Vor wenigen Tagen feierten Enthusiasten den World Refill Day. Seit 2015 ist der Aktionstag, der in Deutschland kaum Beachtung findet, jährlich am 16. Juni verankert. Die Non-Profit-Organisation „City to Sea“ aus Großbritannien möchte damit das Bewusstsein für die Problematik der Plastikverschmutzung des Planeten schärfen und nachhaltige Alternativen zu Einwegplastik aufzeigen.
Wer heute in einen deutschen Supermarkt geht, sieht jedoch kaum noch Hinweise auf Refill-Stationen. Auch wiederbefüllbare Verpackungen sind selten in den Regalen der Lebensmitteleinzelhändler zu finden. Dabei versprechen Mehrweg- und Nachfüllsysteme eigentlich erhebliche ökologische Vorteile. Laut Untersuchungen der Organisation World Wide Fund For Nature (WWF) lassen sich durch konsequent eingesetzte Mehrwegbehälter jährlich fast 500.000 Tonnen CO₂ vermeiden. Eine Studie des EU Joint Research Centre bescheinigt Mehrwegverpackungen durchgehend bessere Umweltbilanzen – selbst wenn Reinigung und Transport berücksichtigt werden, schneiden sie in annähernd allen Fällen besser als ihre Einweg-Pendants ab, heißt es. Trotzdem dominieren Einwegverpackungen die Regale. Die Gründe dafür sind aus Handelssicht banal: Sie haben mit erhöhtem Aufwand, fehlender Flächeneffizienz, niedrigen Rücklaufquoten und Konsumverhalten zu tun. Und mit einem Handel, der natürlich lieber auf Verkauf als auf Rücknahme setzt.
Was Refill und Mehrweg leisten können
Ökologisch überzeugt das Prinzip. Jeder wiederverwendete Becher, jede zurückgegebene Box spart Energie, Ressourcen und Müll. Zwei aktuelle Versuche setzen mit weiterentwickelten und aus Handelssicht optimierten Systemen zu einem Restart für Mehrweg im Lebensmitteleinzelhandel an. CU Mehrweg (Lebensmittel) und Reo (Kosmetik) befinden sich zwischenzeitlich in einer spannenden Projektphase. Beide sind bereits mit Tests auf ausgewählten Flächen im Lebensmittelhandel anzutreffen. Beider Ziel: den Aufwand im Handel möglichst gering zu halten. CU Mehrweg organisiert zentrale Reinigung, Rücknahme über bestehende Pfandautomaten und eine Kreislauflogistik ohne Zusatzfläche im Markt. Dabei setzt der System anbieter Mehrwegverpackungen aus Polypropylen ein, die leicht, stapelbar, robust und siegelfähig sind. Der Fokus liegt aktuell auf Trockensortimenten, die keine erhöhten Barriere-Anforderungen an Verpackungen stellen.
Das Pilotprojekt mit Seeberger in 18 regionalen Rewe-Märkten unterstreicht nach Aussagen von CU-Mehrweg-Mitgründerin Tatjana Tsarkova bislang: Kunden greifen zu, wenn Produkt, Nutzen und Preis stimmen. Die Auswertung der Marktforschungsergebnisse laufen noch. Auch die Bohlsener Mühle zieht nach dem CU-Mehrweg-Test mit selbstständigen Edeka-Händlern im Südwesten ein positives Fazit. Karsten Pabst, Geschäftsführer von Edeka-Hieber, einem der Projektteilnehmer aus dem Handel, betont: „Das Beispiel des Bohlsener Mühle Haferlings zeigt, wie sich beliebte Produkte erfolgreich in ein nachhaltiges Mehrwegsystem integrieren lassen – ganz ohne zusätzlichen Verpackungsmüll. Die Rückgabe über den Leergutautomaten sorgt für einen geschlossenen Kreislauf und macht die Handhabung sowohl für Kunden als auch für den Handel einfach und effizient.“
Wie Reo Mehrweg zum Erfolg führen will
Reo verfolgt einen datengetriebenen Ansatz, ein Mehrwegsystem mit digitaler Rückverfolgbarkeit, das auf bestehenden Konsummustern aufbaut. Verpackungen erhalten einen digitalen Zwilling. Automaten erfassen Rückgaben, analysieren Verhalten, optimieren Kreisläufe. Hygiene und Spülung organisiert Reo selbst – Handel und Verbraucher bleiben quasi außen vor. Laut Gründerin Nina Hillemeir reduziert dieser Ansatz nicht nur Keimrisiken, sondern auch die Frustration am Regal. Pilotstart derzeit im Großraum München in den 20 Vollcorner-Biomärkten sowie in ausgewählten Vollsortimentern in der Region. Im auf 12 Monate festgelegten Testbetrieb untersucht Reo mit Industriepartnern wie Lavera, wie die Rückgabe durch Konsumenten funktioniert, wie viele Umläufe machbar sind und wie sich Verpackungen ökologisch optimieren lassen. Der Vorteil für Industriepartner: Reo schreibt keine Standardverpackung vor. Auch nachhaltige Kosmetikhersteller setzten nämlich auf Produktdifferenzierung durch die Verpackung. Die Verbraucher erhalten zunächst ein 29-Cent-Rückgabe-Incentive, das später durch ein Pfand ersetzt werden soll.
Woran die Systeme dennoch scheitern
Ein Ex-Edeka-Manager, der nicht genannt werden möchte, bringt es im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis auf den Punkt: Nachfüll-Einheiten im Lebensmittelhandel sieht er als gescheitert an. Refill-Stationen nennt er „tote Gänge“ – sperrig, schmutzanfällig, rechtlich heikel. Wer haftet, wenn ein Kind versehentlich Reinigungsmittel trinkt? Wer wischt das verschüttete Duschgel vom Boden? Refill scheitert im Supermarkt an Hygiene, Haftung, Aufwand, sagt er. Der Kundenkreis, der dieses Angebot aus idealistischen Gründen schätze, sei für Vollsortimenter zu klein.
Mehrwegsysteme überzeugen ihn eher – aber nur unter klaren Bedingungen. Einheitliche Verpackungen, digitale Rückverfolgung, Rückgabe über bekannte Automaten in allen Märkten. Und vor allem: ein funktionierender Rücklauf sei wichtig. Sonst steht die schöne Mehrweg-Edelstahlverpackung als Blumentopf im Garten – wie beim Nestlé-Piloten mit Circolution. Die Edelstahl-Mehrwegvariante schafft über 80 Umläufe und bietet für alle Lebensmittelsortimente optimale Verpackungsbedingungen, sie ist aber selbst nach Skalierung deutlich teurer als vergleichbare Kunststoffalternativen. Circolution-Gründer Max Bannasch nimmt den Handel in die Pflicht. Der Verweis auf Aufwand, Kosten und Logistik greife zu kurz. Verpackungen im Kreislauf seien Ressourcenschutz und heute unabdingbar. In Frankreich läuft das Cirolution-System im E-Commerce mit Partner Nestlé bestens: mit staatlicher Förderung, Zielquoten und Rückgabe via Lieferdienst. Das wünscht sich Bannasch auch für Deutschland.
Verantwortung wahrnehmen
Kommentar von Matthias Mahr
Weder Händler noch Kunden haben Lust auf Rückgabe, Reinigung und damit ihre Verantwortung für Nachhaltigkeit. Refill-Stationen scheitern an der Faulheit der Verbraucher, Mehrweg an der Realität im Markt.
Refill und Mehrweg erscheint mir vergleichbar mit den vielen guten Vorsätzen zu jedem Jahresbeginn: klingt super, hält aber nicht lang. Die Politik feiert Mehrwegpflichten, der Handel stellt eine Box ins Eck – und der Kunde? Sieht nix, nutzt nix, meckert über das Pfand. Willkommen im deutschen Mehrweg-Märchen, bei dem jeder mitspielt, aber keiner die Hauptrolle will.
Die Wahrheit ist: Solange Mehrweg deutlich mehr kostet und mehr nervt, bleibt Einweg König im Regal. Dabei ist die Lösung da – sie heißt Rückgabekomfort, Preisvorteil und klare Regeln, die auch staatlicher Kontrolle bedürfen. Auf Denunzianten-Portale, die an den Pranger stellen, möchte ich nämlich gerne verzichten. Wer will schon gerne ins Mittelalter zurück?
Führungsaufgabe liegt beim Handel
Wenn wir es ernst meinen, können wir die Verpackungsflut stoppen. Wir müssen bloß ins Handeln kommen. Mehrweg ist kein Hippie-Spleen, sondern in einer Welt mit endenden Ressourcen und einem existenziellen Abfallproblem die Zukunft. Dem Handel kommt dabei, ob er es will oder nicht, eine Führungsaufgabe zu. Der Handel muss eigene Kreisläufe schließen. Im Wertstoffmanagement liegt ein Ertragsbringer der Zukunft. Es darf heute eigentlich nicht mehr sein, dass Convenience-Verpackungen für Salate und Obst in der Einweg-Variante angeboten werden. Wir brauchen endlich Standards und flächendeckende Rückgabemöglichkeiten. Wo ein Wille ist, ist auch ein Kreislauf-Weg!
Till Isensee, Verpackungsberater, ist für Mehrwegverpackungslösungen, äußert sich dennoch skeptisch, weil das Mehrwegsystem hohe Rücklaufquoten von 90 Prozent benötige, um wirtschaftlich nicht zu scheitern. Isensee merkt zudem an: Der Handel zeige sich bei diesem Thema zu zögerlich. „Warum soll ich mir die Kosten ans Bein binden, wenn die anderen nichts machen?“, sei eine Floskel, die er immer wieder von Händlern höre. Isensee fordert von den Handelszentralen mehr gesellschaftliche Verantwortung: „Mehrweg ist keine Margenmaschine. Das ist eine Sozialaufgabe!“
Der Konsument als Risikofaktor
Was dem System ebenfalls im Weg steht: der Mensch. Verbraucher fordern nachhaltige Lösungen, verhalten sich aber widersprüchlich. Laut WWF akzeptieren sie Mehrweg in der Theorie, nutzen es aber kaum. 2023 lag der Anteil an Mehrwegboxen im Take-away-Bereich laut WWF bei gerade einmal 0,3 Prozent. Hygieneängste spielen kaum eine Rolle. Entscheidend ist die Bequemlichkeit. Die Verbraucher bringen ihre Becher nicht zurück. Sie vergessen es. Oder sie behalten sie – wie bei Circolution und Nestlé. Auch die Refill-Versuche im Drogeriehandel liefen zäh. Henkel stellte 2020 gemeinsam mit dm und Rossmann Automaten für Duschgel und Reiniger auf. Die Stationen wirkten modern, waren aber kompliziert. Viele Kunden scheiterten am Scanprozess, einige verschütteten Flüssigkeiten. Nach wenigen Monaten beendeten die Händler die Tests leise. Der große Wurf bleibt bisher aus.
3 Fragen an
Milan Bucalo, Geschäftsführer Wasgau Einzelhandel mit derzeit 72 Märkten
Warum scheitern viele Mehrweg-Konzepte auf der Fläche?
Bucalo: Gerade zum Start waren viele Mehrweg-Verpackungen noch nicht funktional, es gab Schwierigkeiten bei der Anwendung. Beispiel Kaffeebecher: Da hat sich so manch einer über einen Schwall Kaffee auf seiner Hose geärgert.
Wo liegen die Probleme genau? Beim Personal oder eher bei den Refill-Stationen? Was sind Ihre Erfahrungen?
Nehmen wir die Unverpackt-Stationen, da muss man einen riesigen Aufwand betreiben, um die Hygiene zu gewährleisten, schließlich geht es um offene Lebensmittel. Und es ist nicht gewährleistet, dass der Verbraucher die Mehrweg-Verpackungen an anderen Verkaufsstellen wieder eintauschen oder die Ware abfüllen kann. Deshalb nimmt Mehrweg den Konsumenten die Spontaneität, einzukaufen. Da muss er schon genau planen, wenn und wo er Waren wie Waschmittel oder Weichspüler nachfüllen kann.
Was wünschen Sie sich von den Konsumenten und der Industrie?
Mehrweg im Getränkebereich funktioniert, weil ein Standard abgedeckt wird, etwa die Bierflasche mit Kronkorken. Die Wiederbefüllung von Mehrweggebinden der Mineralbrunnen ist auch ein positives Beispiel. Sobald Standards vorhanden sind, funktioniert der Kreislauf. Genau diese Vereinheitlichung brauchen auch die Mehrweg-Verpackungen im sonstigen Refill-Bereich. Wenn aber jeder Anbieter seine eigene Suppe kocht, wird das nichts. Sobald individuelle Insellösungen angeboten werden, akzeptiert der Verbraucher das Angebot nicht, sie funktionieren im Handel nicht und verschwinden wieder von der Fläche. Von den Verbrauchern wünsche ich mir, dass sie einfach mal probieren und sich auf die Mehrweg-Angebote einlassen.
