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Flizmobil Improvisationskochen

Heidrun Mittler | 10. Mai 2013

Schon seit 20 Jahren sammeln die Tafeln Lebensmittel. Ein Besuch beim Flizmobil in Essen, wo mit diesen Spenden für bedürftige Menschen gekocht wird.

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Bundmöhren, rote und gelbe Paprika, zwei Köpfe Salat, Kiwis und Äpfel. Wie soll man bloß daraus ein Drei-Gänge-Menü kochen? Aber Silke Michl ist zuversichtlich: „Rohkost, eine Suppe und Obstsalat“. Außerdem sind noch ein paar Laibe Brot gespendet worden, etwas Käseaufschnitt ist noch im Kühlschrank, dann kann sie belegte Brote anbieten. Dreimal pro Woche kocht die junge Sozialwissenschaftlerin für bedürftige Menschen in Essen. Mit immer wechselnden Lebensmitteln, je nachdem, was die Essener Tafel eingesammelt hat. „Improvisationskochen“ nennt sie es selbst und formuliert den Anspruch: eine warme Mahlzeit, lecker und gesund. Ihr Ziel ist, aus wenig viel zu machen. Verständlich, dass häufig Eintopf auf den Tisch kommt, manchmal auch Nudeln mit Gemüse.

Silke Michl koordiniert das Projekt „Flizmobil im Quartier“, bei dem der Sozialdienst katholischer Frauen Essen-Mitte dreimal pro Woche in verschiedenen Stadtteilen einen Treffpunkt organisiert. Das Flizmobil (ein Ford Transit mit lustigem Schriftzug) fährt direkt an die Orte, wo „eine problematische Sozialstruktur“ anzutreffen ist.

Heute schließt die junge Frau mittags das Jugendhaus der St. Suitbert-Gemeinde in der Klapperstraße auf. Rundherum stehen ansehnliche Einfamilienhäuser, auch die Kirche und die angrenzende Kindertagesstätte machen einen sehr gepflegten Eindruck. Davon aber sollte man sich nicht blenden lassen: „Wir erreichen viele Kinder, die keinen Kita-Platz haben“, weiß Silke Michl, „und deren Familien“. Das kostenlose Essen ist dabei der Türöffner, um an die bedürftigen Menschen heranzukommen. Man versteht sich nicht als reine Suppenküche, sondern hat noch weitere Angebote. Mitarbeiter des Projektes bieten Spiele, Sport und Bewegungsförderung an, zudem individuelle Beratung, von der Hausaufgabenbetreuung bis zur Hilfe beim Wiedereinstieg ins Berufsleben.

Wer jetzt einen Stab von Mitarbeitern erwartet, liegt falsch: Das Projekt umfasst eine volle Stelle (aufgeteilt auf zwei Personen), eine Jahrespraktikantin und eine Honorarkraft. Sie werden von einigen ehrenamtlichen Helfern unterstützt, außerdem packen oftmals Besucher mit an.

Kim Moorhouse absolviert hier ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Mit dem Flizmobil hat sie am Morgen bereits die Spenden bei der Essener Tafel abgeholt. „Ohne die Tafel geht gar nichts“, erzählt sie. Neben den Lebensmitteln gibt der Verein noch eine Geldspende für das Essen dazu, umgerechnet etwa 10 Euro pro Familien- oder Kindertisch. Davon kauft man dann Getränke, Nudeln, H-Milch oder Öl – eben Lebensmittel, die nicht oder selten gespendet werden. Wie viele Personen zum Treff kommen? Das ist unterschiedlich, mal 30, mal über 45 Menschen – und keiner soll hungrig nach Hause gehen. Wichtig ist der angehenden Studentin, dass der gemeinsame Tisch schön gedeckt wird, mit Servietten, einer Kerze und vielleicht einer Blume. Nach dem Essen räumen dann die Erwachsenen auf, während die Kinder heute als Attraktion Trampolin springen dürfen.

Starkoch Nelson Müller, der die Schirmherrschaft über das Flizmobil übernommen hat, würde staunen, wenn er die eifrigen Köche bei der Arbeit sehen könnte! Die Küche des Jugendhauses stammt aus einem Haushalt, sie kann in keiner Weise mit einer Großküche konkurrieren. Da müssen 40 Portionen Suppe halt in mehreren Durchgängen gekocht werden. Silke Michl nimmt es gelassen, im Gegenteil: Ehe sie sich eine Profi-Ausstattung wünscht, „würde sie lieber noch eine Person mehr verköstigen“. Die Finanzierung des Projektes steht ohnehin regelmäßig auf dem Prüfstand. Gerade hat die Deichmann-Stiftung wieder Geld locker gemacht. Bis Ende 2013 kann das Flizmobil weiter helfen. Spenden sind immer willkommen.