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Interview mit Konsum Leipzig Fokus auf Lokalität

Sonja Plachetta | 02. Oktober 2019

Seit 135 Jahren gehört der Konsum zu Leipzig. Seit vier Jahren prägen Dirk Thärichen und Michael Faupel das Unternehmen. Die Vorstände sprechen über die Vorteile des Genossenschaftsmodells, ihre Preisstrategie und die Expansion nach Chemnitz und Halle.

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In diesem Jahr gibt es Konsum Leipzig seit 135 Jahren. Welchen Mehrwert bieten Sie den Kunden, dass sie Ihnen die Treue halten?
Dirk Thärichen: Wir schreiben gerade an unserer Konsum-Chronik, die zu unserer Geburtstagsparty am 30. Oktober erstmals präsentiert wird. In dem Buch sieht man, dass der Konsum eine sehr bewegte Geschichte hat. Was aber die ganze Zeit über funktioniert hat, ist das Genossenschaftsmodell, mit dem wir hier ein Alleinstellungsmerkmal haben. Der Endkunde hat so als Mitglied Mitspracherecht, was er im Laden kaufen möchte und wie sich der Konsum nach außen präsentieren soll. Zudem ist es wirtschaftlich interessant. Die Dividende lag in diesem Jahr bei zwei Prozent und die Rückvergütung anlässlich unseres Geburtstages bei 3,135 Prozent. Das ist deutlich höher als das, was man bei Banken oder bei Bonussystemen wie Payback bekommt.

Wo unterscheidet sich Ihr Angebot von den Wettbewerbern?
Michael Faupel: Wir versuchen, auch mithilfe unseres Partners, der Edeka, in jeder Filiale ein echtes Vollsortiment abzubilden. Selbst in Läden mit 200 bis 400 Quadratmetern bieten wir bis zu 6.000 Artikel an. Was uns unterscheidet, ist, dass wir deutlich mehr regionale und vor allem lokale Produkte haben als die Konkurrenz. Wir listen auch lokale Lieferanten, die nur ein oder zwei Filialen beliefern können. Das können die großen Handelsunternehmen nicht. Diese Säule wollen wir noch weiter stärken.

Diese Kleinstproduzenten zu listen, bedeutet einen enormen Aufwand. Wie bewältigen Sie den?
Faupel: Seit Anfang 2019 haben wir einen Mitarbeiter, der sich ausschließlich um diese lokalen Lieferanten kümmert. Wir beraten sie auch, was zum Beispiel Verpackung und EAN-Code angeht, damit ihre Produkte serienreif werden und wir diese in unsere Läden aufnehmen können. Außerdem bündeln wir die Ware. Es gibt eine zentrale Stelle, einen sogenannten Hub, an den alle ihre Waren liefern, und von dort aus wird sie über einen Dienstleiter an die Filialen verteilt.

Was ist Ihre Definition von Lokalität?
Thärichen: Leipzig mit einem Umkreis von etwa 30 bis 50 Kilometern. Ganz fest ist diese Grenze jedoch ist.

In welchen Sortimenten haben Sie noch Nachholbedarf bei den lokalen Produkten?
Faupel: Wir fokussieren uns auf den Bereich Frische. Da wollen wir lokale Ware noch stärker zur Abgrenzung zu den Wettbewerbern wie Edeka und Rewe nutzen.

In Leipzig hat der russische Discounter Mere seine erste Filiale. Sehen Sie den auch als Konkurrenz?
Faupel: Von dem habe ich lange nichts gehört. Die Lage der Filiale in Leipzig ist sehr isoliert, und die betreiben mit Ware aus dem Ausland und Postenware ein ganz anderes Geschäft, das meiner Meinung nach keinen der etablierten Einzelhändler tangieren wird.
Thärichen: Es liegt zwar in unserer DNA, ein Supermarkt zu sein, aber gerade preislich fühlt sich mittlerweile auch der typische Discountkunde bei uns wohl. Wir haben seit unserem Amtsantritt das Sortiment deutlich geschärft, erweitert und nach unten im Bereich „Gut & Günstig“ abgerundet, so dass wir im Grundsortiment jetzt Discountpreise haben.

Hat die Handelsspanne stark darunter gelitten?
Faupel: Nein, weil wir unseren Frischeanteil mit Obst und Gemüse und Mopro sehr stark ausgebaut haben, und die haben eine überdurchschnittliche Spanne.
Thärichen: Die Preissenkungen waren notwendig. Bei manchen Kunden waren wir als Apotheke verschrien, weil uns die Preiseinstiegsangebote gefehlt haben.
Faupel: Früher haben wir noch oben aufgerundet. Durch das Abrunden der Preise nach unten erreichen wir nun außer den gut situierten auch die normalen Kunden, die in der Mehrzahl sind. Sie bekommen jetzt bei uns 125 Gramm Himbeeren für 1,49 Euro wie bei Aldi. Früher hätten wir vielleicht 2,99 Euro verlangt. Das machen wir nicht mehr.

Die Preise anzupassen, war eines Ihrer Hauptversprechen bei Ihrem Antritt 2015. Ein anderes waren fairere Löhne. Was beinhaltet die neue Entgeltordnung?
Thärichen: Die Entlohnung war bei unseren regelmäßigen Mitarbeiterbefragungen immer wieder Thema. Seit Anfang 2019 ist ein neues Modell in Kraft, mit dem wir im Stundenlohn wettbewerbsfähig sind und für die Mitarbeiter wichtige Themen integriert haben, zum Beispiel ein Mobilitätsticket, einen höheren Mitarbeiterrabatt oder ein angepasstes Urlaubsgeld. Zudem bauen wir den Baustein Altersvorsorge auf. Und die Mitarbeiter erhalten eine Prämie, wenn wir ein gutes Unternehmensergebnis erzielen. Von dem Paket profitieren alle, so dass 97 Prozent der Mitarbeiter den neuen Arbeitsvertrag unterschrieben haben.
Faupel: Unser System ist modern und erfolgsorientiert. Die Entlohnung ist jetzt gerechter, denn es gibt jetzt das gleiche Geld für die gleiche Arbeit. Niemand bekommt für die gleiche Position nur deshalb mehr Geld, weil er länger dabei ist. Wer einen guten Job macht, kann sich innerhalb der Tätigkeit aber finanziell weiter-entwickeln.

Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer Unternehmensphilosophie für 2030?
Thärichen: Es gibt fünf zentrale Punkte. Erstens: Wir wollen unseren USP, das Thema Genossenschaft, stärken. Während unserer Geburtstagskampagne zu 135 Jahren Konsum Leipzig haben wir in 60 Tagen mehr als 200 neue Mitglieder gewonnen. Das ist wichtig für uns, weil bei ihnen als Eigentümer des Konsums die Kundenbindung höher ist. Zudem ist der Durchschnittsbon der Mitglieder höher. Das zweite Thema ist die Mitbestimmung der Mitarbeiter. Wir haben eine agile Unternehmensführung eingeführt. Dabei kommt jedes Projekt alle vier Monate auf den Prüfstand. Die Mitarbeiter können mitdiskutieren, und wir können punktgenau investieren. Nächstes Jahr werden wir zum Beispiel ein neues Kassensystem einführen, das bediener-freundlicher ist. Ein dritter Punkt ist unser soziales Engagement in Leipzig, wo wir weiterhin Teil des öffentlichen Lebens sein möchten.
Faupel: Der vierte Punkt ist unser Standortkonzept. Wir wollen keine Läden auf der grünen Wiese, sondern wir wollen dort, wo die Menschen wohnen, ein echter Nahversorger sein. In dem Bereich sind wir sehr erfolgreich und auch Vorreiter. Im Gegensatz zu Aldi und Lidl, die jetzt mit Kleinflächen experimentieren, haben wir schon seit Jahren gut laufende Standorte mit einer Verkaufsfläche ab 200 Quadratmetern. Schließlich geht es fünftens um ein gutes Sortiment mit möglichst vielen Lieferanten von hier. Damit setzen wir uns vom normierten Einheitsbrei mit fest vorgeschriebenem Ladendesign und Sortiment ab. In unserer neuen Filiale im Westwerk wird dieses individuelle Konzept auf die Spitze getrieben.

Wie sieht Ihre Expansionsstrategie aus?
Faupel: Generell wollen wir netto pro Jahr um mindestens zwei Filialen wachsen. In diesem Jahr eröffnen wir noch einen Markt in Leipzig und einen in Halle. Aktuell haben wir 60 Filialen und wollen uns so kontinuierlich annähern an die 70 und perspektivisch 80 Filialen. Gute Standorte zu finden, wird aber immer schwieriger.

Welche Ziele haben Sie für den Konsum in Chemnitz?
Faupel: Eine Bezirksstärke von sechs bis zehn Filialen in Chemnitz ist unser Ziel. Aber in Chemnitz und bald auch in Halle haben wir den Heimvorteil nicht und müssen uns die Kunden noch härter erarbeiten als in Leipzig.

Wie wird der neue Markt in Halle aussehen?
Faupel: Es ist eine echte Kleinfläche mit 220 Quadratmetern in der Innenstadt, eine Hochfrequenzlage mit angeschlossenem Wohngebiet. Wir eröffnen Ende Oktober.

Wie machen Sie sich und Ihr Konzept dort bekannt?
Thärichen: In Halle haben wir anders als in Chemnitz ein relativ schweres Erbe. Es gab einen Konsum in Halle, der 1994 zahlungsunfähig wurde. Der Insolvenzverwalter hat versucht, von den Mitgliedern Nachschüsse zu verlangen. Unsere Aufgabe ist zu kommunizieren, dass wir eine andere Genossenschaft sind, die mit dem alten Konsum in Halle nichts zu tun hat. Auch in Halle wollen wir sechs bis zehn Läden erreichen. Je mehr es werden, desto einfacher wird es, unsere erfolgreichen Marketingkonzepte auszurollen und eben auch dort Mitglieder zu werben.
Sind noch weitere regionale Ableger denkbar, zum Beispiel in Weimar?
Faupel: Unsere Expansionsstrategie sieht das erst einmal nicht vor – was nicht heißt, dass wir das für alle Zeiten ausschließen.
Thärichen: Alle Maßnahmen, die wir seit unserem Amtsantritt 2015 angegangen sind, haben auch eine große Kraftanstrengung verlangt. Deshalb fokussieren wir uns erst einmal auf unser A-Gebiet, das Leipzig, Chemnitz und Halle umfasst.

Wie läuft Ihr Online-Liederdienst?
Faupel: Die Umsätze steigen zwar, aber auf geringem Niveau. Wir haben entschieden, an dem Thema dranzubleiben, obwohl wir damit erst mal noch kein Geld verdienen können.

Darüber hinaus planen Sie eine weitere Online-Plattform.
Thärichen: Wir sind sehr testfreudig. Als kleiner Lebensmittelhändler können wir schneller umsteuern als ein großer Tanker und dabei Trends und Ideen zügig aufgreifen. Die Macher der regionalen Webplattform Lozuka aus Siegen haben uns gefragt, ob wir das in unserer Region auch ausprobieren wollen. Mit anderen Partnern wie der Leipziger Volkszeitung, dem Landkreis Nordsachsen und regionalen Betrieben sind wir derzeit in der Testphase, ob sich so eine Plattform realisieren lässt. Sollten wir zu einem guten Ergebnis kommen, könnte der Startschuss dafür 2020 fallen.

Wo liegen Ihre Investitionsschwerpunkte?
Faupel: Als wir das Unternehmen übernommen haben, war es in allen Bereichen veraltet. Deshalb investieren wir in jedem Bereich ständig, um das Unternehmen zu modernisieren, und das ist ein langer Weg.
Thärichen: Insgesamt investieren wir pro Jahr zwischen 3,5 und 4 Millionen Euro. Ein großes Thema sind natürlich die Filialen und hier gerade die Kühlanlagen, wo es viel Investitionsstau gab. Sie werden nicht nur erneuert, sondern auch sukzessive erweitert.

Sie bauen auch die Zentrale um. Was ist da geplant?
Thärichen: Wir haben einen Projektentwickler gefunden, der mehrere Millionen Euro in den Ausbau unserer Zentrale investiert. Von den 30.000 Quadratmetern nutzen wir derzeit 2.500 Quadratmeter. Der Rest soll saniert werden. Uns schwebt eine Campus-Idee vor, wo junge Unternehmen aus der Gründerszene und Co-Working-Spaces ihren Platz finden.

Wie läuft 2019 bisher?
Faupel: Wir wachsen derzeit um acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Kunde scheint also zu mögen, was wir machen. Wir kommen von 2.800 Euro an Flächenproduktivität im Jahr 2014 und nähern uns jetzt den 5.000 Euro auf den Quadratmeter. Bis 2023 wollen wir 6.000 Euro erreichen.

Das Vorstandsduo Dirk Thärichen (l.) und Michael Faupel prägt Konsum Leipzig seit 2015.
Die Dividende und die Rückvergütung sind für die Mitglieder von Konsum Leipzig attraktiver als ein Bonussystem wie Payback, findet Vorstandssprecher Dirk Thärichen.
Michael Faupel hat ambitionierte Ziele: Bis 2023 will die Genossenschaft 6.000 Euro an Flächenproduktivität pro Quadratmeter erreichen.