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Initiative Tierwohl Schritt für Schritt

Jens Hertling | 20. Februar 2020
Initiative Tierwohl: Schritt für Schritt
Bildquelle: Peter Eilers

Die Initiative Tierwohl (ITW) kündigt ab 2021 eine dritte Programmphase an. Das Ziel ist, dass noch mehr Tierhalter an der Initiative teilnehmen. Verbraucher können das ITW-Schweinefleisch künftig am Produktsiegel erkennen, wie Geschäftsführer Alexander Hinrichs erläutert.

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Die Initiative Tierwohl (ITW) startet 2021 in die dritte Runde. Wo stehen Sie heute?
Alexander Hinrichs: Die Teilnehmer aus Landwirtschaft, Fleischwirtschaft und Lebensmittel-Einzelhandel haben sich auf eine Fortsetzung der ITW verständigt. Das ist ein ganz wichtiger und entscheidender Schritt. Jetzt müssen wir die verbleibenden Monate bis zum Start der dritten Programmphase nutzen, weitere Details wie Teilnahmevereinbarungen für Landwirte und Schlachtunternehmen, Kriterienkataloge und Prüfsystematik festzulegen. Das Ziel ist, im Sommer 2020 den Tierhaltern klar mitzuteilen, wie die Regeln für die nächste Programmphase aussehen.

Die ITW wurde 2015 an den Start gebracht. Können Sie ein kurzes Resümee ziehen?
Insgesamt haben bislang rund 104 Millionen Schweine und ungefähr zwei Milliarden Hähnchen und Puten von der ITW profitiert. Derzeit machen rund 6.700 Landwirte mit. Bei Geflügel deckt die ITW rund 70 Prozent und bei Schwein etwa 24 Prozent der in Deutschland erzeugten Tiere ab. Die teilnehmenden Lebensmittelhändler haben bislang bereits mehr als eine halbe Milliarde Euro bereitgestellt.

Können Sie eine Zusammenfassung für die teilnehmenden Händler geben, was sich für sie ändert?
Wir werden ab 2021 unser Produktsiegel für die Verbraucher auf Schweinefleischware ausweiten. Die Händler können Tierwohlprodukte gegenüber Verbrauchern dann auch bei Schwein umfassend kenntlich machen. In einem weiteren Schritt wird das Finanzierungsmodell geändert. Es gibt bei Geflügel und Mastschweinen für Lebensmittelhändler keine pauschale Einzahlung in einen Fond, sondern die Überführung des Finanzierungsmodells in eine marktnahe Lösung. Das heißt, der Händler kann seine Ware einkaufen und muss natürlich die Mehrkosten für die Tierwohlware einplanen. Er kann das aber viel marktnäher gestalten als bisher. Der teilnehmende Lebensmittel-Einzelhandel hat ebenfalls zugesagt, das Sortiment bei Schwein umfangreich auf Haltungsstufe zwei zu setzen. Der LEH wird die Möglichkeit haben, ganze Sortimentsbereiche umstellen zu können. Die neue Programmphase ist eine Jahrhundertchance. Erstmals kann Tierwohl breitenwirksam über den Markt getragen werden.

Und was ändert sich für die Halter von Geflügel?
Für die Geflügelhalter bleibt vieles so wie es jetzt ist. Allerdings zahlen die Geflügelvermarkter das Tierwohlentgelt künftig bei der Clearingstelle ein und diese gibt es anschließend an die Geflügelmäster weiter. Über die Mehrkosten der Geflügelvermarkter verhandeln diese dann bilateral mit ihren Abnehmern. Auch bei Geflügel haben wir somit ein viel marktnäheres Vorgehen.

Viele Handelsketten wollen auf Dauer beim Frischfleisch komplett auf ITW-Ware umstellen. Wie viele Schweine beziehungsweise wie viel Geflügel brauchen Sie dafür?
Um die Initiative Tierwohl nachhaltig im Markt etablieren zu können, werden wir ab 2021 wesentlich mehr Tierhalter benötigen, die mitmachen. Bei Geflügel wird sich nicht so viel ändern. Hier wird sich nur die Frage stellen, ob wir das Angebot noch ausweiten können, zum Beispiel auf verarbeitetes Geflügelfleisch. Dafür wird es notwendig sein, dass weitere Betriebe teilnehmen. Bei Schweinefleisch ist die Situation anders. Hier wollen wir ab 2021 große Teile des Sortiments umstellen. Nach unseren Berechnungen brauchen wir mittelfristig rund 20 Millionen Schlachtschweine pro Jahr, damit alle teilnehmenden Lebensmittelhändler mit ausreichend Ware versorgt werden können. Das wären rund 40 Prozent der in Deutschland erzeugten Schweine.

Können Sie konkret etwas zu den künftigen Kriterien sagen?
Für uns war es immer wichtig, dass wir möglichst viele Tierhalter mitnehmen und ihnen die Möglichkeit geben, an der Initiative teilzunehmen. Wir werden daher nicht fordern, dass es große Stallumbauten geben muss. Es werden die bisherigen Grundanforderungen, wie zehn Prozent mehr Platz, Tageslicht sowie Maßnahmen zur Tiergesundheit, Pflicht bleiben. Zudem wird künftig aber auch die Gabe von Raufutter verpflichtend sein.

Händler, die nicht an der Initiative Tierwohl teilnehmen, kaufen Fleisch günstiger ein und haben dadurch einen Wettbewerbsvorteil. Wie wollen Sie hier reagieren?
Die nächste Programmphase bietet einen großen Vorteil. Bisher konnten wir beim Schweinefleisch nicht eindeutig kennzeichnen, ob ein Produkt aus der Initiative Tierwohl kommt oder nicht. Das wird sich jetzt ändern. Mit der dritten Phase führen wir auch bei Schweinefleisch die Nämlichkeit ein, sodass die teilnehmenden Lebensmittelhändler viel offensiver werben können. Bei Geflügel ist das bereits seit 2018 möglich. Ich glaube, dass dies über einen bestimmten Zeitraum den Verbrauchern deutlich und erkennbar wird, und dass die teilnehmenden Händler dadurch einen Wettbewerbsvorteil haben.

Wie bewerten Sie den Einfluss steigender Fleischpreise auf das Tierwohl? Wird das zu Problemen bei der Umsetzung des Programms führen?
Die Preise für Schweinefleisch waren auch in der Vergangenheit sehr volatil. Die Landwirte, die ein generelles Interesse haben, etwas für das Tierwohl zu tun und ihren Betrieb unternehmerisch fit für die Zukunft machen wollen, werden sich aber nicht davon abhalten lassen, bei der Initiative Tierwohl mitzumachen. Natürlich müssen wir künftig auch über die Honorierung sprechen und sie auch prüfen, wenn die Preise für Schweinefleisch so hoch sind. Für die Tierhalter ist die Marktlösung eine einmalige Chance, zu zeigen, wie Tierwohl geht – ohne Bevormundung von Politik oder NGOs. Ich glaube, dass es generell in der Landwirtschaft eine große Bereitschaft gibt, mehr für Tierwohl zu tun.

Bei Wurst spielt die ITW bisher keine Rolle. Wie wollen Sie hier reagieren?
Mittelfristig ist es notwendig, die Wurst mit einzubeziehen, da hier viel Fleisch verwertet wird und die Mehrkosten für Tierwohl-Ware nicht einzig am Frischfleisch hängen sollten.

Haben Sie durchkalkuliert, ob der Verbraucher bereit ist, mehr für das Tierwohl auszugeben?
Tierwohl ist ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema. Wir gehen aber sicherlich davon aus, dass Tierwohl-Artikel aus der ITW keine Preise von Bio-Produkten haben werden. Die Preise werden darunter liegen. Wir sind zuversichtlich, dass dieses Modell Verbraucherpreise ermöglicht, die sich ein Großteil der Verbraucher leisten kann und wird. Die Preisgestaltung ist aber die Hoheit der einzelnen Handelsunternehmen.

Was halten Sie vom staatlichen Tierwohllabel, und wie lässt es sich mit der ITW vereinbaren?
Um die Überlegungen zur staatlichen Tierwohlkennzeichnung wirklich bewerten zu können, müssten wir neben den angedachten Kriterien auch ein konkretes Finanzierungsmodell kennen. Da kenne ich bislang noch keine konkreten Pläne. Grundsätzlich sind wir davon überzeugt, dass die Initiative Tierwohl aus Sicht des Marktes ein sehr guter Weg ist und theoretisch auch mit einem geplanten staatlichen Tierwohlkennzeichen kombinierbar wäre. Es ist aber auch wichtig, dass ein staatliches Eingreifen in den Markt der Tierwohlsiegel so gestaltet wird, dass die im Markt befindlichen Siegel davon profitieren. Nur so lässt sich das gemeinsame Ziel ‚mehr Tierwohl‘ erreichen.

Was unterscheidet die Initiative Tierwohl von anderen Initiativen und Labels?
Mit der Initiative Tierwohl ist es erstmalig gelungen, alle zentralen Partner der Wertschöpfungskette in der Schweinefleisch- und Geflügelfleischbranche hinter einem gemeinsamen, ambitionierten Konzept zur Förderung des Tierwohls zu vereinen. Wir geben nicht nur Kriterien vor. Wir haben auch eine Prüfsystematik dahinter. Wir überprüfen die richtige Umsetzung. Und wir finanzieren noch den Mehraufwand, den die Tierhalter haben. Die ITW ist das einzige Tierwohlprogramm, das so breitenwirksam ist.

Wie stellt die Initiative Tierwohl die unabhängige Kontrolle der Umsetzung der Kriterien in den einzelnen Betrieben sicher?
Unabhängige Zertifizierungsstellen überprüfen mit derzeit rund 80 Kontrolleuren zweimal jährlich in jedem Betrieb die Einhaltung der Tierwohlkriterien.

Wann ist mit der Ausdehnung der Initiative auf den Rindfleisch-Bereich zu rechnen?
Wir konzentrieren uns zunächst auf die Weiterentwicklung bei Schwein und Geflügel. Über eine Ausdehnung auf andere Bereiche sprechen wir dann, wenn dies von den Akteuren in der Branche gewollt ist.

Können Tierhalter aus dem Ausland teilnehmen?
Bei Geflügel können jetzt schon ausländische Tierhalter teilnehmen und machen das auch schon seit fünf Jahren. Bei Schweinen sind wir aktuell noch auf den deutschen Markt fokussiert. Wir werden aber gar nicht darum herumkommen, die ITW perspektivisch auch für ausländische Schweinehalter zu öffnen.

Gibt es vergleichbare Initiativen auch im europäischen Ausland?
Über vergleichbare Initiativen beim Fleisch im Ausland ist mir nichts bekannt. Es gibt natürlich Tierwohl in anderen Ländern. Aber, dass sich eine ganze Branche zusammenschließt, ist meines Wissens einmalig.

Wie profitieren die Tiere?
Die Halter müssen den Tieren aus einem festgeschriebenen Katalog Maßnahmen anbieten, wie zum Beispiel mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben und zusätzliche Beschäftigungsmöglichkeiten. Außerdem finden regelmäßig ein Tränkewasser- und Stallklimacheck sowie weitere Maßnahmen für die Tiergesundheit statt. In unangekündigten Kontrollen überprüfen Kontrolleure die Einhaltung der Vorgaben. Diese Kriterien wurden mit Branchenvertretern, mit Wissenschaftlern und Fachleuten zusammen erarbeitet. Die ITW-Kriterien bedeuten durchweg eine Steigerung im Vergleich zu den gesetzlichen Vorgaben. Davon profitieren die Tiere.

Was sagen Sie zu der Kritik, dass die Vorgaben nicht weit genug gehen?
Diese Kritik resultiert aus einem Missverständnis unseres Ansatzes. Wir formulieren keine Idealvorstellung als Zielbild, dem dann nur sehr wenige Betriebe gerecht werden können. Unser Ansatz beginnt nicht beim Ziel, sondern beim Start. Es geht uns darum, die Landwirte dort abzuholen, wo sie stehen. Denn nur wenn viele mitmachen, können auch viele Tiere profitieren. Und das ist die Bedingung dafür, dass ein Mehr an Tierwohl kein Nischendasein fristet, sondern sich in Landwirtschaft, in Handel und Gastronomie weit verbreitet. Tierwohl in der Breite wird nur erreicht, wenn alle Akteure mitziehen. Wir starten also beim Start. Wir haben bei der Entwicklung der Kriterien mit Wissenschaftlern, Praktikern und Tierschützern zusammengearbeitet. Hierbei hatten wir immer die Wirksamkeit, aber auch die Praxistauglichkeit und Marktfähigkeit im Blick. Und so wird es bleiben.