Widerrede Berechtigte Existenzangst oder Panikmache? Debatte um deutschen Weinbau

Hintergrund

Der deutsche Weinbau steckt in der Krise – und einige Winzer fühlen sich von den etablierten Verbänden schlecht vertreten. Sind ihre Vorwürfe berechtigt?

Freitag, 19. September 2025, 07:40 Uhr
Lebensmittel Praxis
Thomas Schaurer und Christian Schwörer Bildquelle: Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau; DWV/Dieth+Schröder Fotografie

„Die Branche hat nervenzerreißende Existenzangst“

Von Thomas Schaurer, Zukunftsinitiative Weinbau
Ines Mayer
Thomas Schaurer ist Winzermeister und führt ein Weingut mit 33 Hektar Rebfläche in Billigheim. Seit 2025 ist er Vorsitzender der von ihm mitbegründeten Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau.

Die aktuelle Situation des Weinbaus ist dramatisch: Ohne sofortige Gegenmaßnahmen droht bis zu 50 Prozent der Winzerfamilien in Deutschland innerhalb weniger Wochen das wirtschaftliche Aus. Das wäre auch ein drohender Verlust für Kulturlandschaft und Identität. Doch die Weinbauverbände und ihre Präsidenten lehnten bis vor Kurzem die schonungslose Offenheit ab. Sie versuchten, die Existenzbedrohung unter den Teppich zu kehren. Die Zukunftsinitiative Deutscher Weinbau sieht das anders. Wir sehen die Bevölkerung als mündige Bürger, die wohl unterscheiden können, ob eine Branche auf hohem Niveau jammert oder wirklich nervenzerreißende Existenzängste hat. Wir sind davon überzeugt, dass die Bevölkerung das Recht hat zu erfahren, dass nun die Tage der Entscheidung anstehen, die Entscheidung darüber, ob und wie es mit dem Weinbau in unserem Land weitergeht.

Die Bevölkerung entscheidet: Schon eine zusätzliche Flasche deutscher Wein pro Kopf und Jahr anstelle einer importierten Flasche sichert die Zukunft der deutschen Winzerfamilien. Aktuell liegt der Konsumanteil bei nur 8 Liter deutschem Wein von insgesamt 20 Litern pro Kopf und Jahr. 

„Schlagzeilen zu machen, ist nicht unser Ziel“

Von Christian Schwörer, Deutscher Weinbauverband
Ramona Pop
Christian Schwörer ist seit Januar 2019 Generalsekretär des Deutschen Weinbauverbandes (DWV). Für den DWV arbeitet der Rechtsanwalt insgesamt bereits seit November 2015.

Es besteht kein Zweifel: Der deutsche Weinbau steckt in einer tiefen Krise. Die Betriebswirtschaft prognostiziert aktuell einen Rückgang von 30 Prozent der Rebflächen. Diese wissenschaftlich belegte Annahme wird von unserer Seite als Position der Wissenschaft kommuniziert. Für die Einschätzung der Zukunftsinitiative, dass innerhalb weniger Wochen bis zu 50 Prozent der Betriebe Insolvenz anmelden müssen, gibt es dagegen keine belegbaren Fakten. Der Vorwurf der Zukunftsinitiative, wonach wir die Lage beschönigen würden, ist für uns absolut nicht nachvollziehbar. Die Realität verschweigt niemand. Im Gegenteil, wir haben schon seit Jahren verbandsintern, aber auch der Politik das Szenario aufgezeigt und frühzeitig zum Handeln aufgefordert.

Der DWV steht seit Jahren in engem Austausch mit seinen Mitgliedern in den Regionen, der Betriebswirtschaft und den Marktforschern. Er bringt die Probleme kontinuierlich und deutlich in die politische Diskussion auf Bundes- und Landesebene sowie in Brüssel ein. Unser Ziel ist nicht, Schlagzeilen mit zugespitzten Zahlen zu machen, sondern nachhaltige Lösungen mit den politischen Entscheidungsträgern zu erarbeiten, die den Betrieben tatsächlich helfen.

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