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Handelspartner China Wenn die Mandarinen aus China kommen ...

Reiner Mihr | 10. Mai 2013
Handelspartner China: Wenn die Mandarinen aus China kommen ...

Bildquelle: Shutterstock

China wird als Lieferant für Lebensmittel auch in Deutschland immer wichtiger. Die Begeisterung für diese Tatsache hält sich in Grenzen. Sorgen scheinen aber eher unbegründet zu sein.

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Der Kaufmann, der einer Kundin für die Zubereitung einer einfachen Mandarinen-Torte eine Dose Mandarinen verkauft, hat ziemlich sicher mit Waren aus China gehandelt. Wer eine Tomatensoße zu seinen Spagetti genießt, könnte mit chinesischen Tomatenmark in Berührung gekommen sein. Wer außerhalb der Spargelsaison das Stangengemüse im Glas verwenden will, kommt am chinesischen Lieferanten kaum vorbei. Die Liste lässt sich sehr leicht fortsetzen.

Denn immerhin liefert das Land der Mitte rund 233.000 t verarbeitetes Obst und Gemüse nach Deutschland. Darunter fallen besagte Mandarinen in der Dose, Spargelkonserven, Champignons in der Dose oder Tomatenmark und vieles mehr. Auch wer sonntags sein Brötchen genussvoll verzehrt, könnte ein Produkt „Made in China“ gekauft haben. Das Reich der Mitte liefert tonnenweise „Backwaren und andere Zubereitungen aus Getreide“ nach Deutschland. 2011 wurden nach Angaben des Statistischem Bundesamtes etwas mehr als 18.000 t importiert. Das sind wohl meist gefrorene Teiglinge, die nur noch aufgebacken werden müssen, um zu Brötchen und Brot zu werden. Mit dieser Menge können rund 280 Mio. Brötchen gebacken werden, da ein Teigling mit 65 g nach dem Backen als Brötchen 52 g wiegt. Die Menge entspricht nicht ganz der Jahresproduktion einer mittleren Bäckereikette. Wohin die China-Rohlinge genau wandern, weiß keiner – das kann beim Discounter, beim SB-Bäcker oder an der Tankstelle sein. Offen kommuniziert wird das nirgends.

Die Liste der essbaren Produkte, die von China den weiten Weg nach Deutschland machen, ist lang. Somit sind Lebensmittel aus China in deutschen Handelsregalen Normalität. Zu den mengenmäßig wichtigsten Produkten zählen nach Angaben des Hamburger Waren-Vereins demnach:


  • Mandarinorangen (Dosenware),
  • Tomatenmark,
  • TK-Erdbeeren,
  • Champignonkonserven,
  • Spargelkonserven,
  • TK-Spargel,
  • Äpfel (getrocknet) sowie
  • Bohnenkonserven.

Hier ist zu beachten, dass Tomatenmark oder TK-Erdbeeren fast ausschließlich für den industriellen Bedarf, also die Weiterverarbeitung und nicht als Endverbraucherprodukt geliefert werden.

Dennoch sind beide natürlich wichtige Lebensmittel für den hiesigen Markt. In der obstverarbeitenden Industrie sind beispielsweise TK-Erdbeeren aus China inzwischen mindestens so bedeutend wie Erdbeeren aus europäischen Provenienzen. Die Anteile im Markt schwanken allerdings offenbar sehr stark mit dem Angebot und den Preisen.

In den Zahlen des Statistischen Bundesamtes werden als wichtigste Import-Lebensmittel aus China verarbeitetes Obst und Gemüse, Fischerzeugnisse und Meeresfrüchte, aber auch Getreide aufgeführt. Diese Zahlen lassen sich bis auf einzelne Frucht- oder Gemüsesorten herunterbrechen.

Wenn man sich eine Vorstellung machen will, welchen Umfang die Lieferungen betreffen, hier ein Beispiel: Im Jahr 2012 wurden per Schiff knapp 42.000 t Mandarinorangen zu uns transportiert. Das entspricht umgerechnet rund 2.100 Lkw, die ausschließlich mit Mandarinchen beladen sind. Bei Tomatenmark handelt es sich um mehr als 30.000 t, bei tiefgekühlten Erdbeeren noch um 27.000 t.

Wenn man sich die Zahlen der letzten Jahre anschaut, fällt laut Hamburger Waren-Verein auf, dass die Volumina der Mandarinorangen stark schwanken (das liegt hauptsächlich an teilweise geltenden Zöllen). Bemerkenswert ist weiterhin ein rasanter Zuwachs bei Tomatenmark und TK-Erdbeeren, der weit über den allgemein positiven Trend bei Tiefkühlprodukten hinausgeht. Die Daten des Statistischen Bundesamtes bei den Lebensmittelimporten aus China im Zeitraum von 2002 bis 2012 zeigen, dass im Prinzip alles importiert wird, auch Kokosnüsse, Kastanien, Kaki, Korinthen. Und zwar sowohl frisch als auch gekocht, tiefgefroren, getrocknet, in Dosen.

Dazu nur einige Beispiele für die Bedeutung chinesischer Lebensmittelimporte: 2012 wurden aus China Fleisch (ohne Geflügel) im Wert von 236,4 Mio. Euro, Fischerzeugnisse im Wert von 409 Mio. Euro oder auch verarbeitetes Obst und Gemüse im Wert von 317,6 Mio. Euro nach Deutschland importiert. Diese Zahlen für 2012 sind noch vorläufig. Obwohl China eine zunehmende Bedeutung als Lieferant von Lebensmitteln in Deutschland hat, wissen das nur wenige der Verbraucher. Uneingeschränkt begeistert dürfte der Kunde darüber nicht sein. Auch deshalb wird mit der Herkunft China nicht geworben – im Gegenteil, es wird eher verschwiegen. Beispielsweise deutet der Anbieter von Louisiana-Flusskrebsen deren Herkunft nur im Kleingedruckten an. Produktname und Abbildung lockt jedenfalls auf die falsche Fährte. Ähnlich ist es auch bei Alaska-Seelachs, der zwar kein Lachs ist (sondern ein dorschartiger Pollock, der im nördlichen Pazifik lebt) und häufig aus chinesischer Zucht stammen dürfte. Das dürfte eigentlich nicht einmal ein Problem sein, denn China liegt jedenfalls näher an Alaska als beispielsweise Louisiana.

Woher kommt die – gelinde gesagt – Aversion gegenüber chinesischen Lebensmitteln? Klar, wer ist nicht entsetzt, wenn tiefgefrorene Erdbeeren aus China für eine

Brechdurchfall-Epidemie bei Schulkindern sorgen? So stand 2012 eine Charge tiefgekühlter Erdbeeren aus China im Verdacht, ein Virus übertragen zu haben. Dieses Norovirus verursachte bei mehr als 11.000 Menschen heftigen Brechdurchfall.

Wenn dann noch in China erneut ein Vogelgrippe-Virus auftaucht, stärkt auch das nicht das Vertrauen in Lebensmittel mit der gleichen Herkunft. Und wenn auch noch in deutschen Medien über tausende toter Schweine in Flüssen, vom Ruß gesäubertes Frittierfett, Industrieleim in Joghurt und Chemie-Rückstände in Getreide und Gemüse berichtet wird, wird das nicht besser. Es schärft vor allem natürlich den Blick auf die Lebensmittelsicherheit in der Volksrepublik. Dass Qualitätsskandale um Lebensmittel in China keine Seltenheit sind, wurde erst zuletzt vielen Menschen bewusst. Aber darunter leiden die Chinesen selbst am meisten, weniger die Importländer. Die Qualitätsprobleme bei Lebensmitteln in China wiegen aber auch hierzulande schwer, weil Lebensmittel aus China immer häufiger in deutschen Handelsregalen auftauchen.

So tragisch der Fall der Noroviren ist, gegen Lebensmittel aus China spricht tatsächlich wenig: Beanstandungen sind selten. Und wenn, dann „sind diese Beanstandungen überwiegend nicht dramatisch. Da geht es dann oft um die Deklaration oder das ausgelobte Gewicht“, sagt Dr. Ulrich Nehring, der ein Prüflabor für Lebensmittel in Braunschweig führt „Besonders selten sind gesundheitlich relevante Beanstandungen“, sagt Nehring. Auch beim HWWA heißt es völlig entspannt: „Unsere Mitgliedsfirmen importieren zum Teil schon seit Jahrzehnten haltbar gemachte Lebensmittel aus China. Die importierten Lebensmittel erfüllen die Anforderungen des europäischen Lebensmittelrechtes, sonst würden sie in Europa nicht in den Verkehr gebracht werden können.“

Zusätzliche Statistiken finden Sie in der aktuellen Ausgabe (9/2013).