Angriffspunkt Lebensmittelindustrie Zwischen Agrarkritik und Antikapitalismus – was hinter der Bewegung „Disrupt“ steckt

Hintergrund

Unter dem Banner des Klimaschutzes kämpft der Zusammenschluss „Disrupt“ gegen die Ernährungswirtschaft in ihrer jetzigen Form – und gegen den Kapitalismus.

Dienstag, 04. November 2025, 07:40 Uhr
Thomas Klaus
Protest vor Könecke: „Disrupt“ blockiert das Fleisch-Unternehmen. Bildquelle: Disrupt

Wer den Aktivisten des Protestzusammenschlusses „Disrupt“ einen Brief (oder auch ein amtliches Dokument) zusenden möchte, muss damit rechnen, dass das Schriftstück die Ratten fressen. Denn als Adresse, auch für rechtliche Zwecke, ist in „Disrupt“-Veröffentlichungen ein Haus in Karlsruhe angegeben. Dieses wirkt seit Jahren wie von Menschen unbewohnt: In dem Gammel-Haus machen sich zunehmend Schädlinge breit­, wie es aussieht.

Dass „Disrupt“ zuweilen an Grenzen geht, zeigten seine Mitglieder auch bei ihren jüngsten öffentlichen Aktivitäten: Im Oktober blockierten sie eine Zufahrt zu der Fleischwarenfabrik Könecke im niedersächsischen Delmenhorst. Mit der Aktion machte „Disrupt“ zudem deutlich, wo der aktuelle Schwerpunkt des Protestes liegt: in der Lebensmittelwirtschaft und der „zerstörerischen Agrarindustrie“, wie es „Disrupt“ formuliert.

Mit weiteren Blockaden und Protesten sollte die Branche rechnen. Dabei bemüht sich „Disrupt“ erfolgreich um Bündnispartner, mit denen sich der Zusammenschluss schmücken kann. Beispiel: Im Oktober richtete „Disrupt“ zweitägige Aktionstage in Bremen aus. Eine Großdemonstration war laut „Disrupt“ einer der „Höhepunkte“ des Programms. Bei dieser demonstrierte „Disrupt“ gemeinsam unter anderem mit dem Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), der Genießervereinigung Slow Food und der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft.

Verbindungen zu „Ende Gelände“

Die Forderung von „Disrupt“ nach „globaler Ernährungsgerechtigkeit“ und einer „solidarischen, ökologischen und zukunftsfähigen Landwirtschaft“ – sie ist bündnisfähig. Gräbt man jedoch etwas tiefer, legt „Disrupt“ Ziele offen, die vermutlich auf deutlich weniger Zustimmung stoßen. „Disrupt“ geht nämlich davon aus, dass sich die Klimakrise „nicht im Kapitalismus lösen“ lasse: „Antikapitalismus ist das Bindeglied unserer Allianz.“ Plädiert wird für „ein gutes Leben jenseits des Kapitalismus“.

Vor diesem Hintergrund überraschen die „Disrupt“-Verbindungen zu der Vereinigung „Ende Gelände“ wenig; die wird vom Bundesverfassungsschutz als „linksextremistischer Verdachtsfall“ eingestuft. „Ende Gelände“ ruft öffentlich zur Unterstützung von „Disrupt“ auf. Vor den Aktionstagen in Bremen lud „Ende Gelände“ zu einem „Blockadetraining“ und einem „Mobivortrag“ (Mobilisierungsvortrag) in Hamburg ein.

„Unglaublich großes Ding“

Aus Sicht der Verfassungsschützer radikalisiert sich der „Disrupt“-Unterstützer „Ende Gelände“ immer stärker und schreckt auch vor Sabotage nicht zurück. „Disrupt“ selbst bekannte sich im März 2024 dazu, in Bremen die Luft aus Reifen von 40 Fahrzeugen gelassen zu haben. Damit ging die Gruppe gegen SUV vor – wegen deren Klimaauswirkungen. Die Aktivisten warnten die Fahrer mit Zetteln.

Nach eigener Darstellung der linksextremistischen „Interventionistischen Linken“ (IL) und nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ist „Ende Gelände“ ein IL-Werk. „Wir haben ein unglaublich großes Ding geschaffen“, heißt es in einem IL-Papier. Die Lebensmittel Praxis bat „Disrupt“ um ein Statement zu Aktionsformen sowie der Haltung zum Ernährungssystem und zur Marktwirtschaft. Vergeblich.

Schädlicher Schulterschluss

Meinung von LP-Redakteur Thomas Klaus

Für (noch) mehr Klimaschutz auf die Straße zu gehen, ist absolut legal und legitim. Wer das tut, sollte sich aber in manchen Fällen seine Bündnispartner etwas genauer ansehen. Denn Linksextremisten haben längst erkannt, dass Klimaschutz eine gute Tarnung für ihre eigentlichen Absichten sein kann. Sie wollen die Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung durch ein komplett anderes System ersetzen, die Klimabewegung mit ihrem Feindbild „Kapitalismus“ verknüpfen. Zu diesem ultralinken Spektrum gehört wohl die Gruppierung „Disrupt“, die den Hebel (zumindest zurzeit) bei der Lebensmittelwirtschaft ansetzt. Ein Schulterschluss mit solchen Kräften schadet dem wichtigen Anliegen des Klimaschutzes.

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