Reportage Mülltaucher Gefundenes Essen - Mülltauchen nicht so einfach

Immer mehr Menschen in Deutschland containern und bringen damit ihren Protest gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln zum Ausdruck.

Donnerstag, 20. Oktober 2011 - Management
Silke Bohrenfeld
Artikelbild Gefundenes Essen - Mülltauchen nicht so einfach
Bildquelle: Valentin Thurn

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Platz für neue Ware?

Doch warum landet soviel in der Tonne? Die jungen Aktivisten haben eine ganz eigene Meinung: Sie gehen davon aus, dass im Laden Platz für neue Ware gemacht werden muss. „Denn oft ist es für Groß- und Einzelhändler einfach billiger, Lebensmittel wegzuwerfen und neue einzukaufen“, glaubt Sarah. Außerdem müsste beispielsweise das gesamte Brot-Sortiment im Backshop bis Ladenschluss verfügbar sein: Danach werde entsorgt. Manchmal seien auch eine Fehlkalkulation oder die Umstellung des Sortiments Gründe, dass eigentlich noch genießbare Lebensmittel auf dem Müll landen. Ein weiteres Kriterium ist nach Ansicht der Aktivisten das Mindesthaltbarkeitsdatum, das im Handel nicht überschritten werden dürfe. „Doch das Mindesthaltbarkeitsdatum ist kein Verfallsdatum“, sagt Ernährungsexperte Frank Waskow von der Verbraucherzentrale in Nordrhein-Westfalen. Abgesehen von Fleisch-, Fisch- und Eierprodukten sind viele der abgelaufenen Produkte noch genießbar. Ein anderes Problem sei die Verpackungseinheit: „Ist eine Paprika Matsch, landen drei im Müll“, beobachtet Sarah.

So einfach wie in Friedrichshain funktioniert das Mülltauchen jedoch nicht immer und überall. Die Händler gehen sehr unterschiedlich mit den Mülltauchern um. „Viele Geschäfte versuchen, das Containern durch das Anbringen von Schlössern und Umzäunungen zu verhindern“, sagt sie. Manche gießen Flüssigkeiten in die Mülltonnen und verderben den gesamten Inhalt. „Einige schicken auch Wachpersonal auf Streife, um die weggeworfenen Lebensmittel zu bewachen“, berichtet Sarah. Der Inhaber eines Berliner Biomarktes zieht sogar selbst seine Runden und hat bereits mit Anzeige gedroht. Denn das Sammeln von weggeworfenen Lebensmitteln ist in Deutschland strafbar – und das gleich in mehrfacher Hinsicht. So erfüllt jeder Mülltaucher mit seinem Handeln den Straftatbestand des Diebstahls. Denn der Müll im Container gehört zunächst dem Supermarkt. Danach dem Entsorgungsbetrieb, der den Müll abholt und weiterverwertet. In der Regel kommen die erwischten Person en mit einer Verwarnung davon, aber einige Supermärkte erstatten auch Anzeige.

Sobald ein Mülltaucher sich auch noch über Einfriedungen wie Zäune oder verschlossene Tore hinwegsetzt oder Schlösser öffnet, dringt er widerrechtlich ein und begeht damit sogar die schwere Form des Diebstahls nach Paragraf 243 Strafgesetzbuch. Mit einher geht in der Regel Hausfriedensbruch. „Dieses Gesetz untermauert die Verwertungslogik des Systems. Deshalb ignoriere ich es“, antwortet Sarah auf diese Sachverhalte. Sie und die anderen Mülltaucher wehren sich gegen diese Kriminalisierung. Immerhin hat das Thema mittlerweile auch die Politik erreicht: Verbraucherministerin Ilse Aigner hat eine Studie in Auftrag gegeben, um an konkrete Zahlen zu weggeworfenen Lebensmitteln zu kommen, UN und EU haben auf dem Kongress „Transforming Food Waste into a Resource“ in Brüssel beschlossen, die Vernichtung von Lebensmitteln bis 2025 um 50 Prozent zu reduzieren und die Piratenpartei will — wie es Österreich und die Schweiz vormachen — Containern legalisieren.

Ob und wann Mülltauchen straffrei sein wird, interessiert Sarah heute nicht. Nach drei weiteren Stationen sind ihre Rucksäcke voll, sie hat Essen für eine ganze Kompanie und wird deshalb heute Nacht kochen und Freunde einladen — mit Lebensmitteln aus der Tonne.