Kaiser‘s Tengelmann Künftig ohne Kaffeekanne

Mit jeder Filialschließung verschwindet Kaiser‘s Tengelmann ein Stück mehr. Doch auch wenn der Verkaufsprozess den Niedergang der einst innovativen Marke beschleunigt, hat dieser schon lange vorher begonnen.

Montag, 07. November 2016 in Management
Sonja Plachetta
Artikelbild Künftig ohne Kaffeekanne
Bildquelle: Stefan Mugrauer, dpa / picture alliance, Norbert Schmidt, zweimalig, DHBW Heilbronn, Christina Steinhausen

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1993, im Jahr des 100-jährigen Tengelmann-Bestehens, zählte das Unternehmen nach eigenen Angaben zu den größten Lebensmittel-Filialbetrieben der Welt. 23 Jahre später wird der Speisewagen endgültig abgekoppelt von dem Zug, von dem Senior-Chef Erivan Haub häufig sprach, wenn er den Aufbau verschiedener Unternehmensbereiche meinte. Die Mülheimer lassen die Lebensmittelsparte hinter sich.

Egal, ob im Schlichtungsverfahren unter Leitung von Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) eine Einigung erzielt wird und die Kaiser’s-Tengelmann-Filialen unter den Marktführern Edeka und Rewe aufgeteilt werden, ob die Ministererlaubnis per Gerichtsbeschluss doch noch durchgewinkt wird und die Blau-Gelben aus Hamburg alle Märkte bekommen oder ob das Unternehmen zerschlagen wird (stand bei Redaktionsschluss noch nicht fest): Klar ist, dass die berühmte Kaiser‘s-Kaffeekanne verschwinden wird.

An den Kaiser’s-Läden in Nordrhein-Westfalen und Berlin sowie an den Tengelmann-Filialen in München wird künftig ein anderer Name stehen, falls sie nicht, was vor allem bei vielen Standorten in NRW befürchtet wird, geschlossen werden. Der Sohn des Senior-Chefs, Karl-Erivan Haub, der das Unternehmen seit dem Jahr 2000 in fünfter Generation führt, hat das entschieden. Seine Geduld ist am Ende. Denn allein in diesem Jahr sei bei der Supermarktkette mit einem Verlust von 90 Mio. Euro zu rechnen, teilte das Management dem Eigentümer im September mit. Da laut Raimund Luig, Sprecher der Geschäftsführung, die Umsätze weiter sinken, verschlechtert sich die Situation quasi von Tag zu Tag.

Als nach dem Scheitern der Rettungsgespräche zwischen Haub, Edeka-Chef Markus Mosa und Rewe-Chef Alain Caparros feststand, dass Rewe, Norma und Markant ihre Klagen vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf gegen die Ministererlaubnis nicht zurückziehen würden, hat der Tengelmann-Eigentümer deshalb zunächst die 102 Filialen in NRW zum Einzelverkauf angeboten. Diverse Handelsunternehmen, darunter Lidl und dm, bezeugten ihr Interesse daran – wenn auch sicher nicht an allen Standorten. „Diese Verkaufsankündigung sehe ich als eine Art Ultimatum an, das nicht so heißen durfte. Es war eine Art letzte Drohung, um die Rewe unter Druck zu setzen“, sagt Handelsexperte Thomas Roeb von der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

„Basta“- Kanzler legt sich ins Zeug

Während seiner Kanzlerschaft beendete Gerhard Schröder politische Diskussionen gern mit dem Machtwort „Basta“. Ob er so die zerstrittenen Parteien im Fall Kaiser‘s Tengelmann zu einer Einigung bewegen kann? Seinebisherige Bilanz als Mediator in der Wirtschaft ist auf jeden Fall durchwachsen. Immerhin hat der Sozialdemokrat bei den Verhandlungen mit den Chefs der Supermarktkettenbis Redaktionsschluss einen Teilerfolg erzielt. Das Bundeskartellamt prüft, welche Kaiser‘ s-Tengelmann- Filialen Rewe in Berlin und NRW ohne kartellrechtliche Probleme übernehmen könnte.

Denn im Gegensatz zu Norma und Markant, die – laut Medienspekulationen aufgrund einer Abfindung – eingelenkt haben, hält Rewe bis Redaktionsschluss an seiner Beschwerde fest. „Rewe ist mit Geld nicht gedient“, erklärt Roeb. „Edeka hat die Rewe durch mehrere große Akquisitionen in der Vergangenheit weitgehend abgehängt. Edeka hat mehr als 40 Mrd. Euro Food-Umsatz, die Rewe nur gut 25 Mio. Euro.“ Um den Abstand zu den Hamburgern nicht noch größer werden zu lassen, sei den Kölnern deshalb nur mit zusätzlichen Standorten geholfen. Der Handelsexperte schließt jedoch nicht aus, dass die Rewe trotzdem auf politischen oder gewerkschaftlichen Druck hin noch nachgibt. „Wirtschaftlich logisch wäre es aber nicht.“

Haub wirft Caparros vor, mit dieser Blockade-Haltung Arbeitsplätze zu gefährden. In vielen Kaiser’s-Filialen hängen Zettel, auf denen der Rewe-Chef zum Rückzug der Beschwerde aufgefordert wird, um den Weg für die Ministererlaubnis frei zu machen. „Wir wollen nicht Opfer eurer Machtspiele sein“, steht auf einem der Aushänge. Plötzlich wird die moralische Schuld für die Hängepartie der Rewe angelastet.

Dabei hat der Tengelmann-Eigentümer bei dem Versuch, die Kaiser’s-Kaffeekanne in neue Hände zu bringen, selbst viel Porzellan zerschlagen. Dass nun möglicherweise mehr Mitarbeiter ihre Jobs verlieren als das bei einer früheren Lösung nötig gewesen wäre, schreibt zum Beispiel Daniel Zimmer, der wegen der erteilten Ministererlaubnis den Vorsitz der Monopolkommission niederlegt hatte, Haubs Sturheit zu. „Er hat sich von Anfang an auf Edeka versteift und hält stur daran fest. Dabei wäre es schon vor eineinhalb Jahren, als das Bundeskartellamt den Komplettverkauf an Edeka untersagt hatte, an der Zeit gewesen, sich Gedanken über wettbewerbsrechtlich unbedenkliche Alternativen zu machen“, sagte Zimmer der „Zeit“.

Tatsächlich sind auch viele Mitarbeiter im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis über das Vorgehen ihres obersten Chefs fassungslos. Von „Ungeschicklichkeiten“, „Zaudern“, „Beratungsresistenz“ und „Fehlentscheidungen“ Haubs ist die Rede. Am meisten ärgern sich die Beschäftigten über die Versäumnisse der Vergangenheit. „Die Aufgabe von Standorten ohne Not, das Überlassen der regional vorhandenen Nummer-Eins-Position an den Wettbewerb, zu wenig Modernisierungen und Investitionen – all das lässt uns an der Führung zweifeln“, sagt einer. Zumal diejenigen, die schon länger dort arbeiten, sich daran erinnern, wie innovativ der Konzern einmal war. „Kaiser’s Tengelmann war in vielen Dingen Vorreiter, z. B. bei Bio-Konzepten, Länderschränken für internationale Waren, Backshops oder Self-Scanner-Kassen“, zählt eine Ehemalige auf. Man habe aber nicht den langen Atem gehabt, durchzuhalten. Zuletzt waren Läden und Preise freilich nicht mehr konkurrenzfähig. 18 bis 21 Prozent teurer als woanders seien identische Produkte bei Kaiser‘s Tengelmann, ermittelte die „Wirtschaftswoche“.

Begonnen hat der Niedergang der Traditionsmarke laut Handelsexperte Roeb schon vor 30 Jahren. „Der große Fehler in den 1980er-Jahren war das Amerika-Engagement, das viel Geld verschlungen hat, welches dann in Europa gefehlt hat für die notwendige Expansion“, sagt er. Als dann auch noch der damalige Umsatzbringer Plus an Ertrag verloren habe, sei die konzeptionelle Entwicklung der Supermärkte vernachlässigt worden. „So hat sich Tengelmann innerhalb weniger Jahre von Edeka und Rewe abhängen lassen und war eigentlich schon Mitte der 1990er-Jahre nicht mehr überlebensfähig“, analysiert er.

Manche sagen, spätestens zu dem Zeitpunkt hätte der Senior-Chef Erivan Haub verkaufen sollen. Andere Branchenkenner mutmaßen, Kaiser’s Tengelmann hätte durch Privatisierungen gerettet werden können. Roeb glaubt das nicht: „Die Regie hinkt nicht per se dem selbstständigen Handel hinterher, der übrigens auch erst seit den 2000er-Jahren als vorbildliches Modell gilt. Und selbst wenn der SEH das bessere Modell wäre, heißt das noch lange nicht, dass es jeder erfolgreich praktizieren kann.“ Tengelmann fehle in dem Bereich jede Erfahrung, und es sei auch fraglich, ob das Unternehmen genug Kaufleute gefunden hätte, die die Märkte hätten übernehmen wollen.

Nun ist der Wegfall der Marke Kaiser’s Tengelmann besiegelt, wie auch immer er am Ende genau aussehen mag. Wie viele Mitarbeiter dadurch ihren Job verlieren, kann derzeit niemand verlässlich sagen. Sicher ist, dass das Unternehmen kontinuierlich schrumpft. Gab es im Oktober 2014 noch 475 Filialen, werden es Ende dieses Jahres nur noch 405 sein. 2017 sollen weitere 27 Märkte geschlossen werden. Viele Mitarbeiter werden abgeworben oder gehen freiwillig. De facto verschwindet Kaiser’s Tengelmann schon jetzt Stück für Stück. Es ist ein „Sterben auf Raten“, wie es unser Gastautor Stephan Rüschen formuliert.