Brexit Und raus sind sie - Und raus sind sie: Teil 2

Europa ohne Großbritannien. Das wird die Zukunft sein, das haben wir nun alle verstanden. Aber wie, das weiß noch keiner. Klar ist, dass sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien immer weiter verflochten haben. Eine Trennung bringt verschiedenste Probleme mit sich.

Donnerstag, 10. August 2017 - Management
Michaela Hennecke
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Inhaltsübersicht

Das Ergebnis
Sicher ein Extremmodell. Aber Premierministerin Theresa May hat ein schwaches Mandat. Sie muss sich bis zum März 2019 mit der EU geeinigt haben, sonst wird es zu einem harten Brexit kommen. „Ein harter Brexit ist nicht sehr wahrscheinlich, es hängen zu viele internationale Beziehungen an einem guten Abschluss der Verhandlungen“, stellt Martin Banse heraus. Gerd Bovensiepen, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei Pricewaterhouse Coopers (PwC) in Deutschland und EMEA (Europa-Arabien-Afrika) lässt zudem bedenken: „Handelskosten könnten steigen. Durch die Auferlegung von Importlizenzen für bestimmte landwirtschaftliche Produkte oder durch die Wiedereinführung von Grenzkontrollen.“ Dem pflichtet Banse bei: „Hochverarbeitete Produkte werden teurer werden, es wird jedoch zu Umlenkeffekten kommen, der Markt wird nicht komplett wegbrechen. Zölle werden erst einmal abschreckend wirken, aber das wird sich relativieren.“

„Wenn die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt oder gar wegfallen sollte, bedeutet dies, dass britischen Unternehmen der Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt erschwert oder gar verschlossen wird“, sagt Gerd Bovensiepen. Gleiches gilt für europische Arbeitskräfte: Durch das abgeschwächte Pfund und die Unsichergeit in den nächsten Jahren werde der britische Arbeitsmarkt für sie an Attraktivität verlieren.

Die Reaktionen
Aldi und Lidl sind die größten deutschen Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel, die auf dem britischen Markt präsent sind. Auf Anfrage der LP sagte Jan Ribbeck, Leiter der Unternehmenskommunikation International bei Lidl, dass der Discounter zurzeit keine Veranlassung sehe, die strategische Planung für den britischen Markt zu ändern. Aldi UK kündigt an, bis 2022 im Vereinigten Königreich 1.000 Filialen am Netz haben zu wollen.

75 Prozent der britischen Nahrungsmittelexporte gehen in die EU. Vor allem nach Deutschland, Frankreich und Italien.

Die Folgen
Im BVE-pwc Exportbaromenter gaben 74 Prozent der exportierenden Unternehmen aus der deutschen Ernährungsindustrie an, dass ein zollfreier Absatzmarkt das wichtigste Ziel der Brexit-Verhandlungden sein sollte. Könnte diese Forderung nicht umgesetzt werden, planen bereits viele Unternehmen Alternativen ein: den verstärkten Export in andere Länder oder ein verstärktes Engagement im heimischen Markt.

„Eine schnelle und transparente Abwicklung der Verhandlungen ist unerlässlich“, da sind sich Banse und Bovensiepen einig. Deutsche Unternehmen müssten sich über den Stand der Brexit-Verhandlungen auf dem Laufenden halten, um schnell auf Entscheidungen reagieren zu können.

Vier fragen an Martin Banse: Ende ungewiss

Herr Banse, wie werden die Verhandlungen aussehen?
Marin Banse: Bis jetzt haben sich die Verhandlungspartner auf eine Agenda geeinigt. Die EU möchte erst einmal das Scheidungsverfahren klären, bevor sie über ein weiteres „Zusammenleben“ spricht. Großbritannien würde am liebsten alles zusammen verhandeln.

Vita

Dr. Martin Banse ist Direktor des Thünen-Instituts für Marktanalyse in Braunschweig. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Bereich der wissenschaftlichen Politikfolgeabschätzung auf nationale und internationale Agrarmärkte. Einer seiner Schwerpunkte ist die modellbasierte Analyse von wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf den internationalen Agrarhandel.

Was bedeutet der Brexit für den deutschen Handel?
Es wird in jedem Fall zu einer Einschränkung des Handels mit Großbritannien kommen. Die langfristige Wirkung auf einzelne Sektoren lässt sich heute noch nicht abschätzen, es ist vor allem vom Ausgang der Verhandlungen abhängig – welche Handelshemmnisse die britische Regierung und die EU aufbauen, und wie sich der bürokratische Aufwand entwickeln wird.

Viele Unternehmen prüfen bereits, ob sie aus Großbritannien abwandern. Wie sehen Sie das?
Auch das ist nicht bekannt. Es kann davon ausgegangen werden, dass Primärerzeugnisse kaum betroffen sein werden. Für Erzeugnisse, die speziell auf den Markt des Vereinten Königreichs ausgerichtet sind, wird eine Neuausrichtung schwierig sein. Dies ist besonders bei der irischen Milchindustrie der Fall, die stark auf den britischen Markt ausgerichtet ist.

Welche Unternehmensbereiche könnten vor allem aus Großbritannien abgezogen werden?
Auch das kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Es sollte jedoch im Hinterkopf behalten werden, dass die Automobil- und die Pharmabranche wesentlich stärker vom Brexit betroffen sein werden als die Agrar- und Ernährungsbranche.