Interview mit Hans-Theo Hennes Fehlendes Fachpersonal

Für Hans-Theo Hennes von Kaiser’s Tengelmann ist das größte Problem der Branche, qualifizierte und motivierte Mitarbeiter zu finden. Das gelte sowohl für die Fleischwerke als auch für die Bedienungstheken in den Filialen.

Dienstag, 28. Januar 2014 - Management
Christina Steinheuer
Artikelbild Fehlendes Fachpersonal
Bildquelle: Hoppen

Inhaltsübersicht

Die Fleischbranche in Deutschland hat es nicht leicht. Ständig steht sie wegen ihres schlechten Images in den Schlagzeilen: Pferdefleisch-Skandal, Werkverträge, Leiharbeit, Bio-Fleisch, das keines war, Dioxin, Haltungsbedingungen von Nutztieren. Immer steht der Handel direkt oder indirekt mit in der Kritik, nach dem Motto „der verkauft die Ware ja schließlich“. Und der letzte in der Kette guckt eben am ehesten in die Röhre. Trotz alledem ist für Hans-Theo Hennes (54), seit zehn Jahren Leiter des Category Managements Frische (Fleisch, Wurst) bei Kaiser’s Tengelmann, kein Problem drängender als das des fehlenden Fachpersonals. Auch als Geschäftsführer der drei unternehmenseigenen Fleischwerke mit Namen Birkenhof kennt er das Problem.

Sind Berufe wie Metzger und Fleischereifachverkäuferin zu schlecht bezahlt?
Hans-Theo Hennes: Nein, das kann man so nicht sagen. Wir zahlen z. B. unseren Mitarbeitern in den Birkenhof-Fleischwerken längst mehr als den aktuell vereinbarten Mindestlohn. Wir sind tarifgebunden mit Verdi und der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten, NGG. Die Berufe haben heute viel mehr als noch vor 20 Jahren ein schlechtes Image, und die Politik kümmert sich zu wenig um Mittelstand und Handwerk. Wir brauchen nicht nur gut ausgebildete Akademiker, wir müssen auch das Handwerk wieder attraktiver machen.

Wie kann die Politik da helfen?
Die Rahmenbedingungen müssen verbessert werden. Nicht selten werden an Berufsschulen Inhalte, die im Lehrplan stehen, wegen Lehrermangels nicht unterrichtet. Schauen Sie sich mal an, wie viel Unterricht an deutschen Schulen ausfällt. Es kann doch nicht wahr sein, dass in vielen Berufsschulen inzwischen Fachfremde angehende Metzger unterrichten, weil es zu wenig Berufsschullehrer im Fleischerhandwerk gibt, die die erforderliche pädagogische Ausbildung vorweisen können. Jemand wie ich mit vier Jahrzehnten Branchen- und Berufserfahrung darf keine Berufsschulklasse unterrichten, aber Branchenfremde, die noch nie in einem Fleisch-Betrieb gearbeitet haben, schon. Die pädagogische Ausbildung ist im System also wichtiger als praktisch-fundierte Kenntnis. Das kann auf Dauer nicht gut gehen.



Wie sieht es denn bei Birkenhof aus?

Unsere Mitarbeiterzahl ist an allen drei Standorten stabil. In Donauwörth und Viersen haben wir je 120 Mitarbeiter, in Perwenitz sind es 180. Aber während wir früher an jedem Standort eine eigene Lehrwerkstatt hatten, haben wir jetzt nur noch in unserem Fleischwerk in Viersen eine. Aktuell bilden wir dort 15 bis 20 junge Menschen aus – über drei Ausbildungsjahre verteilt.

Das heißt, pro Jahr beginnen im Schnitt fünf Azubis?
Ja, wir finden ja kaum noch welche. In der Region München und auch in Berlin tun wir uns extrem schwer. In Bayern hat das sicher auch mit der geringen Arbeitslosenquote und den guten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen zu tun.

Apropos, wie wirken sich die gestiegenen Strompreise auf die Fleischwerke aus?
Wir hatten bei Birkenhof in den letzten drei Jahren eine Zunahme der Energiekosten um 21 Prozent.

Erhält Birkenhof nicht wie viele andere energieintensive Betriebe der Branche auch eine Ermäßigung?
Doch. Und um diese überhaupt bekommen zu können, haben wir uns 2013 zum ersten Mal nach ISO 50001 zertifizieren lassen. Dabei muss man genau nachweisen, was man konkret im Unternehmen an Maßnahmen zur Energie- und Wassereinsparung umsetzt.

Ok, das Zertifikat hat Birkenhof etwas gebracht. Aber wie sieht das mit den x anderen Zertifikaten, die es gibt, aus?
Generell bringt jede Zertifizierung etwas, denn sie macht auf Schwachstellen aufmerksam und zeigt Wege zur Effizienzsteigerung auf. Aber es gibt auch Zertifikate wie IFS, bei denen ich denke, dass sie den Bogen immer mehr überspannen. Wenn ich die heutigen Anforderungen vergleiche mit jenen von vor zehn Jahren, als wir zum ersten Mal zertifiziert wurden, dann liegen da Welten dazwischen. In einigen Bereichen wird übertrieben. Für ein Unternehmen, das Ordnung hält, Prozesse im Griff hat und sich um ein gutes Betriebsklima kümmert, sollte selbstverständlich sein, dass der Betrieb nach außen hin gesichert ist, dass Mitarbeiter darauf achten, dass Türen verschlossen sind, oder dass sich fremde Personen, wie etwa Fremdhandwerker, nicht unbeaufsichtigt im Betrieb bewegen. Jedoch Systeme zu definieren, die auf Terrorismus ausgerichtet sind, sind den Mitarbeitern gegenüber schwierig zu vermitteln und teils gefährlich, da man Menschen vielleicht erst auf Ideen brin gt.

Thema Tierwohl-Fleisch ...
... das verfolgt die Branche. Jeder will in den Medien gut dastehen und macht irgendetwas, aber wirklich gut verkaufen lassen sich die Produkte nirgendwo. Soweit mir bekannt, sind die Abschriften überall hoch. Das Ganze kann nur als echte Branchenlösung funktionieren. Tierschutz ist unteilbar. Von den in Deutschland rd. 60 Mio. Schweinen gehen nur ca. 20 Mio. in den LEH. Was ist mit denen für den Export? Auch beim angedachten Bezahlmodell mit der vorgesehenen Clearingstelle sehe ich noch Fragen und Ungereimtheiten in der Umsetzung.