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Round-Table Verpackung Ringen um den goldenen Weg

Silke Wartenberg | 09. März 2020
Round-Table Verpackung: Ringen um den goldenen Weg
Bildquelle: Martin Kämper

Wohin geht die Verpackungsreise? Was bedeutet der aktuelle Wunsch nach weniger Plastik für Frische- und Trockensortimente für den Einzelhandel? Welche Alternativen oder Konzepte sind praxistauglich? Wir haben Verpackungs- und Handelsexperten an einen Tisch geholt.

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Hersteller von Frischwaren und Tiefkühlprodukten ersetzen Plastik durch Kartonverpackungen, Drogerieartikel kommen zunehmend in Rezyklatverpackungen daher, Händler bieten Mehrwegsysteme an Fleisch- und Käsetheken an. Die Branche hat zweifelsohne im letzten Jahr ihre Hausaufgaben in Sachen Umweltverträglichkeit gemacht. Aber trotzdem – oder gerade deshalb? – ist die Verunsicherung angebots- und nachfrageseitig dadurch nicht kleiner geworden. Gerungen wird aktuell um die nachhaltigste Lösung und die Frage, wie Hersteller, Händler und Kunden in Zukunft auf einen Nenner kommen.

Über welche Verpackungen ärgern Sie sich am meisten?
Horst Bittermann: Wenn ein schon von der Natur verpacktes Produkt wieder verpackt wird – und zwar nicht nachhaltig verpackt wird. Das trifft auf die meisten Obst- und Gemüsesorten zu.

Andreas Helbig: Ich ärgere mich über Verpackungen, die ich nicht aufbekomme.

Michael Bodemer: Wenn man Material vergeudet, und wenn zu viel Luft in der Verpackung ist.

Marian Heinz: Kaffeebohnenverpackungen, die ich nicht aufbekomme, gehören definitiv dazu.

Christian Traumann: Was mich wirklich ärgert, ist diese Verdummung, wenn sich Produzenten die Papierhaptik vermeintlicher Umweltverpackungen oder den puren Glauben daran, dass Pappe in vielen Fällen besser ist als Plastik, zunutze machen, um die Konsumenten mit falschen Versprechen anzulocken.

Viele Verbraucher geben an, dass sie bereit dazu sind, für nachhaltige Verpackungen mehr Geld auszugeben. Wie wir alle wissen, sieht das am Point of Sale dann jedoch oft anders aus. Frau Jakobi, wie sind Ihre Erfahrungen? Fragen Kunden nach Verpackungen oder werden Sie angesprochen?
Ulrike Jakobi: Ja, durchaus, wir werden schon gefragt. Ich habe Ihnen beispielsweise unsere Mehrweg-Dose mitgebracht, die wir an unseren Frischetheken eingeführt haben. Etwa zehn Prozent unserer Kunden nutzen sie bereits. Aber grundsätzlich kann ich sagen, dass sich der Kunde überhaupt nicht mehr auf etwas festlegen lässt. Man kann nicht pauschal behaupten, dass alle eine bessere Verpackung wollen. Nehmen wir das Beispiel der Gurke, die plastikverpackt ist. Viele Kunden regen sich darüber auf. Wenn dann aber die Qualität nachlässt, sind sie auch nicht zufrieden. Ich kann nicht sagen, wohin die Reise geht. Daher müssen wir selber unsere Standards setzen und dem Kunden unter die Arme greifen.

Was meinen Sie damit?
Jakobi: Eine Frage ist doch, ob wir den Kunden die ganze Fülle an Informationen am PoS geben müssen. All das, was er irgendwo liest, verwirrt ihn das mehr als es nutzt? Was genau müssen wir machen? Dass die Kunden nur noch tollere, bessere und umweltfreundlichere Verpackungen möchten, so einfach ist es leider nicht.

Wenn jetzt einige Molkereien auf nachhaltige oder nachhaltig anmutende Verpackungen umsteigen, bemerken Sie also keine signifikante Änderung des Kaufverhaltens?
Jakobi: Ich gehe davon aus, dass das schon vorkommt. Es gibt auch Kunden, die sehr verbissen sind. Eine Kundin brachte eine alte rostige Keksdose als Ersatz für die Mehrwegdose für die Frischetheke mit. Und es war ihr kaum beizubringen, dass das so nicht geht.

Traumann: Weil Sie es über die Theke geben? Eigentlich könnte man doch sagen „selbst schuld“?

Jakobi: Wir können kein hochwertiges Produkt in einer solch schäbigen Verpackung verkaufen. Das Produkt leidet darunter und ich kann die Folgen gar nicht absehen. Das lehne ich wirklich ab.

Franz-Martin Rausch: Ja, da stimme ich Ihnen zu. Die Lebensmittelsicherheit muss gewahrt bleiben. Behälter, die über die Theke gelangen, müssen hygienisch unbedenklich sein. Andernfalls genehmigen es die Behörden gar nicht, dass selbst mitgebrachte Mehrwegbehälter vom Thekenpersonal angenommen werden. Aber ich möchte noch einmal auf das Käuferverhalten zurückkommen. Wir haben derzeit zwei große Trends, die die Verpackungsproblematik erschweren. Einerseits wird das Convenience-Angebot ausgeweitet. Die Kunden arbeiten in der Regel tagsüber und holen sich im Lebensmittelmarkt das Mittagessen. Dies ist dann verpackt, und die Verpackung wird an dieser Stelle auch akzeptiert. Andererseits gibt es immer mehr Single-Haushalte, die nach kleinen Verpackungen verlangen.

Jakobi: Das kann ich bestätigen. Immer, wenn es um Bequemlichkeit und um Schnelligkeit geht, ist der Wert, den man gestern noch hatte, plötzlich vergessen.

Bodemer: Exakt. Nehmen wir das Beispiel mit dem geschnittenen Obst und Gemüse. Abgesehen davon, dass die Hygiene bei solchen Produkten nicht immer einwandfrei ist, ist es reine Bequemlichkeit. Obst ist doch perfekt geschützt. Aber das scheint niemanden zu interessieren, was mich ärgert.

Wie schätzen Sie die Konsumenten ein, Herr Traumann?
Traumann: Ich habe ein bisschen Angst, dass es so wird wie beim Atomausstieg. Dass das Thema Plastikvermeidung plötzlich eine Art Eigendynamik aufnimmt. Jeder erwartet nach wie vor den Strom aus der Steckdose, aber niemand will mehr Atomstrom haben. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es so mit dem Thema Kunststoff gehen. Der Konsument möchte praktische Lösungen haben, die aber auch umweltverträglich sind. Deshalb sind wir alle, die Verpackungen produzieren, aufgefordert, uns dazu etwas auszudenken. Und es gibt ja schon tolle Ansätze.

Die Verpackung ist für die Markenartikelunternehmen ein wichtiges Marketing-Instrument. Ist sie aber auch ein geeigneter Umsatzbringer für den Handel, Herr Helbig?
Helbig: Dass die Verpackung auch für den Handel ein Umsatzbringer ist, zeigt sich daran, dass Handelsmarken genauso viel Wert auf die Verpackungsgestaltung legen wie Markenartikel. Und gerade der Handel fordert nun massiv, Kunststoffverpackungen durch nachhaltigere Kartonverpackungen zu ersetzen.

Wo könnte denn Karton Kunststoff sinnvoll ersetzen oder zumindest reduzieren?
Bittermann: Wofür brauchen wir eine Verpackung? Verpackungen müssen das Lebensmittel vor Beschädigungen und Verderb schützen. Genauso wichtig ist aber die Informationsfunktion der Verpackung. Hier gibt es Richtlinien, die man erfüllen muss. Und was wir nicht vergessen dürfen: Die Verpackung darf keine Spuren in der Umwelt hinterlassen. Es ist wichtig, dass eine Verpackung wieder dem Werkstoffkreislauf zugeführt wird. Und hier sind alle Anstrengungen zu unternehmen, damit das gemacht wird. Das heißt: ein geringer Energiebedarf, wenn etwas recycelt wird, das heißt auch Arbeitsplätze und eine Wertschöpfungskette zu schaffen. Damit erreicht man zwar keine Erhöhung des Bruttoinlandsproduktes in Deutschland, aber es sind wesentliche Faktoren. Es ist nicht einzusehen, warum Verpackungen, die Produkte schützen, die wenige Tage haltbar sind, ein paar Hundert Jahre halten müssen. Das ist völlig absurd.

Traumann: Ich teile hundertprozentig Ihre Meinung. Wenn man noch einmal die plastikverpackte Gurke nimmt: Man sagt: fünf Liter Wasser und zehn Kilowattstunden braucht eine Gurke bis sie gewachsen ist. Wenn sie schrumpelig ist, kauft sie niemand mehr. Sie wird dann schön liegen gelassen. Inzwischen gibt es jedoch genug Technologien, um genau das zu erreichen: das Lebensmittel schützen und keine Spuren in der Umwelt hinterlassen. Allerdings ist der Preis die große Herausforderung. Der Strompreis hat sich auch in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Meines Erachtens darf man den Verbraucher nicht im Unklaren drüber lassen, dass umweltverträglichere Verpackungen in der Regel teurer sind.

Helbig: Es gibt sicher klare Fälle, wo Karton Kunststoff ersetzen kann, zum Beispiel bei Trays für Obst. Aber häufig leistet der Kunststoff eine wichtige Barrierefunktion. Hier bieten sich beschichtete Faltschachteln an, bei welchen Karton die Struktur und Stabilität gewährleistet und der Kunststoff die Barriere. Beispiele sind Faltschachteln für Tiefkühlkost oder Kartonbecher für Eiscreme, Joghurt oder Suppen.

Heinz: Das ist ein wichtiger Punkt. Nachhaltigkeit gibt es nicht zum Nulltarif. Das muss jedem in der Kette klar sein. Es besteht ein hoher Investitionsbedarf und irgendjemand muss dafür bezahlen. Es ist sehr begrüßenswert, dass seitens des Handels klare Vorgaben gemacht werden, in welche Richtung es gehen soll. Durch mehr Recycling und durch Monomaterialien. Die derzeitigen Verbundfolien sind einfach nicht rezyklierbar. Das ist mit Monomaterialien im Verpackungsbereich durchaus machbar. Aber es ist ein Zielkonflikt. Der Konsument wünscht eine Verpackung, die das Lebensmittel frisch und haltbar macht, aber bitte umweltfreundlich.

Und was heißt das konkret bei den vorgeschnittenen und abgepackten Käseprodukten? Spüren Sie Druck vonseiten der Verbraucher oder vom Handel, etwas zu verändern?
Heinz: Es gibt ein breites Verständnis darüber, dass etwas getan werden muss. Wir sind schon seit vielen Jahren im Bereich Nachhaltigkeit unterwegs. Wir reduzieren das Verpackungsmaterial durch den Einsatz dünnerer Folien. Zudem setzen wird Monomaterial ein und testen aktuell den Einsatz von Biopolymeren. Dabei handelt es sich um Verpackungen auf Basis nachwachsender Rohstoffe. Damit wollen wir einen aktiven Beitrag leisten, die Entwicklung weiter voranzutreiben, wobei dies noch einige Zeit in Anspruch nehmen wird. Eins steht jedoch außer Frage: Käse kann nicht in recyclingfähiges Papier eingepackt werden.

Bittermann: Ich möchte Ihnen widersprechen, dass es keine Verpackungen gibt, die nachhaltig sind und das Produkt schützen. Denken Sie an Karton mit entsprechenden Barrieren. Hier stehen uns bereits viele tolle Materialien und Hybridverpackungen zur Verfügung. Es ist aber sehr wichtig, dass der Verbraucher weiß, wie er die einzelnen Materialien trennen und entsorgen kann.

Es wurden schon mehrfach die Kosten angesprochen. Kostet denn Nachhaltigkeit die Unternehmen zwangsläufig Geld, Herr Bodemer?
Bodemer: Weniger Verpackung kostet weniger Geld! Ich glaube, man kann über Nachhaltigkeit sehr viel Geld sparen.

Kommen wir zum Thema Snacking. Vorgeschnittenes Obst, Müsliriegel, Sushi to go. Essen zu jeder Zeit und überall. Studien gehen von sieben Mahlzeiten pro Tag aus. Einer der Widersprüche der Generation Z. Wie passt das zum Wunsch nach weniger Verpackung, Herr Rausch?
Rausch: Sie haben recht. Die Konsumgewohnheiten verändern sich. Sandwiches, Baguettes oder Fertigsalate werden zwischendurch verzehrt, gefrühstückt wird im Zug. Aber neben dem Verpackungsaspekt ist mir ein anderer Punkt wichtig: die Herstellung von Lebensmitteln kostet – Energie, Arbeitszeit und Geld. Daher sollte der Fokus auch darauf liegen, keine Lebensmittel zu verschwenden.

Helbig: Das sehe ich auch so. Doch in Bezug auf die Verpackung ist das eigentliche Problem, dass die im gelben Sack gesammelten Verpackungen nicht ausreichend recycelt werden, sondern auch über den gelben Sack im Gelben Fluss und anschließend im Ozean gelandet sind. Hier muss nun mit nachhaltigen Verpackungslösungen wieder Vertrauen aufgebaut werden. Faltschachteln tragen hierzu durch ein bewährtes Sammel- und Recyclingsystem über das Altpapier bei.

Jakobi: Wer muss eigentlich was machen? Müssen wir den Kunden erziehen? Wie ich bereits sagte, gibt es den einen Kundentypus nicht. Was wir machen können, sind Angebote, wie Mehrweg-Frischenetze für Obst und Gemüse, Kartons statt Plastiktüten an der Kasse oder die Möglichkeit, Mehrwegbehälter an der Frischetheke zu nutzen.

Meiner Meinung nach muss der Kunde das gesamte Verpackungsthema nicht im Detail verstehen, und wir sollten ihn auch nicht mit zusätzlichen oder zum Teil widersprüchlichen Informationen verunsichern. Es ist aber auch unsere Pflicht, gemeinsam mit der Verpackungsindustrie und den Herstellern an dieser Stelle nachzubessern.

Bittermann: Snacking sollte in Verpackungen angeboten werden, die wie das Lebensmittel ein paar Tage halten und nicht für die Ewigkeit sind. Das ist einer der Vorteile der Faltschachtel. Sie löst sich in der Umwelt auf, und der Kunden weiß, wo der Karton zum Recycling hingehört.

Welchen Verpackungen gehört Ihrer Meinung nach die Zukunft, Herr Bodemer?
Bodemer: Ich denke, ein einzelnes Material kann nicht verteufelt werden. Grundsätzlich lautet die Devise: So wenig Kunststoff wie möglich. Was mich allerdings sehr ärgert, ist Kunststoff in Papieroptik, da die Verbraucher bei ihrer Kaufentscheidung in die Irre geleitet werden. Da schließe ich mich Herrn Traumann voll und ganz an.

Helbig: Der FFI hat Anfang 2019 gemeinsam mit Pro Carton und der Uni Gießen eine Studie zur Verpackungspräferenz bei Bio-Produkten gemacht. Diese zeigte deutlich, dass die Kaufwahrscheinlich höher ist, wenn Produkte in Faltschachteln verpackt sind. Hier gibt es noch viel Potenzial.

Jakobi: Der Handel kann Vorreiter sein und nachhaltige Alternativen anbieten. Wir tun das bei Verpackungen unserer Eigenmarken-Produkte. Gemeinsam mit dem WWF ist unser Ziel der „Goldene Weg“, das heißt kurz gesagt Vermeiden, Reduzieren, Recyceln. Wir möchten eigentlich noch mehr machen, aber der Kunde ist immer noch bequem. Und die zehn Prozent unserer Kunden, die die Mehrwegdose an der Frischtheke nutzen, zeigen das einmal mehr.

Bittermann: Und zum goldenen Weg gehört auf jeden Fall: Es darf nichts an Verpackungsmüll in die Umwelt gelangen.