Brexit Und raus sind sie

Europa ohne Großbritannien. Das wird die Zukunft sein, das haben wir nun alle verstanden. Aber wie, das weiß noch keiner. Klar ist, dass sich die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien immer weiter verflochten haben. Eine Trennung bringt verschiedenste Probleme mit sich.

Donnerstag, 10. August 2017 - Management
Michaela Hennecke
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Bildquelle: Getty Images

Inhaltsübersicht

Donald Tusk ist sichtlich erschüttert, als er am 30. Mai 2017 bei der Pressekonferenz an das Rednerpult tritt. Gerade hat ihm der britische EU-Botschafter Tim Barrow das sechsseitige Austrittsgesuch der Briten aus der EU überreicht. „Es gibt keinen Grund sich vorzumachen, dass dies ein glücklicher Tag ist“, sagt EU-Ratspräsident Donald Tusk, nachdem er den Brief an die Seite gelegt hat. Und warum auch? Artikel 50 des Lissaboner Vertrages tritt nun erstmals in Kraft – Großbritannien wird ab April 2019 nicht mehr Teil des europäischen Binnenmarktes sein. Die Außenhandelsbeziehungen müssen neu verhandelt werden. Wie sich der europäische Binnenmarkt verändern wird, ist ungewiss.

Die Fakten
Klar ist, dass sich die Außenhandelsbeziehungen in den vergangenen Jahren, innerhalb der EU, immer weiter verflochten haben. Deutschland exportierte 2016 Agrargüter im Wert von 4,5 Mrd. Euro in das Vereinigte Königreich. Im Gegenzug betrugen die Importe aus Großbritannien lediglich 1,4 Mrd. Euro. 14 Prozent der britischen Nahrungsmittelimporte kommen aus Deutschland. Wie Martin Banse vom Thünen-Institut für Marktanalyse mit seinem Kollegen Florian Freund berechnete, stieg der Export in den Jahren 2002 bis 2016 in beide Richtungen um 77,8 Prozent an. Aus Deutschland wuchsen die Lebensmittel-Exporte in das Vereinigte Königreich vor allem bei Süßwaren (230 Prozent), Fleisch (150 Prozent) sowie Milch und Getreide (jeweils 50 Prozent).

Aus der EU wurden 2017 Lebensmittel im Wertvon 31 Mrd. Euro in das Vereinte Königreich
exportiert.

Die Kalkulation
Banse und Freund versuchten mithilfe eines Rechenmodells eine Einschätzung des Brexit auf die europäische und deutsche Wirtschaft. Sie unterstellten hierbei, dass Großbritannien komplett aus dem Europäischen Wirtschaftsraum aussteigen wird. Der Handel zwischen der EU-27 (es werden dann nur noch 27 Staaten sein) und Großbritannien würde nach WTO-Richtlinien laufen, es würde also weder ein Freihandelsabkommen noch ein Verbleib im Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) geben. Um einen Vergleich der Daten gewährleisten zu können, wurde ein Modell zugrunde gelegt, das einen Verbleib des Vereinigten Königreiches in der EU unterstellte.

Generell erwarteten die beiden Experten unter diesen Extrembedingungen einen Exportrückgang aus Deutschland in das Vereinigte Königreich von 16,3 Mrd. Euro. Dabei entfielen 1,8 Mrd. Euro auf den Agrar- und Nahrungsmittelbereich. Schweine- und Geflügelfleisch, Milchprodukte und Milch sind nach diesem Modell besonders vom Exportrückgang betroffen. Gegenüber 2015 würden die deutschen Exporte bei Schweine- und Geflügelfleisch um 8,5 Prozent, bei Milchprodukten um 5,5 Prozent und bei Milch um mehr als 1 Prozent nachlassen. „Diese gesunkene Exportnachfrage wird sich nach unseren Berechnungen auch in der deutschen landwirtschaftlichen Produktion widerspiegeln: Eine Verringerung der Produktion um 1,5 Prozent sowie eine Reduktion der Rohmilchproduktion um etwa 1 Prozent sind nach diesem Extremmodell zu erwarten“, sagt Banse.

Aus der EU wurden 2017 Lebensmittel im Wert von 31 Mrd. Euro in das Vereinte Königreich exportiert.


Das Ergebnis
Sicher ein Extremmodell. Aber Premierministerin Theresa May hat ein schwaches Mandat. Sie muss sich bis zum März 2019 mit der EU geeinigt haben, sonst wird es zu einem harten Brexit kommen. „Ein harter Brexit ist nicht sehr wahrscheinlich, es hängen zu viele internationale Beziehungen an einem guten Abschluss der Verhandlungen“, stellt Martin Banse heraus. Gerd Bovensiepen, Leiter des Bereichs Handel und Konsumgüter bei Pricewaterhouse Coopers (PwC) in Deutschland und EMEA (Europa-Arabien-Afrika) lässt zudem bedenken: „Handelskosten könnten steigen. Durch die Auferlegung von Importlizenzen für bestimmte landwirtschaftliche Produkte oder durch die Wiedereinführung von Grenzkontrollen.“ Dem pflichtet Banse bei: „Hochverarbeitete Produkte werden teurer werden, es wird jedoch zu Umlenkeffekten kommen, der Markt wird nicht komplett wegbrechen. Zölle werden erst einmal abschreckend wirken, aber das wird sich relativieren.“

„Wenn die Arbeitnehmerfreizügigkeit eingeschränkt oder gar wegfallen sollte, bedeutet dies, dass britischen Unternehmen der Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt erschwert oder gar verschlossen wird“, sagt Gerd Bovensiepen. Gleiches gilt für europische Arbeitskräfte: Durch das abgeschwächte Pfund und die Unsichergeit in den nächsten Jahren werde der britische Arbeitsmarkt für sie an Attraktivität verlieren.

Die Reaktionen
Aldi und Lidl sind die größten deutschen Unternehmen im Lebensmittel-Einzelhandel, die auf dem britischen Markt präsent sind. Auf Anfrage der LP sagte Jan Ribbeck, Leiter der Unternehmenskommunikation International bei Lidl, dass der Discounter zurzeit keine Veranlassung sehe, die strategische Planung für den britischen Markt zu ändern. Aldi UK kündigt an, bis 2022 im Vereinigten Königreich 1.000 Filialen am Netz haben zu wollen.

75 Prozent der britischen Nahrungsmittelexporte gehen in die EU. Vor allem nach Deutschland, Frankreich und Italien.

Die Folgen
Im BVE-pwc Exportbaromenter gaben 74 Prozent der exportierenden Unternehmen aus der deutschen Ernährungsindustrie an, dass ein zollfreier Absatzmarkt das wichtigste Ziel der Brexit-Verhandlungden sein sollte. Könnte diese Forderung nicht umgesetzt werden, planen bereits viele Unternehmen Alternativen ein: den verstärkten Export in andere Länder oder ein verstärktes Engagement im heimischen Markt.

„Eine schnelle und transparente Abwicklung der Verhandlungen ist unerlässlich“, da sind sich Banse und Bovensiepen einig. Deutsche Unternehmen müssten sich über den Stand der Brexit-Verhandlungen auf dem Laufenden halten, um schnell auf Entscheidungen reagieren zu können.

Vier fragen an Martin Banse: Ende ungewiss

Herr Banse, wie werden die Verhandlungen aussehen?
Marin Banse: Bis jetzt haben sich die Verhandlungspartner auf eine Agenda geeinigt. Die EU möchte erst einmal das Scheidungsverfahren klären, bevor sie über ein weiteres „Zusammenleben“ spricht. Großbritannien würde am liebsten alles zusammen verhandeln.

Vita

Dr. Martin Banse ist Direktor des Thünen-Instituts für Marktanalyse in Braunschweig. Er arbeitet seit mehr als 20 Jahren im Bereich der wissenschaftlichen Politikfolgeabschätzung auf nationale und internationale Agrarmärkte. Einer seiner Schwerpunkte ist die modellbasierte Analyse von wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf den internationalen Agrarhandel.

Was bedeutet der Brexit für den deutschen Handel?
Es wird in jedem Fall zu einer Einschränkung des Handels mit Großbritannien kommen. Die langfristige Wirkung auf einzelne Sektoren lässt sich heute noch nicht abschätzen, es ist vor allem vom Ausgang der Verhandlungen abhängig – welche Handelshemmnisse die britische Regierung und die EU aufbauen, und wie sich der bürokratische Aufwand entwickeln wird.

Viele Unternehmen prüfen bereits, ob sie aus Großbritannien abwandern. Wie sehen Sie das?
Auch das ist nicht bekannt. Es kann davon ausgegangen werden, dass Primärerzeugnisse kaum betroffen sein werden. Für Erzeugnisse, die speziell auf den Markt des Vereinten Königreichs ausgerichtet sind, wird eine Neuausrichtung schwierig sein. Dies ist besonders bei der irischen Milchindustrie der Fall, die stark auf den britischen Markt ausgerichtet ist.

Welche Unternehmensbereiche könnten vor allem aus Großbritannien abgezogen werden?
Auch das kann noch nicht mit Bestimmtheit gesagt werden. Es sollte jedoch im Hinterkopf behalten werden, dass die Automobil- und die Pharmabranche wesentlich stärker vom Brexit betroffen sein werden als die Agrar- und Ernährungsbranche.