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Lebensmittelverschwendung Lieber zweite Wahl als einfach weggeworfen

| 19. Oktober 2012

Valentin Thurn, Macher des Dokumentarfilms „Taste the Waste“, hätte gerne im Supermarkt auch optisch nicht perfektes Obst und Gemüse zu vergünstigten Preisen.

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Die Mülltonnen der Lebensmittel-Einzelhandelsgeschäfte sind jeden Abend voll. Mülltaucher, ein Begriff, den vor fünf Jahren kaum jemand kannte, nehmen sich des Inhalts an. Das ist zwar illegal, wird aber häufig geduldet. Nach dem Motto: Besser die Lebensmittel werden verwertet als weggeworfen. Dasselbe Ziel hat mit einer anderen Idee auch Valentin Thurn (49). Der Macher des Films „Taste the Waste“ fände es gut, wenn es in Lebensmittelgeschäften so wie in Jeansläden oder bei Porzellan, Artikel zweiter Wahl gebe.

Hat ein Apfel eine kleine Delle oder eine Kartoffel Mickey-Maus-Öhrchen, dann gelten sie im deutschen Handel als schwer verkäuflich, kommen meist gar nicht in den Verkauf. Fast die Hälfte aller Kartoffeln wird schon während der Ernte zu Ausschuss aussortiert, bleibt auf dem Feld liegen, wird an Tiere verfüttert oder vernichtet – nur wegen der Optik. Jeder zweite Kopfsalat wird aussortiert, jedes fünfte Brot muss unverkauft entsorgt werden. Schuld daran seien keineswegs alleine die Handelsunternehmen, sondern auch die schizophrenen Verbraucher (siehe Interview auf Seite 2) und vor allem Handelsnormen, solche der EU, aber auch die, die sich der Handel selbst auferlege, so Thurn.

Thurn wollte mit „Taste the Waste“ eine Debatte auslösen. Mehr als 120.000 Zuschauer zählte der Kinofilm in Deutschland. Die Debatte läuft bis heute. Zwei weitere Lebensmittel-Projekte stehen für Thurn an. In einem Film wird es um Lösungsansätze gehen, gedreht wird auf der halben Welt – in Deutschland allerdings kaum. Und das nicht, weil die Branche verschwiegen ist, sondern weil es hier kaum interessante und ernsthafte Ansätze gebe, so Thurn. Auf einem guten Weg sieht er Tegut, Metro und Rewe. Intensiv und glaubhaft beschäftige sich zudem Kaufland mit dem Thema Müll. Das war es auch schon.


Briten und Niederländer haben z. B. getestet, das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) in den Barcode zu integrieren. Technisch sei dies laut Thurn kein Problem. Automatisch könnten so, je nach Programmierung, etwa Artikel, die in einem Tag das MHD erreichen, beim Ziehen über den Scanner der Kasse um einen bestimmten Prozentsatz vergünstigt verkauft werden. „Arme Leute müssten sich dann nicht so schämen wie jetzt, wenn sie lauter solche Artikel einkaufen“, so Thurn. Es gebe inzwischen auch Kunden, die aus moralischen und ethischen Gründen bereit wären, Obst und Gemüse, das optisch nicht perfekt ist, zu vergünstigten Preise zu kaufen. Händler müssten nicht mehr jeden Abend Unsummen an Werten auf den Müll werfen: „Welcher Unternehmer vernichtet schon gerne Werte?“.

In unserer Gesellschaft mangele es an Wertschätzung für Lebensmittel und an Ahnung. „Vor nur zwei Generationen war das noch anders. Für meine Großmutter waren Lebensmittel quasi heilig, da wurde alles irgendwie verwertet.“ Die heutige Überflussgesellschaft kennt keinen Hunger. Thurns Großmutter ist in einem Arbeitslager in Folge von Unterernährung an Typhus gestorben.