Marktrundgang Große Pläne, langsamer Verkehr – wie die Händlerfamilie Jakobi einer Dauerbaustelle trotzt

Hintergrund

Die Kaufmannsfamilie Jakobi hat in Worms ihr drittes E-Center eröffnet: mit besonderen Gestaltungselementen und durchdachten Konzepten zur Bindung der Mitarbeiter.

Donnerstag, 10. Juli 2025, 07:40 Uhr
Heidrun Mittler
Neuer Edeka-Markt in Worms trotz Baustelle auf Erfolgskurs
Die Mitinhaberin hat Marketing studiert. Im Markt trägt sogar das Kinderauto ein Branding.
Spitzbögen und 
Rosetten: Elemente der frühgotischen Bauweise, wie sie im Wormser Dom zu sehen sind, als 
Gestaltungselemente bei Obst und Gemüse. Bildquelle: Heidrun Mittler

Gerade einmal 800 Meter bereiten Ulrike Jakobi-Schlimme und ihrem Mann Marco große Sorgen. 800 Meter, genauer gesagt eine Baustelle, die direkt vor ihrem gerade eröffneten E-Center in Worms den Verkehr ausbremst. Dabei sollte die Baumaßnahme, welche die Autobahnen 61 im Westen und 5 im Osten verbindet, schon längst fertig sein. Nun aber könnte es noch bis 2028 dauern, haben die Verkehrsplaner gerade bekannt gegeben. Ungünstig für die Familie Jakobi, die auf wesentlich mehr Verkehr aus dem Umland gehofft hatte. Über 26.000 Autos könnten laut Schätzung des hessischen Verkehrsmanagements pro Tag an ihrem neuen Standort vorbeifahren. Bislang sind es gerade einmal 11.000. Wenn wenigstens der Kreisel vor dem Gebäude endlich fertig wäre!

Trotz der Widrigkeiten sind die Kaufleute vom Standort überzeugt. Die Konkurrenz ist zwar groß, zwei Kaufland-Märkte und eine Globus-Markthalle agieren in der Nachbarschaft. „Doch die Leistung, die wir bieten können, gab es in Worms bisher nicht“, sagt Marco Jakobi. Er betreibt mit seiner Familie schon zwei E-Center mit großem Erfolg, eines in Bensheim, ein weiteres in Lautertal (22 und 30 Kilometer von Worms entfernt).

In Worms bringen die Jakobis keinen x-beliebigen, sondern nach eigener Einschätzung einen „Erlebnis-Markt“ ans Laufen. Mit großen Bedienungstheken – 23 Meter sind allein Fisch, Fleisch, Wurst und Käse vorbehalten. In der eigenen Bäckerei in der Vorkassenzone bedienen im größten Teil Mitarbeiter und verkaufen Brot, Backwaren und Kuchen sowie Snacks für den kleinen Hunger. Ein kleinerer Teil ist als SB-Station konzipiert: Der Kunde nimmt sich eine gekühlte Getränkeflasche, dazu ein frisch belegtes verpacktes Brötchen, scannt und bezahlt selbstständig. Verbraucher, die Zeit und Muße mitbringen, können im schön gestalteten Café Platz nehmen, bei schönem Wetter sogar im Außenbereich. Die Betreiber nutzen dafür den Begriff „Lieblingsplatz“.

Diese Bezeichnung nutzen sie bereits in Bensheim, wo das gastronomische Konzept, insbesondere der Mittagstisch, sehr gut angenommen wird: Im Schnitt verkaufen sie dort 280 frisch gekochte Essen am Tag. Hier in Worms ist eine entsprechende Küche fertig installiert, das Konzept läuft an, sobald die Kundenzahl es hergibt. Wer Appetit hat, ist schon jetzt gut im neuen Markt aufgehoben: Neben einem großen Convenience-Angebot in den SB-Theken hält Untermieter Eat Happy Sushi bereit. Und wer an der Käse-Abteilung vorbeigeht und nicht verkostet, ist selbst schuld. Ungezählte Becher mit Häppchen laden zum Verkosten ein. Zum Glück für die Betreiber lassen sich die meisten Kunden „verführen“ und kaufen anschließend Käse.

Das Personal sei engagiert, berichtet Ulrike Jakobi-Schlimme, die sich um die Mitarbeiter kümmert: „Die Menschen haben Lust, bei uns zu arbeiten“, erläutert sie stolz. „Jeder Mitarbeiter will gesehen werden“, heißt ihr Credo. Jakobis beschäftigen eine externe Fachkraft, die zweimal im Jahr bei Feedbackgesprächen unterstützt. Ihr Mann ergänzt, dass „wer die Extrameile geht, auch anständig bezahlt werden muss“.

E-Center Jakobi, Mittelochsenplatz 4, 67547 Worms, Öffnungszeiten: Montag bis Samstag von 7–21 Uhr, Bedientheken bis 20 Uhr

2.800

qm Verkaufsfläche

23

Meter Bedienungstheke (Fleisch/Wurst/Käse/Fisch)

40.000

Artikel (allein die Budni-Beautybox führt 5.600 Artikel)

214

Parkplätze

110

Sitzplätze in der Bäckerei und im Café (innen und außen)

75

Mitarbeiter

Nächste Generation an Bord

Das Tagesgeschäft verantworten zurzeit gleich zwei Marktleiter: Sohn Simon, der bereits den Abschluss „Führungskraft Handel“ in der Tasche hat, und Philipp Zehe, ein erfahrener Kaufmann, der lange im Discount gearbeitet hat. Simon Jakobi zieht es im Herbst an die Uni, er will Unternehmensführung studieren. Seine Eltern fördern den Plan, „schließlich ist es gut, wenn man nicht nur durch die Edeka-Brille sieht.“

Nach den ersten drei Monaten liegt der Umsatz des E-Centers zwar noch unter Plan, aber die Familie ist zuversichtlich. Schon jetzt hole man am Wochenende auf, was während der Woche fehlt. Und wenn der Kreisel erst fertig ist …

3 Fragen an

Dr. Oliver Blank, Geschäftsführer 
beim Ladenbauer Aichinger

Bei einem Neubau sind 23 Meter Bedienungstheke nicht alltäglich. Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit sich diese Dimension rechnet?
Oliver Blank: Die Qualität in und hinter den Bedientheken macht den Unterschied – auch beim Umsatz und Ertrag. Die Familie Jakobi und ihre Mitarbeitenden leben Bedienungskompetenz par excellence. Das sieht man auch an den Auszeichnungen wie Sterne-Bedientheke oder Käse-Star.

Auch die besten Kaufleute kämpfen manchmal mit Personalproblemen. Wie variabel sind die Theken in Worms?
In der Fischtheke ist ein 1,30-Meter-„FilouFlixx“-Thekenmodul integriert, in der Käsetheke zwei wandelbare Thekenmodule mit 2 Meter Länge. Das schafft ausreichend Flexibilität, um mit Bedienung und SB zu „spielen“. Gegenwärtig wird die gesamte Strecke als Bedientheke genutzt.

Einmal abgesehen von den Bedienungstheken: Was ist für Sie das Highlight im neuen Markt?
Ein Highlight ist der in der Käsethekenstrecke integrierte Work-Cube, wo Käse live vor den Augen der Kunden verar­beitet, portioniert und für hochwertige SB-Präsentation verpackt wird. Aber der Markt ist viel mehr als die Summe der Highlights. Die Vielzahl an liebevollen Details bei der Gestaltung unterstreicht die Leidenschaft für hochwertige Lebensmittel und schafft den ange­mes­se­nen Rahmen für das ausgesuchte Angebot erstklassiger Produkte von heimischen Erzeugern.

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Die Mitinhaberin hat Marketing studiert. Im Markt trägt sogar das Kinderauto ein Branding.
Bild öffnen In diesem restaurierten Schrank stellen Jakobis regionale Lieferanten vor, im Juni ist es  Imker Kiesewetter aus Worms.
Bild öffnen Einer vor 52 „Jakobis Nachbarn“. Perro Negro, eine Kaffeerösterei aus Worms. Hier die Kaffees, allesamt aus Bio-Anbau.
Bild öffnen Gut sortiert: die Fleisch-Bedienungstheke.
Bild öffnen Verrückt, wie viele Häppchen die Mannschaft von der Käsetheke zur Verkostung anbietet? Nein, verkaufsfördernd!
Bild öffnen Auch in der Prepack-Theke: jede Menge zum Probieren.
Bild öffnen Im Eingangsbereich stellen die Kaufleute ihre regionalen Lieferanten vor. Die Maßgabe für regional: maximal 50 Kilometer oder 45 Fahrt vom Standort entfernt, hergestellt unter fairen Bedingungen.
Bild öffnen Hell und übersichtlich: sieben Bedienkassen plus 4 SCO-Kassen.
Bild öffnen Die eigene Bäckerei, links ist der Selbstbedienungsbereich integriert.

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