Warenverkaufskunde Chemisches Recycling

Zukünftig sollen bisher nicht recycelbare mehrschichtige Kunststoffverpackungen durch chemisches Recycling wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden.

Freitag, 08. April 2022 - Warenkunden
Brigitte Oltmanns
Artikelbild Chemisches Recycling
Bildquelle: Südpack, Getty Images, ZSVR

Frischfleisch, Fleisch und Wurst, Käse, frischer und verarbeiteter Fisch, Backwaren, Obst und Gemüse: Frische Lebensmittel gehören im Handel zu den besonders sensiblen Warengruppen. Ihre Verpackungen müssen bei Transport, Lagerung und Präsentation die strengen Hygienevorschriften und hohen Sicherheitsstandards optimal erfüllen können – schließlich geht es dabei um den gesundheitlichen Schutz der Verbraucher. Zudem tragen diese Verpackungen dazu bei, die Haltbarkeit von Produkten zum Teil deutlich zu verlängern und können so auch der Lebensmittelverschwendung vorbeugen. Bewährt haben sich dabei die von der Lebensmittelindustrie und Verpackungswirtschaft vielfach eingesetzten hochkomplexen Mehrschichtfolien. Diese sogenannten Verbundfolien bestehen aus verschiedenen Folienarten wie Polyamid (PA), Polypropylen (PP) und Polyethylen (PE). Sie bieten durch ihren Verbundaufbau bestmöglichen Schutz der verpackten Güter. Zugleich punkten sie gegenüber anderen Verpackungsstoffen auch durch ihr leichtes Gewicht sowie durch einen geringen CO2-Abdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Derzeit arbeitet die Verpackungsindustrie mit Blick auf die verschärften Klimaziele unter Hochdruck daran, für diese unterschiedlichen Kunststoffe im Sinne einer funktionierenden geschlossenen Kreislaufwirtschaft nachhaltige Lösungen zu entwickeln. Laut EU- und nationaler Gesetzgebung sollen alle im EU-Markt befindlichen Kunststoffverpackungen schon binnen weniger Jahre kostengünstig recyclingfähig sein und damit den Einsatz neuer Rohstoffe der Umwelt zuliebe verringern.

Mangelhafte Qualität von recycelten Kunststoffen

Derzeit werden laut einer Studie des Marktforschungsinstituts Conversio Market & Strategy (2020) zu geringe Mengen von Kunststoffabfällen stofflich verwertet. Aktuell liegt dieser Wert global bei ca. 20 Prozent, in der EU bei 31 Prozent und in Deutschland bei 46 Prozent.
Der Anteil von Rezyklaten, die aus Haushaltsabfällen in Deutschland hergestellt werden, liegt nur bei 19 Prozent. Ein Grund für diese niedrige Rezyklat-Quote liegt auch in der Qualität der Rezyklate aus mechanischem Recycling von Haushaltsabfällen. Häufig genügen die Rezyklate nicht den Qualitätsanforderungen an neue Kunststoffprodukte oder schränken die Verarbeitungsfähigkeit so weit ein, dass der Einsatz von Neuware notwendig wird.
In Deutschland wird weniger als die Hälfte der Kunststoffabfälle recycelt.

Mechanisches Recycling
Aktuell werden Kunststoffe überwiegend mittels mechanischer Verfahren recycelt, dies wird auch als werkstoffliches Recycling bezeichnet. Hierfür werden die Kunststoffabfälle nach Kunststoffart sortiert, gewaschen, eingeschmolzen und zu sogenannten Rezyklaten aufbereitet. Diese dienen als Ausgangsstoff für neue Produkte. Das werkstoffliche Recycling ist dabei die ökologisch günstigste Verwertungsoption. Doch diese hat Grenzen: Mehrschichtige, gemischte oder auch verunreinigte Verbundkunststoffe lassen sich – Stand heute – bislang nicht mechanisch recyceln. Auch die Trennung von Mehrschichtverpackungen (Verbundfolien) ist mit dem mechanischen Recyclingverfahren nur bedingt und mit hohem Aufwand möglich.

Verunreinigungen und Zusätze in den Folien begrenzen außerdem den Rezyklateinsatz (das führt unter anderem zu dem bekannten „Recyclinggrau“ oder – schlimmer – zur Überschreitung der Grenzwerte von umweltschädlichen Weichmachern). Hinzu kommt, dass sich bei jedem Recyclingkreislauf das Ausgangsmaterial qualitativ verschlechtert, weil die Molekülketten sich verkürzen. Die Folge ist, dass sich Kunststoff nicht beliebig oft mechanisch recyceln lässt. Bisher wandern die wertvollen Rohstoffe mit der gebrauchten Verpackung daher häufig als Hausmüll in die Verbrennung und tragen damit weiter zur CO2-Belastung der Umwelt bei. Ein Austausch oder Verzicht auf bestimmte Folienarten bei der Produktion von qualitativ hochwertigen Mehrschichtfolien ist bislang auch keine praktikable Lösung. Laut Verpackungshersteller Südpack kann man auf wichtige Materialien wie beispielsweise Polyamid (PA) derzeit nicht in allen Anwendungen verzichten, ohne Abstriche etwa beim Produktschutz machen zu müssen. PA wiederum gehört zu den Kunststoffarten, die als nicht mechanisch recyclingfähig eingestuft werden. Wollte man diese hoch performanten Folienstrukturen durch Folien aus Monomaterialien ersetzen, hätte dies negative Auswirkungen auf die Ökobilanz und auch die Wirtschaftlichkeit dieser Lösungen, da hiermit oftmals ein höherer Materialaufwand einhergeht.

Noch viel Potenzial

Das chemische Recycling ist sowohl in EU-Abfallgesetzen wie auch in Deutschland als Verfahren der stofflichen Verwertung anerkannt. Doch sind zum einen standardisierte Prozesse bei der Herstellung erforderlich, des Weiteren müssen noch technische Hürden und wirtschaftliche Herausforderungen bewältigt werden sowie noch zahlreiche Regelsetzungen im Verpackungsgesetz erfolgen, bevor diese Technologie tatsächlich im deutschen Markt als ergänzende Recyclingalternative zum wertstofflichen Recycling etabliert werden kann. Erst dann können über großtechnische Anlagen kritische Mengen und eine wettbewerbsfähige Kostenstruktur realisiert werden.

Chemisches Recycling
Ist chemisches Recycling eine sinnvolle Alternative? Mit Blick auf die ehrgeizigen Klimaziele wie Ressourcenschutz und CO2-Neutralität haben EU und nationale Gesetzgeber die Vorgaben zur Einführung einer Kreislaufwirtschaft weiter verschärft. Sie erhöhen so den Druck auf Verpackungsindustrie und Handel, wirtschaftlich umsetzbare Lösungen auf allen Prozessebenen des nachhaltigen Wirtschaftens zu entwickeln. Damit rückt aus Sicht der Verpackungsindustrie ein anderes Verfahren der Rohstoff-Rückgewinnung in den Fokus – das chemische Recycling. Dieses Verfahren wandelt die komplexen Kunststoffe aus den gebrauchten Folienverpackungen durch ein Hochtemperaturverfahren in Rohmaterialien wie Pyrolyseöl oder Synthesegas um. Dies geschieht unter Ausschluss von Sauerstoff – es handelt sich also nicht um eine Verbrennung. Diese Produkte werden dann wie fossile Rohstoffe beim Beginn der chemischen Produktionskette eingesetzt. Konventionelles Rohöl kann dadurch eingespart werden.

Die auf diese Weise hergestellten Verpackungsmaterialien verfügen über die gleich hohe Qualität, Funktionalität und Sicherheit wie Neuware, versichert die Verpackungsindustrie. Sie sind auch für das Verpacken empfindlicher Produkte wie beispielsweise Lebensmittel zugelassen.

Das chemisch recycelte Material erlaubt es obendrein, diese Kunststoffverpackungen nach dem Gebrauch erneut ohne Qualitätsverluste zu recyceln. Je öfter dieser Prozess durchgeführt wird, umso besser wird der Kohlenstoff im Kreislauf gehalten und weniger zusätzliches CO2 emittiert. Dabei können auch aus verunreinigten, gemischten, mehrschichtigen Kunststoffen neuwertige Verpackungsmaterialien entstehen. Das chemische Recycling ergänzt somit aus Sicht der Verpackungshersteller sinnvoll das mechanische Recycling und kann dazu beitragen, dass Kunststoffverpackungen in viel größeren Mengen als bisher wieder in den Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden können.
Aus Kunststoffabfällen entsteht durch chemisches Recycling ein hochwertiges Rezyklat.

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Die Warenverkaufskunde erscheint regelmäßig als Sonderteil im Magazin Lebensmittel Praxis. Wir danken Südpack für den fachlichen Rat und das zur Verfügung gestellte Material.