KI-Spam Wie automatische Texte Händlern die Werbung verderben

Hintergrund

Minderwertige Inhalte überschwemmen soziale Medien. Warum das
Lebensmittelhändlern Schwierigkeiten bereitet.

Donnerstag, 03. April 2025, 07:40 Uhr
Elena Kuss
Nutzer der Plattform Pinterest beschweren sich über nutzlose oder falsche Inhalte. Bildquelle: Adobe Stock

Lebensmittelhändler posten Rezepte auf Pinterest. Seit Jahren. Und das mit unterschiedlichem, aber stetigem Erfolg. Doch das könnte sich jetzt ändern – weil KI-generierte Inhalte die Inspirationsplattform überschwemmen. Es ist unbestritten, dass mit künstlicher Intelligenz generierte Inhalte hochwertig sein können. In diesem Fall geht es den oft unbekannten Erstellern jedoch nicht um nutzwertigen Content: Die Inhalte sind nur darauf optimiert, dass Leser sie anklicken. Auf der oft ebenfalls KI-generierten Website, zu der die Klicks führen, sind Anzeigen platziert, die den Erstellern mit jedem Aufruf Geld einspielen.

Für Lebensmittelhändler ist die KI-Schwemme ein Problem – weil sogenanntes Content-Marketing für sie wichtig ist: Die Rezepte von Rewe und anderen Playern drohen in der Flut minderwertiger Inhalte unterzugehen. „Wir verfolgen die aktuellen Entwicklungen bei Pinterest sowie die Diskussion einer besseren Kennzeichnung von KI-generierten Inhalten aufmerksam“, teilt ein Rewe-Sprecher auf Anfrage der Lebensmittel Praxis mit. Wie groß das Problem auf der Plattform ist, zeigt eine Untersuchung des US-Magazins Futurism. Unter dem Suchbegriff „healthy recipe ideas“, übersetzt „gesunde Rezeptideen“, sind dem Bericht zufolge von zwölf Treffern mindestens sechs KI-generiert. Im deutschsprachigen Raum scheint das Problem etwas geringer auszufallen. Nach einer stichprobenartigen LP-Recherche sind von den ersten zwölf Treffern zwei Posts ersichtlich KI-generiert.

Kaufland kennzeichnet KI-Inhalte

Pinterest kündigte nach der Veröffentlichung des US-Magazins an, die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte zu verbessern. Nach einer bereits laufenden Testphase will das Unternehmen die verbesserte Kennzeichnung weltweit ausrollen, wie ein Pinterest-Sprecher auf LP-Anfrage sagt. Inwiefern die neue Kennzeichnung den Content auf der Plattform verbessert, sei fragwürdig, sagt Konrad Weber, Strategieberater und Experte für die Digitalisierung von Medien.

Viele Medien kennzeichnen jegliches Mitwirken von KI, um den Prozess transparent zu machen. Das gilt auch für Lebensmittelhändler. „Grundsätzlich kennzeichnen wir KI-generierten Content, zum Beispiel auf Instagram“, heißt es beispielsweise von Kaufland.

Pinterest sollte ein Interesse daran haben, wertige Inhalte auf der Plattform zu haben, sagt Strategieberater Weber. Gleichzeitig seien Aktivitäten, und eben auch sehr viel davon, auf solchen Plattformen nicht nur erwünscht, sondern für das Weiterbestehen elementar. Ein Beispiel: 2018 verbat Tumblr Nacktheit. 2022 musste die Blogging-Plattform diesen Bann wieder aufheben, weil die Nutzerzahlen stark zurückge­gan­gen waren. „Plattformen sind abhängig von ihren Nutzern“, sagt Weber. Aber eben auch von Kunden, die ihre Kampagnen über die Plattform laufen lassen. Pinterest ist das gerade mit einem im Dezember eingeführten KI-gestützten Werbetool überraschend gut gelungen. Umsätze und Nutzerzahlen entwickeln sich durch den KI-Einsatz positiv.

Supermärkte sind Influencer

„Influencer werden von dieser Flut an minderwertigen Inhalten profitieren“, sagt Philipp Martin, Gründer der Influencer-Marketing-Agentur Reachbird. Influencer wie auch Nutzer würden der Agentur spiegeln, dass die Quelle auf allen Plattformen immer relevanter werde. Lebensmittelhändler mischen hier auf hohem Niveau mit. Kaufland folgen auf Pinterest 31.400 Menschen. Auf Instagram sind es 389.000 Follower. Rewe folgen 62.400 Menschen auf Pinterest und auf Instagram 347.000. „Supermärkte haben Influencer-Status“, sagt Martin. Regularien findet der Influencer-Experte zum aktuellen Zeitpunkt weder für Pinterest noch für andere Plattformen sinnvoll. Es gehe nicht um KI-Inhalte per se, sondern darum, gute Inhalte auf den Plattformen zu haben. Gut, das bedeutet für Martin unterhaltsam oder informativ. Im besten Fall beides.

Wie schwierig sich soziale Netzwerke kontrollieren lassen, zeigen auch die nicht weiter fortgesetzten Regulierungsversuche von Meta. Seit Januar werden Inhalte auf Facebook und Insta-gram in manchen Ländern nicht mehr von Dritten geprüft. Mit dem nun eingesetzten System der „Community Notes“ orientiert sich Meta zukünftig am Kurznachrichtendienst X. „Medien gehen sehr unterschiedlich mit Meinungen um“, sagt Weber. Das gelte auch für traditionsreiche Verlagshäuser: Jeff Bezos reglementierte jüngst die Inhalte auf den Meinungsseiten der „Washington Post“. Mitarbeiter kündigten daraufhin aus Protest.

Das Zeitalter der Quellen beginnt

Ein Kommentar von Elena Kuss

Wenn ich im Internet etwas suche, schaue ich zuerst nach der Quelle. Immer. Egal ob ich 
Google, Instagram, Pinterest oder Tiktok nutze. Um es noch mal ganz deutlich zu machen: Ich lese keine Überschriften, blende jegliches Bildmaterial aus. Ich fokussiere mich alleine auf die Quelle. Und das mache ich immer. Privat, beruflich, egal. Und warum? Weil das Internet durchsetzt ist mit Inhalten, die im besten Fall nicht hilfreich und im schlechtesten Fall gefährlich sind.

Quelle: Internet
Vertrauenswürdige Quellen sind für mich Medienhäuser, die ich kenne. Aber natürlich auch Aldi, Lidl, Kaufland, Rewe und Edeka. Denn fast alle Lebensmittelhändler in Deutschland produ­zieren massenhaft Inhalte. Auf Pinterest sind es Rezeptkacheln. Auf Youtube gibt es eine ganze Kochsendung. Und bei Insta­gram bekomme ich Tipps, wie ich beim Einkaufen die große Liebe finden kann.

KI-Tools sind ein Hilfsmittel für Medienschaffende (und alle anderen Menschen). Auch etwa Kaufland setzt künstliche Intelligenz ein, um Inhalte, zum Beispiel auf Instagram, zu generieren. Das Unternehmen kennzeichnet diese.

Alles fein. Denn es ist nicht KI selbst, die das Internet zumüllt. KI wird von Menschen dafür missbraucht. Was also tun? Im Fall von Pinterest sollten seriöse Absender unübersehbar eine Quellenangabe auf der Rezeptkachel platzieren.

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