Marktrundgang Wasgaus Erfolgsmodell – inwiefern der neue Markt in Landstuhl als Blaupause dient

Hintergrund

Im westpfälzischen Landstuhl hat Wasgau einen Markt eröffnet, der als Blaupause für weitere Objekte dient. Doch auch hier gibt es standortspezifische Besonderheiten, etwa viele Produkte für US-Amerikaner.

Montag, 11. August 2025, 11:26 Uhr
Heidrun Mittler
Artikelbild Wasgaus Erfolgsmodell – inwiefern der neue Markt in Landstuhl als Blaupause dient
Wasgau informiert die Kunden schon auf dem Parkplatz über das Angebot regionaler Produkte.
Bildquelle: Wasgau und Heidrun Mittler

Treffpunkt Landstuhl – hier hat Wasgau Ende Mai einen neuen Nahversorger-Markt eröffnet. Milan Bucalo, Geschäftsführer von mehr als 70 Wasgau-Einzelhandelsflächen, zeigt sich beim Ortstermin im Juni ganz entspannt. Genau so hat er sich das neue Objekt vorgestellt, das direkt unter der Burg Nanstein liegt: Der Innenstadtmarkt brummt. Jetzt, um die Mittagszeit, ist das in eigener Regie betriebene Café gut besucht, alle Tische sind belegt. Für Frequenz sorgen eine Schule und ein Kindergarten in der Nachbarschaft, ebenso ein Postfiliale in Laufweite. An der Bäckereitheke versorgt sich die hungrige Käuferschaft nicht nur mit einem Tagesessen, sondern auch mit belegten Brötchen, Snacks wie Wraps und Pizza, Kuchen und Torten sowie  frisch gebrühtem Kaffee.

„Mit den ersten Wochen sind wir sehr zufrieden“, antwortet Geschäftsführer Bucalo auf die Frage, wie das Geschäft angelaufen ist. Der neue Markt liege beim Umsatz deutlich über den Erwartungen. Allerdings, schränkt er ein, ist das Geschäft im Einzelhandel generell  gerade „nicht einfach, der Kunde ist extrem preissensibel“. Dementsprechend gehen die Kunden auch in Landstuhl auf Schnäppchenjagd und packen Produkte für „100 Cent“ in den Einkaufskorb: 100 Gramm frische Bratwurst, Pepsi-Flaschen (1,25 Liter), Maoam-Kracher oder Kühne-Feinkost-Saucen. Die 100 Cent sind natürlich bewusst gewählt, sie verweisen auf das große Jubiläum des Handelsunternehmens im September. Dann feiert die „Produktions & Handels AG“ mit Sitz im westpfälzischen Pirmasens ihren 100. Geburtstag.

Die Wasgau, wie man landläufig sagt, ist noch eines der wenigen selbstständigen Lebensmittel-Unternehmen in Deutschland, hat zwischenzeitlich allerdings einen Einkaufsverbund mit der Rewe. Ihre Verkaufsflächen sind tendenziell eher klein, liegen zwischen 400 und 3.200 Quadratmetern. Der Schwerpunkt im Sortiment liegt auf Regionalität, wie Besucher schon per Plakat auf dem Parkplatz erfahren. Insgesamt beträgt der Umsatz im Einzelhandelsbereich aktuell 475 Millionen Euro. Darunter fallen die Erlöse in den Märkten sowie den eigenständig betriebenen Metzgerei-Abteilungen und Bäckereien.

„Der Kunde reagiert derzeit extrem preissensibel.“
Milan Bucalo, seit 2021 Geschäfts­führer Wasgau Einzelhandel

Wenn es nach den Vorstellungen von Milan Bucalo geht, ähneln bald alle Standorte dem Landstuhler Markt – er spricht er von einer Art Blaupause. Dabei handelt es sich nicht um das erste Objekt nach diesem Konzept, das steht bereits seit März 2024 in Schönenberg-Kübelberg. Vielmehr trägt der Konzeptmarkt in Landstuhl die Nummer vier und ist nach Meinung der Betreiber in seinem Zustand weitestgehend ausgereift. Schon beim ersten Gang über die Fläche fällt auf: Die Wände sind wieder in einem kräftigen Grün gestrichen, nicht, wie noch in Schönenberg-Kübelberg, in einem gedeckten Weiß. An Feinheiten arbeitet die Wasgau weiterhin.

Wer den Markt betritt, durchquert zuerst einen Vorraum mit Rücknahme-Automaten für Pfandflaschen. Eine automatische Schiebetür ermöglicht den Zugang zur Bäckerei und zum Café auf der rechten Seite. Dahinter geht es links nach einem Blumenaufbau mit saisonaler Ware in die einladende Obst- und Gemüse-Abteilung. Anschließend gehen die Kunden entgegen dem Uhrzeigersinn über die Fläche. Das soll nach Angaben des  Geschäftsführers die Laufwege der Kunden minimieren. Deshalb ist zum Beispiel die Molkereiprodukte-Abteilung in einem einzigen Block vor der Metzgerei aufgebaut. Bucalo unterstreicht mit einem Beispiel: Wenn unser Kunde die Sahne fürs Geschnetzelte vergessen hat, muss er nicht wieder über die gesamte Fläche zurücklaufen, um sie noch in den Einkaufskorb legen zu können.

Bedienungstheken bilden Einheit

In Anthrazit heben sich die Bedienungstheken Fleisch, Wurst und Käse vom übrigen Erscheinungsbild mit der grünen Wandfarbe ab, sie bilden optisch eine Einheit. Übrigens versorgen zwei Wasgau-Tochterbetriebe die Bäckereien und Metzgereien aller Märkte mit frischer Ware, die in den eigenen Produktionsbetrieben in Pirmasens gefertigt wird. Die Auslage in der Fleisch- und Wursttheke „lacht“ die Verbraucher an – gut nachvollziehbar, dass der Frischeanteil am Gesamtsortiment beachtliche 50 Prozent beträgt.

Beim Käse setzt Bucalos-Team auf eine hybride Lösung. Die Mitarbeiter der Fleisch- und Wurstabteilung schneiden und verpacken die Ware, der Kunde bedient sich selbst. Warum? „Der Run auf die Käsetheke ist rückläufig“, kommentiert der Geschäftsführer die Entscheidung zur Prepack-Theke. Hinzu kommen die Personalsorgen: Nicht an allen Standorten gelingt es dem Unternehmen, den Käsetresen mit fachlich qualifiziertem Personal zu besetzen.

Gleich nach den Theken folgt das Schmuckstück des Marktes: die Weinabteilung, die rund 1.000 unterschiedliche Weine aus aller Welt bereithält. Allein 20 regionale Winzer beliefern den Markt, wie das Weingut Schneider aus Ellerstadt, Knipser aus Laumersheim oder Reichsrat von Buhl aus Deidesheim. Der Geschäftsführer macht keinen Hehl aus seinem Stolz: „Wasgau-Märkte profilieren sich über den Wein. Wir haben die besten Weinabteilungen mit regionalen Produkten, die es in einem Regiemarkt geben kann.“

Beim Gang durch die Getränkeabteilung erzählt der Praktiker, dass  in Landstuhl zwei Dienstleister beim Verräumen der Ware eigene Mitarbeiter ersetzen. Die Zusatzkräfte bezeichnet er als eine „gute Wahl“. Die Dienstleister kommen auch an Standorten zum Einsatz, die in der Sommersaison viele Touristen anziehen. Schließlich liegt der Pfälzer Wald im Wasgau-Gebiet – und das Paradies für Wanderfreunde und Naturliebhaber sorgt für Frequenz auf den Flächen. Wenn aber ausreichend eigene Mitarbeiter aus den Marktteams zur Verfügung stehen, setzt das Unternehmen selbstredend auf eigenes Personal bei der Warenpflege.

Profithaken für Zusatzumsatz

Zwischen alkoholfreien Getränken und Bier macht der versierte Händler auf die „Profithaken“ aufmerksam, die an den Regalleisten befestigt sind: Beim Eistee hängen Gummibärchen, beim Bier Kabanossi, an mehreren Stellen Flaschenöffner. Das mag zwar altmodisch anmuten, aber die thematischen Ergänzungen sorgen für reichlich Zusatzumsatz, erklärt Bucalo. Deshalb platziert das Marktteam übrigens auch Nagelbürsten bei Handcreme, ferner Nasenspray bei den Papiertaschentüchern – Zusatzartikel immer dort, wo sie Mehrwert ergeben.

Speziell im Getränkesortiment, aber auch bei den Knabberartikeln und Feinkostprodukten fallen Erzeugnisse auf, die auf amerikanische Kunden zielen. In Landstuhl und Umgebung, etwa in Ramstein, liegen mehrere US-Militäreinrichtungen. Während die Militärangehörigen und ihre Familien früher meist auf den Stützpunkten wohnten und sich dort auch verpflegten, sind sie heute in die umliegenden Städte und Dörfer integriert. Auch wenn sie zum Teil schon lange in Deutschland arbeiten und wohnen, kaufen sie gern Lebensmittel aus ihrer Heimat ein.

Scharf, salzig und schrill

Die US-Amerikaner greifen gern zu alkoholfreien Getränken, wie folgende Beispiele deutlich machen: Beliebt sind etwa Coca-Cola Vanilla in cremefarbenen Einwegdosen, 7-up oder Fanta in schrillen Farben und Geschmacksrichtungen, Bubble Tea mit unterschiedlichen Fruchtvariationen (der Becher kostet stolze 5,99 Euro) oder Dr. Pepper-Energydrinks. Zu ihren Favoriten zählen außerdem scharfe Gewürzmischungen, beispielsweise für die texanisch-mexikanische Küche, gehaltvolle Käsesaucen und insbesondere Knabberartikel, deren unverwechselbaren Geschmack sie sonst nur im Heimaturlaub erleben. Für den Bezug dieser speziellen Artikel hat Wasgau eine spezialisierte Agentur aus Bietigheim-Bissingen eingeschaltet, die stets auf aktuelle Trends reagieren kann.

In puncto Sortiment schlägt das Wasgau-Herz in allen Märkten vor allem für regionale Waren. In Landstuhl sind zum Besuchszeitpunkt nach Wasgau-Angaben 6.562 Produkte von 500 Lieferanten im Angebot – darauf weisen bereits Schilder auf dem Parkplatz hin. In den jeweiligen Abteilungen hängen große Tafeln, auf denen sich einige der regionalen Anbieter vorstellen. Hinzu kommt die Angabe, wie weit vom Markt entfernt der Hersteller seinen Standort hat – maximal zulässig sind laut Wasgau-Richtlinie 120 Kilometer rund um Pirmasens. Besonders im Fokus steht die Regionalität in der Obst- und Gemüseabteilung. Aufgrund der Saisonalität ändert sich das Angebot ständig. Da ist es von Vorteil, dass die Marketingabteilung in Pirmasens selbst kostengünstig die großformatigen Informationsschilder gestaltet und herstellt. Es handelt sich dabei um Pappen, die mit Folie kaschiert sind.

Das Thema Regionalität steht zwar auf der Anforderungsliste bei Wasgau ganz oben. Aber die Qualität muss stimmen, da macht das Handelsunternehmen keine Kompromisse machen. So sind ganzjährig noch keine frischen Kräuter aus der Region im Angebot, einfach weil die Qualität nicht rund ums Jahr garantiert werden kann.

Doch zurück zur Route durch den Markt: Bucalo ist mittlerweile in der Kassenzone angekommen. Derzeit sind dort ausschließlich traditionelle Kassen aufgebaut. Spätestens im Herbst soll sich das ändern, dann kommen Self-Scanning-Kassen dazu.

In der Wartezeit vor dem Kassieren kann und soll sich der Kunde mit Aktionsware beschäftigen. Frei nach dem Motto „Masse verkauft Masse“ hat das Marktteam eine Reihe von Schnelldrehern in Schütten platziert, meist aus den Sortimenten Süßwaren, Knabberartikel und Getränke. Auffallend rote Schilder mit der Aufschrift „Aktion“ rund um die Schütten ziehen die Blicke der Wartenden auf sich. Sie sollen Impulse setzen. Dieser Bereich ist so großzügig bemessen, dass sogar noch ein großes Aktionsdisplay eines Knabberartikel-Herstellers Platz findet, Strand und Palme aus Pappe inklusive.

Fußballkenner Bucalo macht kurz vor dem Ausgang auf ein exklusives Angebot aufmerksam: das aktuelle Sticker-Sammelbuch des Traditionsvereins 1. FC Kaiserslautern. „Das Buch der Roten Teufel stößt bei uns auf eine gigantische Nachfrage“, freut er sich. Wer das Sammelbuch kaufen möchte, kann es entweder online bestellen oder er geht zu „seinem Wasgau“ – die Alternative ist ganz im Sinne des Geschäftsführers.

Wasgau, Lindenstraße 8–10, 66849 Landstuhl

1.700 m2

Verkaufsfläche

17.000

Artikel

ca. 6.500

Regionale Produkte (von 500 Lieferanten aus der Umgebung von Pirmasens)

36

Mitarbeiter

104 

Parkplätze

2

Elektro-Ladesäulen

5 Mio. Euro

Investition

93,8%

Kaufkraft im pfälzischen Landkreis Kaiserslautern 2025

27 Euro

Durchschnittsbon

 

4.350 Euro

Flächenproduktivität

20. Mai 2025

Eröffnet

 

Bilder zum Artikel

Bild öffnen Wasgau informiert die Kunden schon auf dem Parkplatz über das Angebot regionaler Produkte.
Bild öffnen Geschäftsführer Milan Bucalo mit dem Stickerheft der Roten Teufel.
Bild öffnen Wasgau produziert in der Marketingabteilung die Schilder selbst – und kann sie entsprechend austauschen, wenn sich Änderungen ergeben…
Bild öffnen … hier ein weiteres Schild über dem Wurstregal.
Bild öffnen Frische Kräuter im Aufsteller, vom Bauer Empel, 10 Kilometer von Primasens entfernt.
Bild öffnen Ein Aktionsaufbau, der auf die 100-Jahr-Feier von Wasgau im September hinweist.
Bild öffnen Viel Platz vor der Kassenzone, der für Aktionsware genutzt wird.
Bild öffnen Käse in der Prepack-Theke, auf Bedienung wird verzichtet.
Bild öffnen Charakteristisch sind die grünen Wände, an vielen Stellen mit Bezug zum Standort.

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