KI in der Praxis Von Kameras bis Sprachassistenten – wie Einkaufswagen immer schlauer werden

Hintergrund

Am Beispiel intelligenter Einkaufswagen zeigt sich, wie KI im Supermarkt für die Kunden noch sichtbarer wird. Auch virtuelle Brillen könnten zum Einsatz kommen. Nicht jede Technologie ist bereit für den Massenmarkt.

Dienstag, 30. September 2025, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Neue Wagen von Wanzl erkennen Objekte per Kamera. Bildquelle: Getty Images

Wer im Einzugsgebiet der Edeka Minden-Hannover lebt, hat eine gute Chance, mit dem „Easy Shopper“ in Verbindung zu kommen. Dies ist laut der Regionalgesellschaft der „modernste Einkaufswagen der Welt“. Die smarten Trolleys sind bereits in über 200 Märkten im Einsatz. Auf einem integrierten Bildschirm zeigen sie Aktionen und Sonderangebote und helfen beim Finden von Produkten. Der Kunde scannt die Waren direkt und bezahlt am Display. Auch der Kölner Rewe-Händler Daniel Dugandžić experimentiert mit einem intelligenten Wagen, der in Zusammenarbeit von Rewe Digital und dem israelischen Start-up Catch Retail entwickelt wurde. Sein Fazit: „Das Thema ist neu, hat aber riesiges Potenzial.“

Nicht alles, was ein smarter Einkaufswagen heute kann, basiert auf künstlicher Intelligenz. Doch Hersteller und Handel setzen zunehmend auf lernende Systeme. Einige Prototypen wie der „Smart Shopper“ vom deutschen Hersteller Expresso nutzen Kameras zur Objekterkennung. Eine Technik, die das lästige Scannen überflüssig machen würde. Erste Tests mit Sprachassistenten („Wo finde ich Hafermilch?“) laufen in anderen Pilotprojekten, sind aber noch nicht im breiten Einsatz.

„Der Markt für smarte Einkaufswagen steckt noch in den Kinderschuhen. Aber in zehn Jahren wird er einen relevanten Anteil ausmachen – mindestens 10 Prozent, abhängig von Region und Segment“, sagt Stephanie Jordan, zuständig für die strategische Unternehmensentwicklung beim Einkaufswagenhersteller Wanzl. Dessen Produkt „Fast Laner“ soll in einer neuen Version bald ebenfalls eine Lösung für KI-basiertes Scannen bieten, die die manuelle Erfassung mithilfe einer Kamera überflüssig macht. Die künstliche Intelligenz soll unter anderem dafür sorgen, dass keine billigen Artikel eingescannt und anschließend durch teurere ersetzt werden. Außerdem erkennt das System, wenn Waren gar nicht erfasst wurden, und unterscheidet dabei zwischen echten Verkaufsartikeln und anderen Objekten wie Händen oder Schlüsseln.

Viele Händler reagieren auf diese technischen Neuheiten noch mit Skepsis und vielen Fragen. Wie erfolgt das Laden der Wagen – induktiv oder manuell? Wie lassen sich App-Anbindung und Bezahlprozesse nahtlos integrieren? Wollen die Kunden das überhaupt? Auch Eike Folkerts vom IT-Dienstleister Adesso ist nicht überzeugt. „Ob ‚smart‘ oder nicht: Dass diese Innovationen mehr Umsatz bringen, muss sich noch zeigen. Und: Will man diese mit Technik vollgepackten Wagen wirklich draußen stehen lassen?“, stellt der KI-Experte die rhetorische Frage. Auch Prof. Otto A. Strecker von AFC Consulting sieht bei den teuren Tablets einen echten Nachteil für die neueste Generation der Einkaufswagen. „Ich schlage vor, einfach eine Handyhalterung anzubringen. Das kostet nur 2,50 Euro und ermöglicht es, in Zukunft alles über die App des Händlers zu steuern. Hier wird in Zukunft sowieso alles zusammenfließen.“

Virtuelle Brillen im Supermarkt?

Der nächste logische Schritt nach dem lernenden Einkaufswagen mit Tablet, Navi-Funktion und Sprachassistenten ist die sogenannte Virtual (VR) und Augmented Reality (AR). Virtual Reality bedeutet, dass man mit einer speziellen Brille in eine komplett computer­erzeugte Welt eintaucht. Augmented Reality ergänzt die reale Welt um virtuelle Inhalte wie Bilder, Texte oder 3D-Objekte, die man durch Smartphones oder AR-Brillen sehen kann. Dabei würde der Supermarkt sichtbar bleiben, und digitale Elemente würden in Echtzeit darübergelegt. „So kann man durch gezieltes ‚Nudging‘ nachhaltigere oder gesündere Kaufentscheidungen fördern“, ist Stephanie Jordan von Wanzl überzeugt. „Nudging“ bedeutet, die Kunden durch visuelle Hinweise in der realen Umgebung zu bestimmten Entscheidungen oder Verhaltensweisen per digitalem „Stupser“ zu bewegen. Via Handy ist AR bereits im Einsatz, beispielsweise beim Möbelhändler Ikea. Kunden können mit ihrem Smartphone durch den Laden navigieren, wobei die App Wegweiser und Anweisungen direkt auf die Umgebung projiziert. Denkbar sind in Zukunft auch AR-Apps oder Brillen, die mithilfe von KI-Einkaufsassistenten auf jeden Kunden individuell zugeschnittene Empfehlungen geben.

Egal ob am Einkaufswagen mit Tablet, mit einer futuristischen Brille oder mit den schon weitverbreiteten elektronischen Preisschildern im Lebensmittelhandel: Handelsexperten diskutieren intensiv die Frage, ob von der KI errechnete dynamische Preise sinnvoll sind. „Das könnte eine Rolle spielen, zum Beispiel um Bananen, die sonst unverkauft bleiben würden, schrittweise im Preis zu senken. So bleibt man nicht auf der Ware sitzen und kann trotzdem noch etwas verdienen“, sagt Boris Planer vom Zukunftsinstitut. Man könne mithilfe von KI auch schneller auf Preisaktionen der Konkurrenz reagieren, was früher nicht so einfach war. „Die Idee, dass sich Preise je nach Nachfrage im Laufe des Tages ändern, würde bei Schnäppchenjägern für Chaos sorgen“, gibt Eike Folkerts indes zu bedenken.

Menschlichkeit muss bleiben

Egal welche Neuerung sich im Supermarkt der Zukunft durchsetzen wird, Edeka-Händler Marius Höchner aus Schweinfurt ist es wichtig, die Kernkompetenzen seines Berufsstandes nicht aus den Augen zu verlieren. „Wir haben große Flächen, die nicht nur durch Ware bespielt werden müssen, sondern durch Menschlichkeit.“ Der Kunde wolle Platz für Austausch und sich inspirieren lassen. Stephanie Jordan von Wanzl macht sich hierum keine Sorgen. „Künstliche Intelligenz kann repetitive Aufgaben wie Kassieren, Bestandskontrolle oder Altersverifikation automatisieren.“ Der stationäre Einkauf werde aber nicht verschwinden. „Gerade bei Lebensmitteln bleibt das Bedürfnis, Produkte zu sehen, zu riechen und bewusst auszuwählen, ein entscheidender Faktor.“

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