E-Pfandbon Es geht ohne Papier!

In Australien werden Pfandbons im „digital wallet“ gespeichert. In Deutschland gibt es Papier. Zu viel Papier. Dabei gibt es den E-Bon längst. Warum also nicht auch einen E-Pfandbon?

Montag, 15. August 2022 - Management
Rahii Katyal
Artikelbild Es geht ohne Papier!
Bildquelle: Tomra

Am Beispiel wird’s klar: Bei der IHK-Abschlussprüfung beschreibt eine Teilnehmerin den Kassenprozess. „Ich frage nach dem Pfandbon, wenn ich leere Tüten vom Kunden sehe. Daran erkenne ich, dass die Kunden den Pfandbon vergessen haben“, erklärt die Mitarbeiterin.

Das klingt so banal, aber bei all der ganzen Komplexität an der Kasse mit Kundenkarte, Treuepunkten und anderem, darauf auch noch zu achten, das ist gelebte Kundenorientierung! Im Anschluss an diese Beobachtung habe ich mich gefragt, wieso muss der Kassierer an den Pfandbon denken? Und wieso der Kunde? Wie oft habe ich schon Leergutbons vergessen oder auf dem Weg zur Kasse verloren? Lässt sich das nicht digitalisieren?

Kaufland hat als Erster im deutschen LEH den E-Pfandbon getestet. Das war 2019 und hieß Smartbon. Der Test lief in zwölf Märkten; einlösbar waren die Bons in 150 Märkten. Die Abwicklung funktionierte über eine Smartbon-App. Nach einem erfolgreichen Test sollte der Rollout folgen. Der Rollout kam nicht. Scheint nicht so gut geklappt zu haben.

Anbindung: App oder Kundenkarte

In Australien wurde der E-Pfandbon dagegen erfolgreich eingeführt. Kevin Blasiak, Experte für Informationssysteme und Digitalisierung aus Australien, kennt die andere Seite der Welt und weiß, was möglich wäre. „Unternehmen wie der Marktführer Tomra aus Norwegen und das australische Unternehmen Envirobank setzen beim Pfand auf ein möglichst flexibles Auszahlungssystem, das bestehende Treueprogramme integriert und Engagement in der lokalen Gemeinschaft fördert“, erläutert Blasiak. Dabei setzen die Australier auf „digital wallets“ und Apps auf dem Smartphone, die Auszahlungen als Gutschein für Services und den Einzelhandel, als Banküberweisung, PayPal-Zahlung oder Spende ermöglichen. Darüber hinaus bieten diese Apps auch spielerische Elemente wie Auszeichnungen für besonders fleißige Recycler oder diejenigen, die ihr Pfand gerne auch mal dazu nutzen, um über Crowdfunding-Kampagnen dem örtlichen Kindergarten oder dem nächsten „Koala-Krankenhaus“ unter die Arme zu greifen. Flaschen-Recycling kann so sogar zum digitalen Erlebnis werden!

Für die nicht so Digitalaffinen sieht Blasiak kein Problem: „Wer kein digitales Wallet hat und keine weitere App herunterladen will, kann sich den Pfandbetrag weiterhin auch problemlos bar auszahlen lassen. Die Abwicklung des gesamten Vorgangs behält der Kunde sprichwörtlich selbst in der Hand.“

Papier einsparen als Gebot

Die Vorteile liegen auf der Hand. Tonnenweise Papier können durch die Digitalisierung von Pfandbons eingespart werden. Kaufland hat ausgerechnet, dass sich bei 660 Filialen jährlich über 200 Millionen ausgedruckte Pfandbons einsparen lassen. 200 Millionen Pfandbons nur bei Kaufland. Hochgerechnet auf den deutschen LEH ergeben sich schätzungsweise über 6 Milliarden Einsparpotenzial durch digitalisierte Pfandbons. Zudem beträgt die Zeitersparnis beim Kassenprozess etwa zehn Sekunden pro Vorgang für den Händler (Fragen, Scannen, Verwahren, Dokumentieren, Revisionskontrolle). Auch die Wartezeit für den Kunden reduziert sich.

Mehr Effizienz durch Technologie

47 Prozent der befragten Händler erhoffen sich durch einen technologischen Fortschritt kürzere Wartezeiten an der Kasse. Aus Sicht der Kunden soll die Digitalisierung in erster Linie den Einkauf im stationären Handel schneller und effektiver gestalten. 55 Prozent der Befragten möchten ihre Einkäufe selbst einscannen können und 33 Prozent lokal via Smartphone bezahlen können. Die meisten Kunden stufen die Zahlung mit Papier-Leergutbons bei Selfscanning-Varianten als wenig intuitiv ein. Digitale Pfandbons wären besser einlösbar bei Selfscanning Scan & Go oder gar 24/7-Stores, die zunehmend im Einsatz sind. Auch wäre eine bessere Verknüpfung von Online-/Offline-Geschäft – Omni-Channel-Geschäft – möglich. Die E-Pfandbons wären an verschiedenen Channels (stationär als auch online) einlösbar.

Chancen der Digitalisierung

Hochgerechnet auf den deutschen LEH ergeben sich schätzungsweise über 6 Milliarden Euro Einsparpotenzial durch digitalisierte Pfandbons.

Die Digitalisierung von Marktprozessen ist für Händler allein wegen laufender Lohnsteigerung unabdingbar, um nicht den Anschluss zu verlieren. Händler sehen durch technische Entwicklungen vor allem eine optimierte Warenwirtschaft, Reduzierung von Arbeitsstunden, Entlastung der Mitarbeiter und für die Kunden eine Verbesserung des Einkaufserlebnisses sowie kürzere Wartezeiten.

E-Pfandbons sind in Zeiten von Mobile Payment längst überfällig. Der Anteil der Nutzer von Mobile Payment hat sich von 6 Prozent (2019) auf 18 Prozent (2021) gesteigert. Tendenz steigend. Vor allem Millennials haben eine größere Affinität zum mobilen Bezahlen. Aber: Meinen letzten Samstags-Einkauf wollte ich lässig mit dem Handy bezahlen. Dann kam der Pfandbon. Ich wusste gar nicht, wohin damit. Also flatterte der Pfandbon in meiner Hosentasche herum. Dann fehlte ein Kernartikel. Kann ja passieren, trotzdem in dem Fall Kaufabbruch. Aber wohin mit dem Pfandbon? Ging nicht anders. Ich musste an die Kasse. Und schwups hatte ich knapp 5 Euro Wechselgeld in der Hosentasche rumflattern. Mobile Payment ohne E-Pfandbon ist also nur so halb mobil. Der E-Pfandbon müsste also zwangsläufig als Zahlungsmittel eingeführt werden; allerdings würde ein reiner E-Pfandbon Kunden und Händler verärgern. Wilfried G., 72 Jahre alt, findet die Idee mit den digitalen Bons nicht so gut: „Am liebsten wäre mir, das bleibt alles so, wie es ist. Dann würde ich ja immer ein Smartphone benötigen. Lieber nicht.“

Das sieht auch Alexandra Tsingeni, Retail Tech Enthusiast, ähnlich und merkt an: „Das Pfand gleich nur digital anzuzeigen finde ich von der Umsetzung her schwierig: Wie lange wird der Code angezeigt (oder wie schnell habe ich mein Handy mit App nach dem letzten Flascheneinwurf zur Hand)? Wann wurde er abgescannt/übernommen?“ Auch die Weitergabe der Informationen sei sehr komplex, denn häufig sind die Pfandautomaten ausschließlich im Markt-Lan und damit anders verortet als Scan-&-Go-Apps, die häufig über eine Cloud laufen. Auch weist sie darauf hin, dass „Händler grundsätzlich sehr vorsichtig damit sind, weil in der Vergangenheit mit dem Papiergeld viel Unfug getrieben wurde“.

Bei Neuanschaffung einplanen

Nur etwa jeder dritte Kunde wäre bereit, die App eines Händlers herunterzuladen, um damit an der Kasse zu bezahlen. Beim E-Pfandbon wäre der Anteil vermutlich sogar etwas geringer. Das heißt, es sollte nicht noch mal eine extra App für die Abwicklung des E-Pfandbons geben. Vielleicht war das auch hinderlich beim Test von Kaufland.

Aber auch Händler sehen Hemmnisse in der Digitalisierung. Sobald die Technik nicht klappt, geht nichts mehr. Ein leistungsfähiges Breitbandnetz ist oft Grundlage für technischen Fortschritt. Das ist nicht überall gegeben. Auch ein zu hoher Investitionsbedarf, Zeitaufwand und zu strikte gesetzliche Regeln werden als Hindernisse gesehen, ebenso wie Cybersicherheit

Dennoch: Bei Leergutautomaten, die neu angeschafft werden, sollte überlegt werden, diese Funktion direkt zu implementieren. Eine nutzerfreundliche Anbindung wäre über ein Kundenkartenprogramm mit hoher Reichweite, beispielsweise Payback oder Deutschlandcard, gegeben. Ist das nicht möglich, sollten Händler über eigene Lösungen nachdenken. Denkbar ist auch eine unternehmensübergreifende E-Pfandbon-Lösung.

LP-Experten

  • Rahii Katyal ist überzeugt davon, dass sich E-Pfandbons mittelfristig durchsetzen werden.
  • Kevin M. Blasiak ist Doktorand an der University of Queensland und forscht zu Themen im Bereich der Digitalisierung und vernetzten Gesellschaft.
  • Alexandra Tsingeni (Retail Tech Enthusiast) beschäftigt sich im Fokus mit dem Thema Self-Checkout und Seamless Stores.