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Reportage Mülltaucher Gefundenes Essen

Silke Bohrenfeld | 21. Oktober 2011

Immer mehr Menschen in Deutschland containern und bringen damit ihren Protest gegen das Wegwerfen von Lebensmitteln zum Ausdruck.

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Es ist Samstag. Ein schöner Abend gegen 23 Uhr in Berlin-Friedrichshain. Die Stadt vibriert. Kaum jemanden hält es zuhause. Ein Abend wie geschaffen, um an der Spree zu chillen, sich mit Freunden im Biergarten oder zum Tanzen in einer der vielen Berliner Strandbars zu treffen. Auch ich bin unterwegs. Jedoch nicht zum reinen Vergnügen. Ausgestattet mit alter Jeans, Turnschuhen und abgeschabter Jacke, Kamera sowie Schreibzeug bin ich auf dem Weg zu Sarah (Name geändert). Die 24-jährige Studentin will heute Abend containern – und nimmt mich als Beobachterin mit. Containern ist das Sammeln weggeworfener Lebensmittel aus den Mülltonnen der Lebensmittelhändler. Spätestens seit dem Film „We feed the world“ des Österreichers Erwin Wagenhofer setzen sich auch in Deutschland immer mehr Menschen mit der globalen Vernichtung von Lebensmitteln auseinander und suchen in Mülltonnen von Discountern und Supermärkten nach verwertbarem Essen. Filmemacher Valentin Thur n hat diesem Bewusstsein mit seinem Dokumentarstreifen „Taste the waste“ noch einmal Schwung gegeben.

Die Motive der Mülltaucher sind sehr unterschiedlich. „Es gibt Menschen, die aus finanzieller Not heraus in Müllcontainern nach essbaren Nahrungsmitteln suchen“, erzählt Til, der erst vor kurzem zu den Containerleuten gestoßen ist. Oft handelt es sich jedoch um eine politisch motivierte Lebenseinstellung. Auch Sarah containert nicht, weil sie arm ist. Die junge Frau studiert Physik und arbeitet. „Ich bin eine Gegnerin der Wegwerfgesellschaft und will mich dem vorherrschenden Konsumkreislauf entziehen“, begründet sie ihren Lebensstil. Ein Argument, das viele Mülltaucher eint. Denn allein in Deutschland landen nach vorläufigen Schätzungen bis zu 20 Mio. t Nahrungsmittel jährlich im Müll, heißt es aus dem Bundesverbraucherministerium. Das Ministerium geht davon aus, dass ein Drittel davon bei der Landwirtschaft, ein Drittel beim Verbraucher und ein Drittel von Handel und Herstellern vernichtet werden. Doch konkrete Zahlen gibt es zurzeit nicht.

Dass die Zahlen nicht zu unterschätzen sind, stelle ich spätestens an unserer ersten Containerstation fest. Sarah versucht es zuerst bei einem Discounter in Friedrichshain. Sie weiß, wo sie fündig werden kann und wo nicht: Die Studentin ist Profi. Bereits seit 2005 containert sie, seit vier Jahren lebt sie fast ausschließlich von weggeworfenen Lebensmitteln. Mittlerweile hat sie das Mülltauchen in ihren normalen Tagesablauf integriert. „Wenn ich auf meinem Weg von der Uni oder von Freunden bei Lebensmittelhändlern und Drogeriemärkten vorbeikomme, schaue ich ganz automatisch in die Container und hole mir die brauchbaren Produkte heraus“, sagt sie. Auch heute hat sie Glück. Der Container ist nicht verschlossen oder weggesperrt. „Hier schmeißen die Angestellten bereits ab 20 Uhr Lebensmittel weg“, sagt Sarah. Entsprechend voll ist die Tonne: Obst und Gemüse mit leichten Druckstellen oder ohne, Joghurt vor dem Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums, Produkte mit leichten Schäden an der Umverpackung. Das alles sind Produkte, die der Handel wegwirft. „Beim letzten Mal habe ich zehn Töpfe Basilikum aus der Tonne gefischt“, berichtet Sarah. Aber auch wenn die Container voll sind: „Ich nehme nicht alles, da ich weiß, dass nach mir auch noch welche kommen. Und natürlich mache ich um leicht verderbliche Lebensmittel wie Fleisch, Fisch oder Eier einen Bogen“, schränkt sie ein.

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