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Interview mit Hermann Bühlbecker „Diese spezielle Art zu kämpfen“

Andrea Kurtz | 09. März 2018
Interview mit Hermann Bühlbecker: „Diese spezielle Art zu kämpfen“

Bildquelle: Peter Eilers

Er polarisiert, doch kaum ein deutscher Unternehmenschef steht so für seine Marken wie Hermann Bühlbecker. Er war 28, als er den Familienbetrieb Aachener Printen- und Schokoladenfabrik Henry Lambertz übernahm – um ihn zunächst zu erhalten. Aus dem Monoproduzenten für Aachener Printen ist eine international tätige Firmen-Gruppe mit acht Fabriken und 4.000 Beschäftigten geworden. Sein Erfolgsrezept verriet er im Aachener Stammwerk beim Gespräch mit der LP.

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Zur Person

Hermann Bühlbecker finanzierte sein BWL-Studium als Tennisspieler bei Noris Nürnberg. 1976, kurz nach dem Abschluss als Diplom-Kaufmann und der Promotion, überzeugte ihn sein Onkel Karl F. Kittelberger, der damalige Geschäftsführer der Aachener Printenund Schokoladenfabrik Henry Lambertz, ins Unternehmen einzutreten. 1978 übernahm Bühlbecker die Geschäftsführung. Seit 2006 hat er einen Lehrauftrag an der International School of Management (ISM) in Dortmund; seit 2011 ist er Honorarkonsul des größten Kakaoproduzenten der Welt, der Elfenbeinküste.

Träumten Sie beim Start 1976 davon, eine so umfangreiche Unternehmensgruppe zu führen?
Herman Bühlbecker: Vielleicht war das ein versteckter Traum, aber zunächst wollte ich das Unternehmen nur am Markt halten. Wir waren eine OHG, es hafteten meine Mutter, meine Tante und mein Onkel. Die Familie war sehr froh, als ich die damals hoch verschuldeten Anteile meiner Mutter übernahm. Der zweite Schritt war dann die langsame Vergrößerung, weg aus der reinen Printenecke hin zu einem Unternehmen, das dem Handel ganzjährig vielfältige Spezialitäten bieten konnte. Es war eher das Prinzip der kleinen Schritte. Im Laufe der Zeit merkte ich aber, dass wir uns zu einem kleinen Konzern entwickelten. Aber ich bin mir immer bewusst, – deswegen bin ich auch noch in vieles involviert – dass bei der Vielzahl unserer Produkte und Marken alles sehr komplex ist und entwickelt werden muss.

Was steckt denn alles hinter der Marke Lambertz?
Wir produzieren Lebkuchen, Feingebäck, Kuchen, Pralinen und vieles mehr. Es stecken Marken wie Weiss, Haeberlein-Metzger, Otten, Dr. Quendt oder Kinkartz dahinter, und damit auch deren Produktionsstätten. Die Nürnberger Lebkuchen werden in Nürnberg hergestellt, die Aachener Printen in Aachen und der Dresdner Stollen in Dresden. In unserem Werk in Polen stellen wir Produkte für den osteuropäischen Markt her. Darüber hinaus produzieren wir auch Eigenmarken für deutsche, aber auch für europäische Handelsunternehmen. Wir sind eigentlich zu 100 Prozent mit unseren Produkten im Handel vertreten, jedenfalls von September bis Dezember.


Welche Rolle spielt denn Regionalität für Ihr Sortiment?
Wir verstehen uns sogar ein wenig als der Hüter des deutschen Brauchtums. Unsere Unternehmen sind zusammen über 1.000 Jahre alt; die Nürnberger Lebkuchen, der Dresdner Stollen oder die Aachener Printen haben eine geschützte geografische Herkunftsangabe und sind Traditionsmarken. Natürlich fanden nicht alle Städte die Übernahme gut, Nürnberg beispielsweise fürchtete, seine Lebkuchen kämen in Zukunft aus Aachen. Das konnten wir natürlich ausräumen. In Dresden hingegen waren die Schwierigkeiten bei Dr. Quendt bekannt, so standen wir sogar wie die Retter da.

Wie schnell haben Sie denn Trends erkannt und umgesetzt?
Zunächst haben wir begonnen, um die Printen herum ein Saisonsortiment auszubauen, mit dem Schwerpunkt westdeutscher Prägung: Dominosteine, Herzen, Spekulatius etc. Damit wurden wir zunächst stärker, bis wir dann im Süden zukaufen konnten. Das startete mit Weiss in Neu-Ulm, ein Unternehmen, das auch in Nürnberg produzierte. Um unseren Konkurrenten Kinkartz haben wir lange geworben, auch einmal über eine Fusion nachgedacht, aber erst nachdem Kinkartz von Südzucker gekauft wurde, kamen wir Jahre später zum Zug. Ebenso haben wir in den achtziger Jahren begonnen, Ganzjahresprodukte herzustellen, aber nicht solche, die es im Markt schon gab. Wir hatten im Printen- und Leb-kuchenbereich gelegte Mischungen im Sortiment und haben diese auch für Gebäcke konzipiert. Diese Mischungen sind heute bei fast allen Ketten gelistet – egal ob unter Marke oder Eigenmarke.

Frisch-Backwaren haben Sie zusätzlich ins Sortiment genommen?
Wir haben bei Bäckern geschaut, welche Produkte dort gut laufen, wie Mandelhörnchen oder Nussecken, und haben diese dann als neues Segment mit dem Handel gemeinsam für das Kuchenregal entwickelt, mit einer Haltbarkeit von ca. acht Wochen. Später, nach der Beteiligung an der Konditorei Otten, kamen Florentiner, Baumkuchen und Vitalgebäck dazu. So wurden wir mit den Jahresprodukten immer stärker.

Mit dem Einstieg in Handelsmarken haben Sie sogar eine der großen Herausforderungen der Handelsentwicklung des letzten Jahrhunderts gemeistert, nicht wahr?
Wir waren uns nie zu fein, für den Handel Eigenmarken herzustellen. Und die Entwicklung in Richtung Premium-Eigenmarken im Lebensmittelhandel und Discount gibt uns Recht. Wir hatten bei meinem Arbeitsantritt bei Lambertz das Problem, dass wir als Premiummarke ausschließlich fachhandelsorientiert waren. Doch der Handel mit Süßwaren entwickelte sich seit den 70er Jahren immer mehr Richtung Supermarkt und Discount; es bestand also die Gefahr, in Schönheit zu sterben. Ich bin selbst zu den Einkaufsleitern der Ketten gefahren und habe unsere neuen Sortimente vorgestellt.