Einkaufen mit Handicap Für die leisen Kunden

Kaufmann Dirk-Uwe Clausen hat sich für eine besondere Sprachausbildung seiner Mitarbeiter entschieden: Sie werden in Gebärdensprache geschult.

Freitag, 29. Januar 2021 in Management
Linda Ewaldt
Artikelbild Für die leisen Kunden
Bildquelle: Edeka/Christian Schmid

Herr Clausen, was war der Initialzünder für den Entschluss, die Mitarbeiter in Gebärdensprache auszubilden?
Dirk-Uwe Clausen: Naturgemäß sind gehörlose Kunden ja eine sehr leise Gruppe. Trotzdem ist mir punktuell im Markt immer wieder aufgefallen, dass einige gehörlose Menschen zu unseren Kunden gehören. Als mich dann die Manimundo GmbH für ein Pilotprojekt kontaktiert hat, war ich sofort begeistert. Auch meine Mitarbeiter erklärten sich gleich freiwillig bereit, Gebärdensprache zu lernen. Manimundo bietet jedem die Möglichkeit, Gebärdensprache online zu lernen, wir bekamen aber einen zusätzlichen Tutor stundenweise in den Markt.

Covid-19 und die Maskenpflicht macht die Kommunikation komplizierter für schwerhörige oder gehörlose Menschen. Die Chance auf Lippenlesen fällt weg. Haben Sie das Gefühl, dass es seitdem mehr Nachfrage nach Ihrem Angebot gibt?
Die Situation war schon vor Covid-19 schwierig, aber eine Hörbehinderung ist eben eine nicht sichtbare Behinderung. Wie viele gebärdende Kunden tatsächlich bei uns einkaufen, wissen wir nicht. Das Ganze war auch keine statistische Entscheidung und ist nicht an einen höheren Umsatz gebunden. Aber wir freuen uns, diese Kommunikationsmöglichkeit anbieten zu können und bekommen von Kunden mit und ohne Behinderung ein gutes Feedback.

Der Umsatz ist gleich geblieben. Haben Sie dennoch etwas gewonnen?
Auf jeden Fall! Es gibt mir einfach ein gutes Gefühl, dazu beizutragen, dass Menschen mit Behinderung als ein ganz normaler Teil unserer Gesellschaft gesehen werden – denn das sind sie schließlich. Außerdem bin ich auch stolz auf meine Mitarbeiter. Sie haben Lernbereitschaft und viel Motivation bewiesen. Es ist schön zu beobachten, wie sie gemeinsam Vokabeln lernen. Durch Corona mussten wir den Kurs vorübergehend unterbrechen, aber alle haben sich in der unfreiwilligen Pause bereits auf das Weiterlernen gefreut.

Einige Kunden haben Ihnen gesagt, wie wichtig dieser Vorstoß ist. Gibt es Anekdoten, was Kunden aufgrund ihrer Behinderung schon erleben mussten?
Ein Kunde war mit seiner dreijährigen Tochter in einem anderen Markt einkaufen. Als es darum ging, an der Kasse zu bezahlen, wandte sich die Kassiererin an das kleine Mädchen statt an ihren erwachsenen Vater. Das wirkt natürlich unglaublich entmündigend und war für den Kunden ein schwerer Schlag. Wenn die Verkäufer gebärden können, wird die Kommunikationsschwierigkeit weiter abgebaut, und es kommt gar nicht erst zu diesen Situationen. Unabhängig davon sollten wir nie vergessen, dass auch Menschen mit Behinderung erwachsen und selbstbestimmend sind. Den Vater direkt anzusprechen, wäre das richtige Verhalten gewesen.

Was hat sich für Ihre Mitarbeiter durch die ungewöhnliche Fortbildung verändert?
Gebärdensprache ist eine neue Sprache, und sie zu lernen ist eine große Herausforderung! Ist diese erst einmal gemeistert, steigert das natürlich das Selbstbewusstsein der Mitarbeiter. Damit hat der Kurs auch noch mehr Spaß in den Alltag gebracht. Außerdem würde ich sagen, dass der Umgang mit Menschen mit Behinderung sich für meine Mitarbeiter verändert hat. Sie gehen mit weniger Scheu auf andere Menschen zu, egal ob gehörlos, gehbehindert oder mit kognitiven Einschränkungen.

Arbeiten Sie auch am Abbau von Barrieren für Menschen mit anderen Einschränkungen?
Ja. Unser Markt ist barrierefrei zugänglich, und wir achten auf breite Gänge. Wir haben viele Kunden mit Rollator oder Rollstuhl, da ist uns die Barrierefreiheit besonders wichtig. Deswegen lassen wir uns auch regelmäßig neu für generationsfreundliches Einkaufen zertifizieren.

Was möchten Sie gerne anderen Kaufleuten mit auf den Weg geben?
Ich kann nur jedem Kaufmann und jeder Kauffrau empfehlen, ihre Mitarbeiter auch in Gebärdensprache ausbilden zu lassen oder anderweitig für Menschen mit Behinderung zu sensibilisieren. Der Kostenfaktor ist niedrig, der soziale Gewinn aber umso höher. Schön wäre es, wenn Gebärdensprache zukünftig auch ein Ausbildungsfach in den Berufsschulen wäre.