„Sechsmal so viel Antibiotika wie in Schweden“
Von Constanze Rubach, Verbraucherzentrale Niedersachsen
Constanze Rubach ist Ernährungsexpertin und Projektleiterin des Teams Lebensmittel und Ernährung bei der Verbraucherzentrale Niedersachsen.
In der Nutztierhaltung kommen regelmäßig Antibiotika zum Einsatz, begünstigt durch intensive Haltungssysteme. Laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erhalten zum Beispiel in der Hühnermast mehr als acht von zehn Tieren Antibiotika – eher Routine statt Ausnahme. In Deutschland sanken zwischen den Jahren 2018 und 2023 die Verkäufe von Antibiotika zwar um 27 Prozent, im EU-Vergleich bleiben sie jedoch auf einem hohen Niveau: Pro Kilogramm Tier wurden in den vergangenen Jahren doppelt so hohe Antibiotikamengen abgegeben wie beispielsweise in Frankreich und sechsmal so viel wie in Schweden. 2024 stieg der Verbrauch leicht an, auch bei den „Reserveantibiotika“ (HPCIA). Dringend notwendig sind strengere Regeln für diese kritischen Wirkstoffe sowie Einschränkungen beim Verkauf von Fleisch mit resistenten Erregern. Denn Behörden und Verbände beobachten weiterhin einen besorgniserregenden Anteil von Hühnchen- und Putenfleisch im Supermarkt, das Antibiotikaresistenzen aufweist. Zusätzlich sind höhere gesetzliche Mindeststandards in der Tierhaltung und mehr Tierschutz nötig – die effektivste Maßnahme, um Resistenzen vorzubeugen.
„Fokus sollte auf weltweitem Ansatz liegen“
Von Dr. Thorsten Pabst, Fachtierarzt
Dr. Thorsten Pabst aus Dülmen im Münsterland ist Facharzt für Kleintiere und Schweine.
In Deutschland ist der Antibiotikaeinsatz in der Nutztierhaltung streng reguliert und wird kontinuierlich überwacht. Landwirte müssen strenge Dokumentationspflichten erfüllen und dürfen Antibiotika nur unter tierärztlicher Kontrolle einsetzen. Eine Verschärfung würde vor allem zu mehr Bürokratie führen und die Landwirtschaft zusätzlich belasten – mit der Gefahr, dass die Produktion zunehmend ins Ausland verlagert wird, wo oft geringere Standards gelten. Natürlich muss der Antibiotikaeinsatz weiterhin verantwortungsvoll erfolgen, um Resistenzentwicklungen zu vermeiden. Dennoch ist es wichtig, erkrankte Tiere angemessen zu behandeln – Tierschutz und Tierwohl dürfen nicht unter überzogenen Regulierungen leiden. Zudem zeigt die Erfahrung aus der Corona-Pandemie, dass Resistenzentwicklungen und Infektionskrankheiten globale Herausforderungen sind. Anstatt nationale Regulierungen weiter zu verschärfen, sollte der Fokus stärker auf einem weltweiten Ansatz liegen, durch einheitliche Standards, bessere Kontrollen des Antibiotikaeinsatzes in Drittstaaten und den Austausch von Forschungsergebnissen. Nur so lassen sich langfristig Resistenzentwicklungen eindämmen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Landwirte zu gefährden.
