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Einkaufen mit Thomas Gutberlet Chancen nutzen und Grenzen erkennen

Bettina Röttig | 19. April 2012

Tegut-Vorstandschef Thomas Gutberlet im Gespräch mit der LEBENSMITTEL PRAXIS über Multichannel-Konzepte und Zukunftsthemen für den Lebensmittelhandel.

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Herr Gutberlet, zurzeit werden verschiedenste Multichannel-Konzepte für den LEH getestet, vom Online-Shop über Drive-in-Lösungen bis hin zu virtuellen Supermärkten über QR-Codes. Wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten ?solcher Modelle ein?
Thomas Gutberlet: Im Grunde weiß noch keiner, ob und wie erfolgreich diese Konzepte sein werden. Aber das macht es ja so spannend, auf diesem Gebiet zu forschen. Als besonders viel versprechend bewerte ich Tescos Versuch des virtuellen Supermarkts per QR-Codes. Dabei wird der Besucher in einer Situation angesprochen, in der er Zeit hat, vielleicht sogar gelangweilt ist. Zudem hat er die gleiche schnelle visuelle Wahrnehmung wie im Supermarkt

Wie sieht es mit dem Potenzial für Online-Shops aus? Laut einer Studie von A.T. Kearney haben 82 Prozent der Verbraucher noch keinerlei Erfahrung mit dem Online-Kauf von Lebensmitteln.
Betrachtet man Online-Shops eher nüchtern, haben sie im Grunde den Versand-Katalog abgelöst. Früher haben viele Verbraucher Kleidung per Katalog bestellt, heute funktioniert dies sehr gut über Webshops. Lebensmittel haben damals auch im Katalog eine unbedeutende Rolle gespielt, abgesehen von Spezialitäten. Diese Verteilung spiegelt sich heute im Internet wider. Besondere Produkte, die man sonst kaum bekommt, ein lange? gereifter Balsamico-Essig z. B., lassen sich dort durchaus verkaufen. Seinen Wocheneinkauf wird aber auch in naher Zukunft keiner online erledigen wollen

.Über Amazon kann man aber mittlerweile beispielsweise auch Drogeriewaren von DM beziehen.…
DM hat einen sehr ausgeklügelten Logistikprozess, um beispielsweise sein Toilettenpapier in die Märkte zu liefern. Es kann nicht wirtschaftlich sein, dieses zum gleichen Preis über den Direktversand verschicken zu lassen. Das rechnet sich erst, wenn noch einiges zusätzlich bestellt wird. Ich bin der Meinung, Amazon ist vor allem ein Medium, über das ich besondere oder neue Produkte entdecke, z. B. über die Empfehlungen. Jedes Produkt einzeln zu suchen und mich an Namen und Marke erinnern zu müssen, ist zu mühsam. Online-Shops für Lebensmittel können nur dann funktionieren, wenn sie Vorteile oder vergleichbare Leistungen zum stationären Handel bieten.

Zum Beispiel?
In eine CD kann ich bei Amazon reinhören, bevor ich mich für den Kauf entscheide. Diese Möglichkeiten des Erlebens und Prüfens habe ich beim Online-Kauf von Lebensmitteln und Drogeriewaren im ersten Schritt nicht. Zudem fehlt beim Online-Shopping die Schnelligkeit, die Spontaneität. Bleiben wir bei der CD: Heute muss ich ja nicht mehr auf das Paket vom Online-Händler warten, ich kann mir die CD sofort downloaden. Wenn ich jetzt spontan für Freunde kochen möchte, benötige ich die Produkte sofort

.Trotzdem sind Sie selbst in den Online-Handel eingestiegen, in Kooperation mit Gourmondo. Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
Interessant wird es, wenn ich online ?besondere Spezialitäten finde. Über Gourmondo bzw. die Tegut-Genusswelt bieten wir Produkte an, die wir nicht immer oder nicht mehr in den Märkten haben, da sie zum größten Teil so speziell sind, dass es sich nicht lohnen würde, diese in 300 Märkten ganzjährig vorrätig zu haben. Hier können wir z. B. 50 Sorten Champagner anbieten, im Laden stehen dann vielleicht vier Sorten. Auch wenn wir ein Produkt vielleicht nur einmal verkaufen, ist das in Ordnung. Wir müssen es ja auch nur einmal am Lager haben. Insgesamt läuft das Geschäft mit Gourmondo gut, es ist natürlich jahreszeitlich geprägt. Besonders stark ist das Geschäft an Festtagen wie Weihnachten und Ostern.

Wer trägt das wirtschaftliche Risiko?
Das wirtschaftliche Risiko liegt immer auf beiden Seiten.

Rewe, Real und Globus testen Drive-in- bzw. Click-and-Collect-Konzepte. Ist so etwas auch für Tegut denkbar?
Wir schauen uns die Tests erst einmal an, lassen andere ihre Erfahrungen sammeln. Wir haben in den letzten 20 Jahren schon die unterschiedlichsten Dienstleistungen und Lieferservices getestet. Jetzt fokussieren wir uns erst einmal darauf, die Tegut-Genusswelt weiter voranzubringen. Zudem testen wir im Nonfood-Bereich. Im Moment haben wir noch ein getrenntes Nonfood-Sortiment. Im Flugblatt z. B. bewerben wir zum einen Artikel, die in den Märkten stehen, und zum anderen Nonfood, das man online bestellen kann. Das Ziel und gleichzeitig die Herausforderung für uns ist, die Artikel in großen Märkten auch auf der Fläche anzubieten, in kleinen Märkten aber Platz zu sparen, ohne dass der Kunde auf den Service verzichten muss. Hier kann der Kunde die Nonfood-Artikel dann bestellen.