Anzeige

Interview mit Norbert Hegmann und Thorsten Bausch My-Enso: Auf einem anderen Weg in die Zukunft

Dieter Druck | 27. April 2018
Interview mit Norbert Hegmann und Thorsten Bausch: My-Enso: Auf einem anderen Weg in die Zukunft

Bildquelle: Claudia Schiffner, myEnso

My-Enso verspricht den Supermarkt der Zukunft. Die Geschäftsführer Norbert Hegmann und Thorsten Bausch erklären ihr Online-Modell, das auf Kundeninitiative sowie -mitbestimmung setzt und bei der Warenauslieferung alternative Wege zum klassischen Paketversand nutzt.

Anzeige

Warum sind Sie am Online-Verkauf von Lebensmitteln so interessiert? Das klappt doch nicht, bringt kein Geld, Amazon kommt nicht so schnell voran wie erwartet, und Lidl/Kaufland rudern zurück.
Norbert Hegmann: Ursprünglich habe ich als Marktforscher und Berater der Markenartikelindustrie gearbeitet. Stein des Anstoßes war die von Markenanbietern wie Ferrero an uns gestellte Aufgabe, einmal über Online-Testmärkte, quasi ein Experimentierfeld für Hersteller, nachzudenken. Das war die Initialzündung für unser Modell, das sich vollkommen auf den Menschen konzentriert und Entscheidungen an seinen Wünschen festmacht.

In welcher Phase befindet sich My-Enso jetzt?
Thorsten Bausch: Wir sind im Mai 2017 mit der Befragung der ersten Pioniere, also der aktiven Mitmacher in unserem System, gestartet. Jetzt ist die Auswertungsphase abgeschlossen, und wir beginnen in diesem Monat mit der nationalen Auslieferung. Frischware wird in dieser Phase in den 15 größten Städten lieferbar sein. Und ein weiteres Limit zu Beginn: Nur unsere Pionieren können Ware beziehen. Ebenso gestartet ist der Youtube-Kanal der Food-Pioniere, über den etwa neue Produkte vorgestellt werden.

Was sind das für Leute, die Pioniere?
Bausch: Unsere Pioniere, beziehungsweise Mitmacher und Gestalter, spiegeln den Durchschnitt der Gesellschaft wider. Was sie eint, ist ein starkes Bewusstsein für das, was um sie rum geschieht, damit verbunden ist ein bewusstes Handeln.


Nicht erst seit Facebook ist das Thema Datenschutz ein sehr sensibles. Was weiß My-Enso über seine Kunden?
Hegmann: Bei uns liegt die Datenhoheit uneingeschränkt beim Kunden. Das heißt, er bestimmt selbst, was er preisgibt und ist auch berechtigt, Daten zu löschen. In der Regel kennen wir seinen Namen und Adresse, mehr nicht. Wir nutzen die Kundenmeinung für die Optimierung von Sortiment und Abläufen im Bestell- und Liefersystem.

Aber Sie betreiben doch damit auch Marktforschung für Markenartikler...
Wir fragen viel und bekommen entsprechend viele Antworten und Insights. Damit wissen wir viel über Kundenwünsche. Das geht ein in die von uns betriebene Marktforschung für Hersteller. Aber wie gesagt, der Kunde entscheidet selbst per Häkchen, ob Informationen weitergegeben werden oder nicht.

Schneller Ausbau

Ab Ende April können „Pioniere“ , registrierte Kunden, online über www.myenso.de Produkte bestellen. Das Sortiment wird zum Start 25.000 Artikel
umfassen. Mit Beteiligung der Kunden soll das Sortiment auf etwa 100.000 Artikel ausgebaut werden. Anfang 2019 soll der Shop für alle Verbraucher
öffnen.

Was unterscheidet My-Enso von Amazon, hat der Online-Gigant eine Vorbildfunktion für Sie?
Bausch: Vorbildlich ist sicherlich die Perfektion der logistischen Abläufe. Was die Einbeziehung von Kunden, die Zentrierung auf den Menschen und dessen Vorstellungen angeht, ist Amazon für uns kein Vorbild, sondern eher das Gegenteil. Auch die Hersteller sind bei Amazon nicht eingebunden. Aus unserer Sicht findet keine Kooperation mit ihnen statt. Daher könnte auch die skeptische Grundhaltung auf Nutzer- und Herstellerseite gegenüber Amazon rühren.

Wie kommuniziert My-Enso mit den Kunden?
Hegmann: Wir zählen heute 2.557 Pioniere, und davon sind 30 Prozent bereit, sich über den Erwerb von Genossenschaftsanteilen in das Unternehmen einzubringen. Die Pioniere können ihre Wünsche und Ideen über die Plattform meine-entscheidung.myenso.de oder andere Kommunikationsschienen äußern und damit Funktionalitäten, den Claim und vor allem das Sortiment bestimmen. Wir konzentrieren uns ganz auf den Menschen, das ist unser markantes Unterscheidungsmerkmal gegenüber stationärem und bestehendem Onlinehandel.

Wie laufen die Entscheidungsprozesse ab?
Sehr einfach. Mögliche Neuerungen, aber auch Bestehendes, werden zunächst auf der Diskussionsebene beleuchtet. Danach folgt die Abstimmungsebene. Hier ist eine bestimmte Zahl von Stimmen, die sich an der Zahl der Pioniere orientiert, notwendig, um beispielsweise neue Projekte anzugehen und bestehende erneut zu prüfen.

Welche Zielgruppe wollen Sie erreichen?
Bausch: Eine möglichst große. Amazon, um den vorherigen Gedanken noch fortzusetzen, fokussiert stark auf Ballungsräume und Hipster. Aber man sollte ältere Verbraucher und den ländlichen Raum nicht ausklammern. Wir tun es jedenfalls nicht. Eine von uns initiierte Marktforschung von Kantar hat ergeben, dass sich 7,7 Millionen Haushalte in Deutschland vorstellen könnten, bei einem Online-Angebot wie My-Enso, mitzumachen. Das ist schon mal eine Hausnummer.