Einweg oder Mehrweg Es braucht Standards

Mehrweg oder Einweg? Daran scheiden sich die Geister. Im Getränkesegment gibt es eine Mehrweg-Zielquote von 70 Prozent. Jetzt geraten Gastronomie und FMCG-Produkte in den Blick.

Montag, 29. Mai 2023 - Management
Tobias Dünnebacke und Matthias Mahr
Artikelbild Es braucht Standards
Thomas Reiner spricht auf dem Forum Symposium Feines Essen und Trinken in München am 16. Juni 2023 zum Thema Verpackung und Gamechanger.
Bildquelle: Nestlé

Für Umwelt- und Klimaschützer gibt es eigentlich nur einen Weg: Mehrweg! Bei Getränken hat es in Deutschland schon immer funktionierende Mehrwegsysteme gegeben. Bierbrauer und Mineralbrunnen haben dieses System bereits vor dem Nachhaltigkeitszeitalter ins Leben gerufen. Die Brunneneinheitsflasche mit den Perlen und Standardgebinde beim Bier sowie einheitliche Kästen sorgten für optimale Bedingungen in der Mehrwegabwicklung. Die Differenzierung der Marken erfolgte durch Etiketten oder Kronkorken. Mit den Kunststoffflaschen änderte sich in den 90er-Jahren das Bild.

Es braucht Standards, bloß keine Insellösungen

Mehrweg liegt im Trend, weil es die regulativen Kräfte so beschlossen haben. Auch Konsumgütergrößen wie Nestlé steigen in das Thema ein. Das Start-up Circolution testet im Frankfurter Raum gemeinsam mit Nesquik und einem Kaffeeröster einen Mehrwegbehälter auf Herz und Nieren. Das Ergebnis liegt nicht vor. Die Herangehensweise ist aber symptomatisch: Wie im Gastronomiebereich machen Insellösungen keinen Sinn. Mehrweg kann nur funktionieren, wenn produktübergreifend gedacht wird. Nur durch Skalierung werden Mehrwegsysteme effizient und sind dann auch Einweg ökologisch überlegen. Insellösungen sind Augenwischerei und nach Meinung der Experten reines Marketing – nicht mehr.

Walmart und Target mit Vorreiterrolle
Inzwischen jedoch ist die Außer-Haus-Gastronomie verpflichtend beim Mehrwegthema ankommen. Seit 1. Januar dieses Jahres sind gastronomische Betriebe, Cateringunternehmen und der Lebensmittel-Einzelhandel verpflichtet, ihr Take-away-Essen auch in Mehrwegverpackungen anzubieten. Städte sollen dadurch beim Müllaufkommen entlastet werden. Die Deutsche Umwelthilfe „wacht“ über die Umsetzung und klagt bei Nichteinhaltung.

Konsumgüterriesen wie Nestlé oder Henkel, aber auch Drogeriemärkte gehen sogar schon einen Schritt weiter, den auf die Fläche: Nestlé testet seine Kakaomarke in einem Mehrwegstahlbehältnis, Henkel oder dm arbeiten an Refillsystemen, um Einwegverpackungen zu sparen. Thomas Reiner, CEO bei Berndt & Partner, einem weltweit tätigen Beratungsunternehmen rund um Verpackungsfragen, betont: „Jeder sagt, Refill ist schwierig, funktioniert nicht. Ich sage aber, es wird kommen. Wir sollten spüren, wo uns die Logiken im Markt hinbewegen. Die komplexe Dynamik der Verpackung treibt uns zur Anpassung.“ Reiner bringt es auf den Punkt: „Die Veränderung ist von außen getrieben, das hat etwas mit NGOs zu tun und damit, wie sich die Regulierung bewegt. Am Anfang dachten wir, dass sich beim Thema Verpackung alles an der Kunststoff- und Recyclingfrage löst. Inzwischen versteht jeder, dass alle Materialien betroffen sind und das Thema deutlich über die Recyclingfrage hinausgeht.“

„Die komplexe Dynamik der Verpackung treibt uns zur Anpassung.“

Thomas Reiner, Geschäfstführer Berndt + Partner, spricht auf dem Symposium Feines Essen und Trinken am 16. Juni 2023 in München zum Thema Verpackung und Gamechanger

 

Der Handel dürfte an Mehrweglösungen für Konsumgüter trotz zum Teil automatisierter Vorgänge über Rücknahmeautomaten kein Interesse haben. „Das braucht Platz und es werden Mitarbeiterkapazitäten gebunden“, formuliert Prof. Dr. Carsten Kortum von der DHBW in Heilbronn. Die Verpackungsberaterin Sonja Bähr, Tilisco, sieht Mehrweg ebenfalls kritisch: „Gerade bei Kakao muss ein Gebinde nach dem Waschen trocken sein, um Keimbildung zu verhindern.“ Sie sagt: Mehrweg sei nicht per se eine bessere Lösung. Mahnend schiebt sie nach: Eine echte strukturelle Untersuchung müsse endlich her. Mehrweg heiße nämlich auch: zusätzliche Wege, zusätzlicher Energieverbrauch und der Aufbau eines Clearingsystems.

Es brodelt in der Getränkeindustrie
Was aber alle Experten unisono sagen: Mehrweg als Insellösung für einzelne Marken ist nicht der Weg. „Bei Mehrweg müssen wir Komplexität rausnehmen. Es wird nicht jeder Konsumgüterartikel im Mehrweg landen. Wenn wir aber bei diesem Thema differenzieren zwischen dem Bereich Transport- und Serviceverpackungen, dann werden mehr Ansätze sichtbar. Bei Walmart und Target in den USA laufen viele Projekte zu Mehrweg und Refill. Das treibt auch unseren Handel“, meint Reiner. Natürlich hätte der Händler ein Problem, wenn er den Konsum im Regal um die Hälfte einkürzen müsste, weil er für Mehrweg doppelt so viel Platz braucht.

Auch wenn die Mehrwegquote bei Getränken aktuell nicht das heiße mediale Eisen ist, brodelt es unter der Oberfläche. Mit der grünen Ministerin Steffi Lemke kam wieder deutlich mehr Zug in die Frage, wie man den Deutschen die Mehrwegflasche noch schmackhafter machen könne. Politisch gewollt ist eine Quote von mindestens 70 Prozent in Mehrweg-Gebinden bei Getränken. Derzeit dümpelt der Anteil bei rund 42 Prozent, sehr zum Leidwesen von Umweltverbänden.

Eine erste Bombe ließ Ende 2021 das Ökopol-Institut mit einem Maßnahmen-Katalog platzen: Neben der schon seit Langem diskutierten künstlichen Verteuerung von Einwegverpackungen über eine Steuer oder Lenkungsabgabe haben die Forscher eine Mehrwegangebotspflicht für den Handel ins Spiel gebracht. „Die Mindestanteile müssen in jeder einzelnen Verkaufsstelle erfüllt werden und sollten mindestens 30 bis 50 Prozent des Sortiments des jeweiligen Segments betragen“, so der entscheidende Passus in dem Ökopol-Papier. Eine Idee, die besonders die einwegorientierten Discount-Ketten aufhorchen ließ. Der Händler Aldi ist bereits an zwei regionalen Testballons aus logistischen Gründen bei Mehrweg gescheitert. Kritiker monieren, der Versuch sei nicht ernsthaft gewesen.

Doch was ist aus der Diskussion geworden? Erstaunlich wenig. Das Thema „Mehrwegangebotspflicht für den Handel“ spielt öffentlich derzeit keine große Rolle und wird von der Angebotspflicht für gastronomische To-go-Artikel überschattet.

Europäische Verpackungsverordnung kommt

„Das liegt an der Debatte über einen Vorschlag für eine Verordnung des EU-Parlaments und des Rates zu Verpackungen und Verpackungsabfälle (PPWR), die schärfer ausfallen könnte als das, was in Deutschland geplant ist“, weiß Benedikt Kauertz, Fachbereichsleiter beim Heidelberger Ifeu-Institut. Eine Mehrwegquote soll nicht nur für den Handel, sondern auch für die Produzenten gelten. „Bis 2030 sind 20 Prozent und bis 2040 80 Prozent der Kalt- und Heißgetränke in Behältnissen abzufüllen, die Teil eines Wiederverwendungssystems sind, oder es muss den Verbrauchern die Möglichkeit angeboten werden, ihre eigenen Behältnisse mitzubringen. Bierhändler müssten beispielsweise 10 Prozent bis 2030 und 25 Prozent bis 2040 ihrer Waren in Mehrwegbehältern verkaufen“, heißt es in einem Entwurf. Derzeit wird das Vorhaben in den Ausschüssen des Europäischen Parlaments debattiert.

Bestens vertraut damit ist Tobias Bielenstein, Sprecher der Genossenschaft Deutscher Brunnen (GDB): „Die aktuellste Entwicklung ist die, dass die Herstellerverpflichtung schon wieder zur Disposition steht und nur der Handel in die Pflicht genommen wird“, erklärt der Experte für Mehrwegkreisläufe. „Wenn es dabei bliebe, hätten wir keine Sorge.“ Was Bielenstein jedoch umtreibt, sind Pläne für eine serielle Kennzeichnung der Flaschen sowie hohe Anforderungen an die Nutzung von recyceltem PET in Kisten. Wenn deswegen die deutsche Getränkewirtschaft Millionen alte Gebinde nicht mehr verwenden könnte, käme das einem Super-GAU gleich.

Doch auch eine Mehrweg-Angebotspflicht für unter anderem die Discounter sieht Bielenstein als nicht unproblematisch an. „Das kann enorme Marktveränderungen nach sich ziehen. Bisher ist es so, dass viele Verbraucher in Deutschland ihren Lebensmittel-Einkauf beim LEH tätigen und ihre regionalen Mehrweg-Getränke beim lokalen Fachhändler besorgen. Wenn jetzt Aldi und Lidl auch Mehrweg verkaufen, werden viele Menschen auf den Weg zum Fachhändler verzichten. Das wird eine schwierige Situation für die Betreiber“, ist Bielenstein überzeugt.

Das Argument der Discounter, für Mehrweg nicht die Lager- und Logistik-Kapazitäten zu haben, lässt Bielenstein nicht gelten. „Wenn uns die Vergangenheit etwas gezeigt hat, dann dass die Discounter es nicht nur hinkriegen, sondern es sogar besser machen“, so der GDB-Sprecher. Ähnlich sieht es Thomas Fischer (DUH): „Das ist eine faule Ausrede. Dass der Discount Mehrweg abwickeln kann, zeigen doch die Beispiele Netto und Penny.“ Laut Zeitplan soll die PPWR vor dem Mai 2024 verabschiedet werden. „Bis wir mehr wissen, brauchen wir über einen nationalen Alleingang nicht diskutieren“, so Kauertz.

44,8%

Laut der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung ist 2021 der Einsatz von recyceltem PET bei Plastik-Getränkeflaschen von 34,4 auf 44,8 Prozent gestiegen.

42%

Laut Bundesumweltministerium liegt der Anteil von Mehrweg bei Getränken bei rund 42 Prozent. Weit entfernt von der im Verpackungsgesetz stehenden Quote von 70 Prozent.

4%

Laut WWF wurden 2022 insgesamt 4 Prozent der To-go-Getränke in wiederverwendbaren Behältern ausgegeben. Bei Speisen waren es sogar nur 0,1 Prozent.

Kampf der Verpackungssysteme

In der Getränkebranche tobt schon lange ein Kampf um die Deutungshoheit bei der Frage nach der ökologisch besten Verpackung. Galt Mehrweg lange als Königsweg, wird dieser durch Individuallösungen, lange Transportwege und allgemein das hohe Gewicht von der Gegenseite torpediert. Einwegverpackungen sind leicht und erreichen Rücklaufquoten nahe der 100 Prozent, und auch die Recyclingquote ist hoch. In Wahrheit handelt es sich aber oft um sogenanntes Downcycling. Der Wertstoff wird für andere Produkte verwendet und ist für die Getränkeindustrie für immer verloren. Wenn Einweg eine Zukunft haben soll, muss sich das drastisch ändern. Daher fordern führende Mineralbrunnen ein Erstzugriffsrecht auf den begehrten Stoff.

 

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