Ausbildung Kampf um Azubis - Interview mit Friedhelm Scholz

Personalentwickler im Dauerstress: Wie gelingt es, Ausbildungsstellen mit geeigneten Kandidaten zu besetzen? Ein Stimmungsbild.

Donnerstag, 24. März 2011 - Management
Heidrun Mittler
Artikelbild Kampf um Azubis - Interview mit Friedhelm Scholz
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„Karriere-Möglichkeiten herausstellen!"

Fragen an Friedhelm Scholz, Leiter Personalentwicklung der Rewe Markt GmbH, Region West, im Interview mit der LP zur aktuellen Ausbildungs-Situation.

Viele Unternehmen im Handel können ihre Ausbildungsstellen nicht besetzen – manche diskutieren schon Prämien für vermittelte Azubis. Wie schlimm ist die Lage?
Wir haben 2010 Glück gehabt, wir konnten alle Stellen besetzen. Das liegt unter anderem daran, dass wir 2009 sehr aktiv waren und viele Schulen besucht haben. Insgesamt aber ist die Lage im Handel ziemlich prekär, mit all den Problemen, die wir kennen: Andere Branchen greifen oft die guten Bewerber vorher ab.

Wie viele Plätze möchten Sie 2011 besetzen?
Im Filialbereich möchten wir 80 Auszubildende einstellen, dazu
kommen 20 speziell für Service, also für die Bedienung von Fleisch, Wurst und Käse. Im Bereich der selbstständigen Kaufleute rechne ich mit einer Größenordnung von 150 bis 180 neuen Auszubildenden.

Wie viele können Sie besetzen, wo bleiben Lücken?
Ich denke, dass wir alle besetzen werden. Schwierigkeiten zeichnen sich allerdings im Service-Bereich ab.

Viele Händler klagen, dass immer mehr Schulabgänger nicht ausbildungsfähig sind. Wie beurteilen Sie das?
Das ist so, das zeigen die Bewerbungen, die wir bekommen. Rund 80 Prozent der Einsendungen werden nicht weiter verfolgt. Aber es sind auch gute und sehr gute Bewerbungen darunter. Eben solche, die wir eigentlich haben wollen.

Woran zeigt sich die mangelnde Ausbildungsfähigkeit?
Heute kann kaum noch ein Schüler ohne Taschenrechner rechnen. Viele bekommen nicht einmal mehr den Dreisatz hin. Aber auch soziale Kompetenzen und Selbstverständlichkeiten fehlen, zum
Beispiel Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft.

Sie bieten Hilfestellungen an, um schulische Defizite auszugleichen. Zudem gibt der LEH oftmals Jugendlichen eine Chance, die in einem schwierigen sozialen Umfeld leben. Wird der Handel zum modernen Sozialarbeiter?
Unternehmen müssen Verantwortung tragen. Junge Menschen haben eine zweite Chance verdient. Einige, die in der Pubertät eine schwierige Phase durchleben, sind bereit und fähig zur Veränderung. Diesen nehmen wir uns an, bereiten sie aufs Berufsleben vor und bauen schulische Defizite ab.

Sie beschäftigen viele junge Menschen mit Migrationshintergrund. Wie funktionieren Ausbildung und Arbeit mit unterschiedlichen Kulturen?
Wir haben diesbezüglich keine Probleme. Absolut nicht.

Azubis werden knapp. Welche Ideen haben Sie, um neue Zielgruppen für eine Ausbildung zu erschließen?
Die Rewe West bietet alleinerziehenden Mütter die Ausbildung in Teilzeit an, damit machen wir gerade unsere ersten Erfahrungen.

Was muss Ihrer Ansicht nach geändert werden, um den Handel als Arbeitgeber für junge Menschen attraktiver als bisher zu machen?
Der Handel stellt meiner Meinung nach nicht genügend heraus, wie gut die Karrieremöglichkeiten sind, gerade für Nicht-Abiturienten. Darüber hinaus sollte er die Vielseitigkeit im Beruf viel stärker betonen.

Wirken sich die Öffnungszeiten negativ aus?
Ja, teilweise mag das so sein – wobei aber völlig klar sein dürfte, dass keiner von 8 bis 22 Uhr durcharbeitet. Auch hier müssen wir stärker die Chancen aufzeigen, welche Flexibilität unsere Öffnungszeiten bieten, etwa, dass man auch einmal vormittags frei hat.

Der Handel hat sich im IT-Bereich und der Datenverarbeitung enorm weiterentwickelt. Hält die Ausbildung im Handel mit dieser Entwicklung Schritt?
Die praktische Ausbildung hält auf jeden Fall Schritt. Die Berufsschule kann der Entwicklung zum Teil nicht folgen. Hier sehe ich ebenfalls Chancen: Wir sollten es schaffen, jungen Menschen, die Spaß an EDV- und Warenwirtschafts-Systemen haben, Freude am Arbeiten im Handel zu vermitteln.

Was können Sie den High Potentials bieten?
Wir sind mit unserem Führungskräfte-Entwicklungskräfte-Programm (FEP) gut aufgestellt, dadurch rekrutieren wir ausreichend Führungs-Nachwuchs aus dem eigenen Unternehmen. Das ist wichtig, denn wir brauchen inzwischen wegen der langen Öffnungszeiten in fast jedem Markt neben dem Marktmanager noch zwei Substituten.

Wie sicher ist der Arbeitsplatz Lebensmittelhandel in den nächsten 20, 30 Jahren? Bestimmte Arbeitsbereiche werden sich ändern, wie etwa das Kassieren. Die Vollsortimenter müssen sich weiter durch Kompetenzen wie Beratung vom Discount abheben – dazu braucht man Menschen, das werden wir keinem Computer überlassen. Der Handel benötigt gut ausgebildete Fach- und Führungskräfte: Sie müssen ein Team führen können, unsere EDV-gestützten Systeme beherrschen und kompetenter Ansprechpartner für unsere Kunden sein.