dieser Umstellung auf Nachhaltigkeit können für flexible Verpackungen nicht geleugnet werden. Wir können das aktuell nicht beziffern, gehen aber davon aus, dass durch Investitionen in das mechanische und chemische Recycling die Verfügbarkeiten zunehmen werden. Das sollte mittel- bis langfristig die Kosten wieder stabilisieren“, heißt es aus dem Frankfurter Nestlé-Haus. Das ist Wunschdenken, keine Realität.
Der Handel reagiert. Die Schwarz-Gruppe ist Vorreiter. Prezero ist Teil der Heilbronner-Vertikalisierungsstrategie und sichert für die vielfältigen Eigenmarken Zugänge zu den Wertstoffströmen im Verpackungsmarkt. Auch Edeka und Rewe haben ein eigenes Wertstoffmanagement aufgebaut. Beider Ziel ist es, Wertstoffkreisläufe im Idealfall mit der gesamten Wertschöpfungskette aufzubauen. „Wir sehen aktuell, dass insbesondere im Bereich der Verpackungen aus Polyolefinen (etwa PP oder PE) Rezyklate mit Lebensmittelzulassung in der erforderlichen Qualität nur in sehr geringen Mengen oder gar nicht verfügbar sind. Dies ist insbesondere kritisch, da gerade flexible Polyolefinverpackungen wie Folien oder Tüten im Bereich der Lebensmittel in relevantem Umfang eingesetzt werden“, erklärt Rewe auf Anfrage. Die Lage ist angespannt, denn diese Verpackungen kommen in praktisch allen Sortimenten zum Einsatz. Die Rewe bestätigt: Wenn sich am Recyclingmarkt keine skalierbaren Lösungen im erforderlichen Maßstab entwickeln und der Gesetzgeber dennoch an den geforderten Rezyklatquoten für diese Materialien festhält, bestehen in der Tat Versorgungsrisiken. Es drohen leere Regale.
Die Verpackungsverordnung stelle hohe Anforderungen an die Praxis und verursache bei kleineren und mittleren Unternehmen einen Aufwand, den diese nicht so einfach stemmen könnten, bekennt Prof. Dr. Gottfried Jung. Der Rechtsanwalt und Ministerialdirigent a. D. sagt deshalb: „Insoweit würde die Verpackungsverordnung eine kritische Überprüfung verdienen. Dass dabei das ökologische Ziel der Verordnung aufgegeben würde, ist allerdings nicht zu erwarten.“ Wer in diesem Umfeld überleben will, muss sich jetzt bewegen. Am besten noch heute.
3 Fragen an
Tom Ohlendorf, Senior Manager Circular Economy Focus on Packaging beim WWF Deutschland
Sind die Vorgaben der EU-Verpackungsverordnung zum Einsatz von PCR-Kunststoffen ab 2030 realistisch?
Tom Ohlendorf: Die Zielvorgabe der EU-Verpackungsverordnung erscheint unter aktuellen Bedingungen schwer erreichbar. Um die Lücke bei PCR-Rezyklaten zu schließen, müssen die Verfügbarkeiten an Kunststoffabfällen für das Recycling erhöht werden. Dafür sind ein verbessertes Verpackungsdesign sowie gezielte Investitionen in Sammlung, Sortierung und Verwertung unerlässlich.
Der Verwendung von Rezyklaten in Lebensmittelverpackungen etwa aus der Gelben Tonne steht das Lebensmittelrecht entgegen. Haben Sie eine Lösung für dieses Problem?
Der Mangel an Genehmigungen für Rezyklate in Lebensmittelverpackungen, abgesehen von PET aus Pfandsystemen, ist eine große Herausforderung. Um recycelte Kunststoffe künftig vermehrt in kontaktsensiblen Bereichen zu nutzen, müssen die Zulassungskriterien von Recyclingverfahren weiterentwickelt und Verfahren beschleunigt werden. Zudem sollten die Verpackungsvielfalt und Komplexität von Verkaufsverpackungen reduziert und harmonisiert werden.
Sie sagen, dass weitere Inputquellen für das Recycling nötig sind. Was meinen Sie damit?
Wir müssen ungenutzte Potenziale erschließen: Kunststoffabfälle aus Gewerbe und Haushaltsrestmüll, die derzeit verbrannt werden, müssen systematisch erfasst und dem Recycling zugeführt werden. Diese Materialien bilden wertvolle Ressourcen für eine Kreislaufwirtschaft. Für polymerübergreifende PCR-Rezyklatmengen und -qualitäten, auch für kontaktsensible Anwendungen, sind weitere, sortenreine Wertstoffkreisläufe notwendig. Dafür braucht es recyclinggerechtes Verpackungsdesign, eng geführte Materialströme und koordinierte Sammel-, Sortier- und Recyclingstrukturen.
