dm-Geschäftsführerin im Interview „Für uns überwiegen derzeit die Risiken“ – weshalb die Drogeriekette bei neuer Gentechnik skeptisch bleibt

Hintergrund

Die Debatte um neue Gentechnik nimmt Fahrt auf: dm-Geschäftsführerin Kerstin Erbe erklärt, warum für den Händler aktuell die Risiken überwiegen. Im Fokus stehen Patente, mögliche Abhängigkeiten, fehlende Kennzeichnung und die Folgen für Bio-Produkte und Lieferketten.

Dienstag, 14. April 2026, 07:40 Uhr
Bettina Röttig
Kerstin Erbe verantwortet in der dm-Geschäftsführung das Produktmanagement und Nachhaltigkeit. Bildquelle: dm

Welche Chancen sehen Sie durch NGT für die Ernährungssicherheit?

Bei den neuen genomischen Techniken gibt es Potenziale, etwa bei widerstandsfähigeren Pflanzen. Mir sind aktuell aber keine relevanten NGT-Ent­wicklungen bekannt, die wirklich signifikante Unterschiede bei Klimaresilienz machen. Wir haben bei unseren Lebensmitteln 94 Prozent Bioprodukte, und rund 30 Prozent dieser Produkte sind verbandszertifiziert. Wir fördern Biolandbau aus einer Haltung heraus, weil wir ihn für den nachhaltigeren Landbau halten, der die Biodiversität erhalten kann. Deshalb überwiegen für uns derzeit die Risiken. Mit dem ökologischen Landbau ist Gentechnik rechtlich unvereinbar.

Welche Risiken sind das?

Ein großes Thema sind Patente, Kontamination und fehlende Koexistenzregeln. Wenn im konventionellen Bereich NGT-1-Saatgut eingesetzt wird und es keine klaren Regeln wie Mindestabstände gibt, kann es durch Pollenflug zu Kontaminationen kommen. Gerade im Ökolandbau, wo jede Form der Gentechnik verboten ist, wird das zu größeren Herausforderungen führen. Dazu kommt die Frage: Wer trägt die Kosten für Überprüfungen, Kontrollen und Nachweise? Außerdem kann es sein, dass ein größerer Teil der Investitionen in NGT-getriebene Züchtung geht und damit weniger Raum für Saatgut bleibt, das im Ökolandbau eingesetzt werden kann. Dann geht es auch um Vielfalt, Diversität und Verfügbarkeit.

Wie bereitet sich dm darauf vor, sollte der aktuelle Vorschlag zur Reform der Gentechnikgesetze durchgehen?

Für uns ist Vielfalt bei den Partnern entscheidend. Wir arbeiten mit großen Unternehmen, aber auch mit vielen kleinen, sehr innovativen Partnern zusammen. Wichtig sind langfristige Partnerschaften, damit wir Entwicklungen beobachten und früh reagieren können. Wenn die Gesetzgebung gelockert wird, brauchen wir mit unseren Partnern noch mehr Transparenz: Woher kommt das Saatgut, welche Verfahren wurden angewandt, wie sind die Rechte intellektuellen Eigentums geregelt und wie kennzeichnen wir Produkte weiterhin eindeutig?

Was tut dm, um die Unabhängigkeit der Lieferanten zu fördern, etwa bei Saatgut?

Wir fördern samenfeste Züchtung im Ökolandbau. In den vergangenen fünf Jahren wurden hierfür seitens dm rund 100.000 Euro zur Verfügung gestellt. Ein großer Teil davon als Teilerlös aus dem Verkauf von Saatgutboxen, mit dem wir bei unseren Kunden das Bewusstsein für samenfestes Saatgut und ökologischen Anbau stärken möchten. Uns ist es gelungen, einige Produkte an den Markt zu bringen, etwa Gemüse­säfte aus samenfesten Sorten. Zudem sind wir an der Züchtung samenfester Sorten für deutsche Tomaten beteiligt, die in Passata und Tomatenprodukten eingesetzt werden können.

Wie stärkt dm Biodiversität?

Wir engagieren uns seit Jahren für zertifiziertes Palmöl, mit Fairtrade und Kakaopartnern für existenzsichernde Einkommen und klimaresiliente Anbaupraktiken, zum Beispiel in Sierra Leone und Peru, außerdem für klimaresilienten Kokosanbau und für die Zukunftsfähigkeit von Shea in Burkina Faso. Wir arbeiten mit Agroforstsystemen, fördern Biodiversität vor Ort und arbeiten mit Biodiversitäts-Hotspot-Analysen, um in unseren globalen Sourcing-Aktivitäten besonders sensible Regionen zu identifizieren und gezielt Maßnahmen abzuleiten.