Bildquelle: Santiago Engelhardt

Interview mit Renate Künast Freiwillig klappt nichts

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Renate Künast ist streitbar wie eh und je und hat feste Vorstellungen über eine gesündere Ernährung. Die LP traf die Landwirtschaftsministerin a. D. in Berlin.

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Eigentlich redet inzwischen jeder über gesunde Ernährung, über mehr Wertschätzung für Lebensmittel oder über nachhaltige Produktion. Man glaubt fast, es gebe ein neues Bewusstsein für Ernährung. Was hat sich verändert seit Sie als Ministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft im Amt waren?
Renate Künast
: Jede große Veränderung beginnt mit Zwergenschritten. Diese Strömung kommt ja nicht von ungefähr. Eine meiner ersten Handlungen als Ministerin war, die schwarz-rot-goldene Ähre aus dem Logo des Ministeriums herauszunehmen, denn damit wirkten schon die Vorlagen des Ministeriums als wären sie vierzig Jahre alt. Wir wollten uns aber in die aktuellen Debatten einmischen. Also haben wir begonnen, die größten Ernährungsprobleme zu ermitteln – heraus definiert haben wir dabei dann Kinder und ältere Menschen. Begonnen haben wir mit dem Thema ‚Kinder’ und heute ist noch offensichtlicher, dass unsere Ernährungswelt den Kindern nicht gut tut. Die WHO redet von der Epidemie der Fettleibigkeit. Heute bin ich überzeugt, dass das große Interesse für gesunde Ernährung noch deutlich weiter gewachsen wird.

Ist das ein Trend oder ein tatsächlicher Wandel?
Nein, das ist kein Trend. Das ist ein Wandel, eine Veränderung der Grundhaltung. Und das geht weit über die Ernährung hinaus. Ich sehe ein erfreulich großes Bewusstsein für alles, was mit nachhaltigem Lebensstil, ökologischen oder fairen Produkten und Ernährung zu tun hat. Dazu gehört auch, dass immer mehr junge Leute gar kein Auto mehr kaufen wollen, sondern auf Sharing-Modelle setzen oder sich Fahrräder kaufen. Aber ebenso ist die Auseinandersetzung mit Lebensmitteln, ihrer Herkunft und ihren Inhaltsstoffen inzwischen überall greifbar.

Welche Indikatoren sehen Sie dafür in der Gesellschaft?
Zuallererst sehe ich die Beschäftigung mit Nahrungsmitteln in unserer Gesellschaft. Wenn sich beispielsweise Eltern dafür interessieren, wie ihre Kinder im Kindergarten ernährt werden, zeigt dies, dass sie Einfluss nehmen wollen auf die Gesundheit und Fitness ihrer Kinder – und dies auch vermitteln wollen. Ärzte oder Lehrer setzen sich ebenfalls mehr für Ernährungsfragen ein und betonen, wie wichtig es ist, dass ein Kind gefrühstückt hat. Aber auch Themen wie Insektensterben oder andere Störungen des Naturkreislaufs werden im Alltag diskutiert. In den Städten gründen sich Ernährungsräte, die entwickeln, wie sich Städte ernähren können, und Ernährung zum Bestandteil von Stadtentwicklung machen. Gute Ernährung soll einfach sein. Die vielen Koch-Shows oder die zahlreichen Themen über Ernährung oder Rezepte in den Wochenzeitungen muss ich nicht ansprechen. Dies spielt sich nicht mehr nur im Premium-Bereich ab, sondern ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Vita: Renate Künast
  • Renate Künast wurde am 15. Dezember 1955 in Recklinghausen/ NRW geboren.
  • Sie studierte Sozialarbeit an der Fachhochschule in Düsseldorf. Von 1977 bis 1979 arbeitete sie als Sozialarbeiterin in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel, speziell mit Drogenabhängigen. Später studierte sie Jura und schloss das Studium 1985 mit dem zweiten Staatsexamen ab. Sie ist Rechtsanwältin.
  • Der Westberliner Alternativen Liste trat sie 1979 bei und hat seitdem in verschiedenen Funktionen für die Partei gearbeitet.
  • Sie war von Januar 2001 bis zum 4. Oktober 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.
  • Renate Künast führte die Fraktion über den Zeitraum von zwei Legislaturperioden.
  • Sie war Spitzenkandidatin der Berliner Grünen für die Bundestagswahl 2013 und von 2014 bis 2017 Vorsitzende des Ausschusses für Recht und Verbraucherschutz im 18. Deutschen Bundestag.
  • Seit dem 24. September 2017 ist sie Mitglied des gewählten 19. Bundestages.

Wie kann die neue Bundesregierung dieses Momentum nutzen?
Auf jeden Fall muss sie endlich handeln. Ich habe mit Freude gehört, dass Julia Klöckner sagt, dass sie voran schreiten will. Allerdings zucke ich zusammen, wenn ich einen Satz höre wie ‚Ich will aber nicht vorschreiben, wie Deutschland schmeckt‘. Was soll das denn heißen? Von Schmecken oder Geschmack war ja gar nicht die Rede. Ich plädiere für weniger Ideologie und endlich mal Maßnahmen ergreifen.

Welches Schlüsselthema muss jetzt angepackt werden?
Stadternährung und damit ein ganzheitlicher Ansatz ist für mich vorherrschendes Thema. Städte wie Toronto, Kopenhagen oder Brighton haben Ernährung zum Teil der Stadtplanung gemacht. Sie reden dort über Ernährung genauso konzeptionell wie über ÖPNV, Energie, Straßen, Kliniken, Schulen und Kindergärten. Wie sich eine Stadt ernährt heißt ja auch, wie gesund sind die Bewohner vom Kind bis zu den Senioren.