Edeka Hundrieser Schicker Industrie-Charme

Schwarz wie Kohle, leuchtendes Orange wie geschmolzener Stahl – im Edeka-Markt der Familie Hundrieser erinnert vieles an die Zeche, die hier einst stand.

Freitag, 12. Februar 2021 in Ladenreportagen
Heidrun Mittler
Artikelbild Schicker Industrie-Charme
Bildquelle: Guido Leifhelm

Mitten im Pott: Der neu erbaute Markt von Edeka Hundrieser in Essen steht dort, wo bis zum 20. Jahrhundert der Schacht Kronprinz in Betrieb war. Hier fuhren die Bergleute unter Tage, um Steinkohle abzubauen. Die Geschichte des Standorts hat die Gestaltung des Marktes entscheidend beeinflusst. Dieser Teil der deutschen Industriegeschichte prägt die Architektur des Marktes: Backstein, Stahl und Eisen machen dem Kunden bewusst, wo er gerade einkauft.

Und das ohne Kitsch oder Verklärung, sondern mit einer geradlinigen Handschrift und wenigen, wiederkehrenden Bauelementen. Das Familienunternehmen Hundrieser betreibt in der „Ruhrpott-Stadt“ bereits zwei weitere Edeka-Märkte, der dritte befindet sich am Standort Velbert. Auch der Standort Aktienstraße in Essen-Schönebeck ist für die Kaufleute ein alter Bekannter: Schon seit 1988 sind die Hundriesers hier aktiv. 20 Jahre lang hat Inhaber Günter Hundrieser den Neubau entwickelt und „viele Jahre darum gekämpft“. Im Juli vergangenen Jahres schließlich konnte er sein bislang jüngstes Projekt eröffnen. Seiner Einschätzung nach nehmen die Kunden den Markt gut an. „Das Umsatzziel von 20 Millionen Euro jährlich werden wir schnell erreichen“, pro‧gnostiziert er.

Für die Optik des Marktes zeichnet Architektin Valentina Kinzel verantwortlich. Sie weist auf die verwendeten Materialien hin, die einen charakteristischen, industriellen Charme versprühen: Sie hat Materialien aus Ziegelsteinoptik mit matt-schwarz veredelten Metallprofilen kombiniert. Die Tragkonstruktion des Gebäudes ist offen sichtbar und zeigt die beachtliche Höhe von acht Metern bis zur Decke. Sichtbeton, Kupfer sowie eingespannte Gitter als raumtrennende Elemente bilden die Basis. Hinzu kommen Gestaltungskomponenten wie bogenförmige, schlanke Metallprofile, sie deuten die typischen Fensterkonstruktionen alter Produktionshallen an. Kinzel legt Wert darauf, dass sie die Geschichte des Bergbaus ohne kitschige Elemente erfahrbar macht. So ist die Einrichtung in dunklen Farben gehalten (wie die Steinkohle, die früher abgebaut wurde). Für warme Noten sorgen Kupferbleche, auf denen individuell designte Grafiken aufgebracht sind. Diese signalisieren dem Kunden schon auf den ersten Blick, in welcher Abteilung er sich gerade befindet. Auch die Rückwände der Frischetheken zeigen eine Besonderheit: Sie sind mit Holzfliesen und industriellen Fenstern mit orangefarbenen Scheiben gestaltet, die farblich die Stimmung von Hochöfen und geschmolzenem Stahl transportieren.

Nächste Generation im Markt
Marvin Hundrieser, der nach Ausbildung und Studium seinen ersten Markt im Familienverbund leitet, berichtet, wie gut die Umsetzung der Pläne in die Realität gelungen ist. Das liegt unter anderem daran, dass das Architekturbüro Kinzel die Pläne mit einer eigenen Ladenbaufirma realisiert hat. Das Ergebnis ist „aus einem Guss“, sogar mit selbst kreierten, mattschwarzen Leuchten.

Der speziellen Farbgebung mussten sich auch Anbieter wie Tchibo oder Eat Happy anpassen: Der Kaffeeanbieter verzichtet auf sein typisches Blau, der Sushi-Hersteller auf seine sonst genutzten Rot- und Rosa-Töne. Die dunkle Farbgebung sorgt nicht nur für die Bergbau-Szenerie. Sie gibt den Kaufleuten auch die Möglichkeit, die Ware gekonnt in Szene zu setzen. Dabei verzichtet man auf Lichtbänder, stattdessen werden die Produkte direkt angestrahlt und dadurch zum Leuchten gebracht.

Alexander Schäfer, seit zehn Jahren Mitglied der Geschäftsleitung, ist für viele Besonderheiten im Sortiment verantwortlich. So zeigt er die Ruhrfeuer-Fleischwaren, in Essen produzierte Currywurst, Schaschlik- oder Gulasch-Gerichte im Glas. Oder verschiedene Bio-Marken, die man nur selten im Lebensmittelhandel findet: etwa Back- und Kochzutaten von Biovegan, Mühlenprodukte von Bauckhof, Fischkonserven von Pan do Mar, Schokolade von Zotter oder Teigwaren von Alb-Gold.

Darüber hinaus ist Schäfer Befürworter einer ungewöhnlichen Platzierung. An vielen Gondelköpfen steht in der Aktienstraße eine kleine Stolpertruhe. Hier soll der Kunde innehalten und zu einem Impulskauf motiviert werden. „Das ist in Corona-Zeiten besonders wichtig“, erklärt der Geschäftsführer, damit die Kunden nicht zu schnell und zielgerichtet durch den Markt gehen. Was in den kleinen Stolpertruhen platziert wird? Hochwertige Artikel, wie im Backshop selbst hergestellte Kuchen und Torten oder selbst zubereitete und verpackte Gerichte. Das Konzept zum Impulskauf hat man übrigens schon im Markt in Velbert erfolgreich umgesetzt.

In Sachen Personalpolitik setzen die Hundriesers nicht nur auf fest angestellte, sondern auch auf gut geschulte Mitarbeiter. Das ist Voraussetzung für den Erfolg der Bedienungstheken, die vom Ladenbauer Aichinger gebaut wurden. Nebenbei bemerkt weisen sie eine bauliche Besonderheit auf: Die Decken der frei stehenden Theken für Wurst, Käse und Feinkost sind verspiegelt – dadurch wirken sie sehr hell, luftig und großzügig.

Gutbürgerlich bis Asia-Style
Auf das Know-how der Mitarbeiter kommt es beispielsweise bei der Convenience-Theke an. Zwei ausgebildete Köche und ein Küchenteam bereiten an der „Heißen Theke“ saisonal wechselnde Gerichte zum Mitnehmen zu. Eine gutbürgerliche Rinderroulade mit Speckbohnen und Schupfnudeln ist für 10 Euro 90 zu haben, die gefüllte Aubergine mit Couscous und Feta-Käse geht für 7 Euro 90 über die Theke. Hier hat man eine „Multifunktionstheke“ installiert, mit versenkbaren Scheiben – bei Bedarf könnte sie zu einer SB-Theke werden.

So geradlinig das Konzept der Innenausstattung auch sein mag – in der Weinabteilung haben sich die Betreiber einen Hingucker gegönnt: einen opulenten Kronleuchter, der die gesamte Abteilung erstrahlen lässt. Hier lassen sich auch die zum Teil exquisiten Weinsorten wunderbar in Szene setzen, genauso wie die lokale Spirituose – ein Kräuterlikör „Bor‧becker Schlosstropfen“ zu 16 Euro 99 die Flasche.

Weitere Umbauten im Blick
Günter Hundrieser wäre kein Vollblutkaufmann, wenn er nicht schon die nächsten Umbauten im Blick hätte. Schon im Sommer will er den Standort Essen-Rüttenscheid modernisieren. Danach steht der Markt Hatzper Straße in Essen-Haarzopf an. Schließlich steht er auf jeder Verkaufsfläche in intensivem Wettbewerb mit anderen, leistungsstarken Händlern am Ort.

Perspektivisch aber will er sich in ein paar Jahren „mehr Freizeit“ gönnen und dann auch den jüngeren Mitstreitern in der Geschäftsführung das Zepter überlassen.

Fakten im Fokus

2.520 qm Verkaufsfläche
90 Mitarbeiter (Köpfe), keine Aushilfen
über 40 Prozent Umsatzanteil Frische
4 Self-Checkout-Kassen (plus 7 weitere Kassen)
von montags bis samstags 7 - 21 Uhr

Schnell gelesen
Edeka Hundrieser, Aktienstr. 42, 45359 Essen-Schönebeck

  • Neubau am Standort, der schon seit 1988 in Betrieb war. Zuvor stand hier eine Zeche (Schacht Kronprinz).
  • Markt eröffnet im Juli 2020. Die Familie betreibt drei weitere Märkte in Essen und Velbert.
  • Das Thema Bergbau wird optisch durchgehend umgesetzt, mit wenigen, wiederkehrenden Elementen.
  • Großes Angebot an Convenience-Produkten: vom selbst hergestellten Snack bis zum verzehrfertigen Gericht.