Interview Rissel - Edeka Südwest Paprika vom Bodensee

Nennenswerte Zukäufe dürfte es für die Genossen kaum mehr geben. Harald Rissel, Chef der Edeka Südwest, zu Wachstums-Chancen im
Rhein-Main-Gebiet und der Bedeutung regionaler Produkte.

Donnerstag, 30. September 2010 - Management
Markus Oess
Artikelbild Paprika vom Bodensee
Bildquelle: Markus Oess

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Es geht voran bei Blaugelb im Südwesten. Einzig Marktkauf bleibt hinter den Erwartungen zurück. Dennoch blickt Geschäftsführer Harald Rissel optimistisch in die Zukunft. Bei den regionalen Produkten setzen die Genossen auf Vertragsanbau.

Herr Rissel: Die Edeka hat in den vergangenen Wochen Treff-Discounter neu oder wieder geöffnet, erlebt Treff eine Renaissance?
Harald Rissel: Nein, davon kann keine Rede sein. Treff war und bleibt vor allem eine „Einrichtung“ zur Weiterführung bestehender Flächen.

Wie laufen derzeit die Discounter?
Auf bestehender Fläche haben wir aufgelaufen ein Plus von 1,67 Prozent. Wir können damit zufrieden sein.

Was sind die Gründe für diese positive Entwicklung?
Die Treff-Standorte sind in aller Regel Nahversorger-Standorte. Zurzeit haben Nahversorger wieder stärkeren Zulauf, davon profitieren wir natürlich.
Die Flächen liegen bei 750 qm.

Rewe hat ein Kleinflächen-Konzept aufgelegt, wäre das auch etwas für Edeka?
Wir betreiben mit „nah und gut“ schon seit Mitte der 90er-Jahre ein Nahversorgerkonzept, auch mit Innenstadtlagen. Das ist keine Neuerfindung. Mittlerweile sind wir im Schnitt bei 800 qm VKF. Sie sehen also: Wir tun etwas für die Nahversorgung unserer Kunden.

Wie geht es in Rhein-Main weiter, nachdem Sie bei dem Kaiser’s-Deal nur zuschauen durften?
Sicher hat uns die Entscheidung des Bundeskartellamtes geärgert. Aber sie wirft uns nicht um Lichtjahre zurück. Wir hatten vor einigen Jahren dort ein Potenzial von 80 Standorten ausgemacht. Bis heute haben wir davon 36 Märkte eröffnet, 11 Standorte sind gesichert. Das ist eine gute Bilanz.

Sie wollten aber bis 2010 fertig werden?
Die Planungen haben wir auf dem Stand von 2005 gemacht, da waren die Voraussetzungen noch etwas anders und wir hatten natürlich auch ein Auge auf einzelne Standorte von Tengelmann geworfen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir unsere Ziele erreichen.

Gibt es einen neuen Zeitplan?
Wir entwickeln die nächsten Märkte Schritt für Schritt und sind gut unterwegs, auch zeitlich.

Was macht Marktkauf?
Wir liegen unter den geplanten 2 Prozent Zuwachs. Damit kann keiner zufrieden sein. Wir sind einfach noch nicht soweit, bleiben aber weiter optimistisch was die künftige Entwicklung betrifft.

Woran liegt es?
Wir konnten bei der Umstrukturierung auf Grund der äußeren Gegebenheiten nicht so vorgehen, wie wir es uns gedacht hatten. Immerhin haben wir die Foodumsätze sogar wieder steigern können. Nun muss uns das auch bei Nonfood gelingen. Ich bleibe aber dabei: für Großflächen wie Marktkauf brauchen wir standortbezogene Konzepte.

Wird weiter privatisiert?
Sofern es die Umstände hergeben, das heißt auch, wenn die passenden Kaufleute bereit stehen, wird weiter privatisiert.

Wie viele Häuser werden dauerhaft in Regie bleiben?
Stand heute bleibt ein großer Teil in Regie.

Sie haben ja Neueröffnungen unter Marktkauf nicht ausgeschlossen, gibt es dazu konkrete Pläne?
Ohne konkret werden zu wollen, könnte für zwei, drei Objekte das Marktkauf-Konzept interessant sein.

Es gibt also keine Pläne dazu?
Mehr können wir dazu momentan nicht sagen.

Sie haben von Lupus einen C+C-Betrieb übernommen, welchen strategischen Stellenwert räumen Sie überhaupt Ihren Großmärkten ein?
Für uns hat das Großverbrauchergeschäft einen besonderen Stellenwert. Wir haben hier in der Region viel Tourismus, Industrie usw. Mit einem Umsatz von fast 400 Mio. Euro ist das für uns ein wichtiges Standbein, das uns einige Vorteile verschafft.

Wird das Geschäft mit 22 Märkten forciert, während der Marktführer an der Restrukturierung arbeitet?
Wir hatten die Gelegenheit bei Lupus genutzt. Jetzt sind wir ganz gut vernetzt in unserem Absatzgebiet. Wir werden primär an den bestehenden Märkten arbeiten.


Im Grunde ist doch der Markt verteilt, was kann Edeka besser als die Konkurrenz?
Das Abholgeschäft ist weniger ausgeprägt, unsere Stärken liegen in der Zulieferung. Da macht uns so schnell keiner etwas vor. Wir können auf gewachsene Strukturen und ausgereifte Prozesse zurückgreifen

Edeka hat unlängst eine regionale Bäckerei geschluckt, würden Sie sich auch einen größeren Brocken zutrauen?
Auch hier gilt: Wir haben unser Filialnetz mit dem Zukauf optimiert. Im Augenblick haben wir deshalb keinen weiteren Bedarf.

Wie sieht es mit dem Fleischwerk in Rheinstetten aus, Sie wollten mit dem Bau Januar 2011 fertig sein?
Wir wollten im Sommer 2011 ans Netz gehen. Das werden wir auch einhalten. Wir können dann bis zu 20 Prozent mehr produzieren, obwohl wir unsere Werke in Offenburg, Mögglingen und Heddesheim schließen. Das Fleischwerk in Blumberg, wo wir unseren Schinken produzieren, bleibt natürlich weiter in Betrieb.

Edeka Nord führt Unsere Heimat ein, ein Konzept, das vor einigen Jahren hier entwickelt wurde, wie viel Umsatz machen Sie damit?
Bei unserer regionalen Marke stehen die regionale Identität und die Förderung der heimischen Landwirtschaft im Fokus. Zurzeit haben wir alleine im Bereich Obst und Gemüse ein Sortiment von fast 100 Artikeln. Über das ganze Jahr gesehen erreichen wir damit einen Umsatzanteil im niedrigen zweistelligen Bereich. Hinzu kommen die übrigen Sortimentsbereiche. Gut unterwegs sind wir auch beispielsweise bei den Molkerei-Produkten.

Wird das Sortiment noch weiter ausgebaut?
Es gibt da schon noch Potenzial, vor allem beim Vertragsanbau. Wir haben schon jetzt Erzeuger, die uns exklusiv Cocktail- und Rispentomaten, angebaut in der Nähe von Stuttgart, liefern. Ab 2012 werden wir Paprika vom Bodensee verkaufen. Weitere Kooperationen haben wir geplant.

Was sagen Ihre denn Ihre Erzeuger dazu: Ist für sie die Rechnung aufgegangen?
Sicher brauchen beide Seiten eine wirtschaftlich ordentliche Basis für eine langfristige Zusammenarbeit. Das ist aber auch eine Frage der Glaubwürdigkeit. Außerdem: Wenn unsere Erzeuger wieder abspringen würden, stünden wir ohne Ware da.