Die Käsebranche nutzt den anhaltenden Proteintrend nach Ansicht des Rewe-Kaufmanns Benjamin Haase bislang kaum – und lässt damit Umsatz liegen. Bei der Podiumsdiskussion „Die Käsetheke der Zukunft – Profilierung zwischen Genuss, Effizienz und Personalmangel“ zum Käse-Star 2026 der Lebensmittel Praxis in der Flora in Köln forderte Haase, Käse stärker über seinen Nährwert zu positionieren. „Ich glaube, wir müssen bei Käse etwas aus der Nische raus“, sagte der Inhaber von Rewe Haase.
Als Beleg für das aus seiner Sicht ungenutzte Potenzial verwies Haase auf Wettbewerber außerhalb der Käsetheke. „Es gibt Anbieter, die machen eine Dose, da steht Protein drauf, und verkaufen die für 25 Euro“, sagte er. Dem stellte er das eigene Sortiment gegenüber: „Wir haben die Proteine in unserem Käse drin, und ich glaube, wir müssen das nutzen.“ Wer eine solche Dose kaufe, meine damit gesund leben zu können, so Haase – dabei liege der Proteingehalt im Käse ohnehin hoch.
Wie schnell sich ein Nährwertversprechen im Regal durchsetzen kann, machte Haase am Beispiel von Frischkäse- beziehungsweise Quarkprodukten deutlich. Früher hat man aufpassen müssen, „dass das Pöttchen irgendwie nicht abläuft“, heute gibt es sechs oder sieben Anbieter mit entsprechend positionierter Ware, und man kommt mit der Nachlieferung kaum nach, wie er schilderte. Seine Schlussfolgerung: „Egal, wer jetzt ‚Proteine‘ draufschreibt in der Milchwirtschaft, die Produkte gehen weg.“ Bei Käse müsse dieses Argument „einfach noch viel mehr raus“, sagte Haase. „Da haben wir unheimliche Marktchancen, noch deutlich mehr Käse zu verkaufen.“
Konkrete Zahlen zum behaupteten Absatzpotenzial nannte Haase auf dem Podium nicht. Als Weg in die Öffentlichkeit brachte er Social Media ins Spiel: „Wir müssen einfach Influencer mal buchen“, die darauf hinweisen, wie viel Protein in Käse steckt. In den USA ist der Hype um das Thema nach seinen Worten noch größer. Der Kunde suche danach, und die Verbraucher würden sich immer gesünder ernähren, argumentierte Haase. Auf die Nachfrage der Moderation, ob dadurch Druck in die Kette komme, antwortete er zustimmend und sprach von einer „Kaufinitiative“.
Die Proteinpositionierung war Teil einer breiteren Antwort auf die Frage, welche Sortimentsbausteine an der Käsetheke Zukunft haben. Regionalität sei für alle Marktbetreiber wichtig, sagte Haase und verwies auf die bei seinen Kunden beliebte Holsteinische Käsestraße. Auch Bio wachse weiter, „auch wenn der Kunde vielleicht preissensibler wird“. Von der Industrie wünscht sich Haase, kurzlebige Trends mitzugehen und Innovationen zu liefern – am Ende entscheide aber der Kunde, dem das Produkt schmecken müsse.
Verkostungen zur Profilierung der Theke
Andere Teilnehmer der Runde setzten bei der Profilierung der Theke andere Schwerpunkte. Frank Ebrecht, Geschäftsführer von Edeka Niemerszein in Hamburg, verwies darauf, dass Trends aus Social Media sehr schnell wechselten; er denke etwa an Käse mit Matcha, „aber ich denke, das ist relativ schnell wieder vorbei“. Entscheidend seien Geschmack und Kreativität, sagte Ebrecht – und nannte als Rezept für neue Entwicklungen: „Verkosten, verkosten, verkosten.“
Oliver Blank, Geschäftsführer beim Ladenbauer Aichinger, riet den Händlern, kritisch zu prüfen, ob Käse wirklich ihr „Leidenschaftssortiment“ sei. Wer sich das nicht zutraue, solle das Sortiment eng halten; wer es sich zutraue, solle „wirklich Gas geben für diesen Spezialitätenabschnitt“, so Blank. Er verwies zudem auf eine weitere Zielgruppe: „Käse hat eine wunderbare Auswahl für alle Vegetarier.“
Bedientheke und SB müssen nebeneinander bestehen
Einig war sich die Runde darin, dass Bedientheke und Selbstbedienung nebeneinander bestehen müssen. Händler müssten heute beides anbieten, sagte Haase: den schnellen Einkauf über Prepack für Kunden, die Vertrauen in die Qualität hätten, und die Beratung an der Theke für alle anderen. Ebrecht berichtete, sein Haus biete denselben Käse oft zum gleichen Preis an Theke und in SB an; der Kunde habe damit die Wahl. Blank hält es für einen Erfolgsfaktor, SB-Präsentationen so an die Bedientheke anzudocken, dass die Ware nicht „in den optischen Abfall“ der Industrieware rutscht, sondern als liebevoll zubereitete Spezialität wahrgenommen wird.
