Interview mit Eileen Dahlen „Keine Revolution über Nacht“

Im Interview erklärt Eileen Dahlen, Expertin bei Strategy& (PwC), warum KI den stationären Handel neu definiert, welche Chancen und Risiken auf Händler und Hersteller zukommen – und warum der Einkauf im Markt trotzdem nicht verschwindet.

Dienstag, 30. September 2025, 07:40 Uhr
Tobias Dünnebacke
Eileen Dahlen ist Expertin bei Strategy&, der Strategieberatung von PwC, und Co-Autorin der Studie „AI in Retail“. Bildquelle: Strategy&/PwC

LP: Macht KI den Menschen im LEH überflüssig?

Eileen Dahlen: Der Beruf ist nicht in Gefahr, aber er steht vor einer Neuinterpretation. Künstliche Intelligenz verschiebt die Rollen im stationären Handel. Kassieren, Preisschilder wechseln und Standardberatung werden seltener, dafür braucht es zunehmend Frische- und Serviceexperten oder Spezia­listen, die Systeme überwachen und die Datenqualität sichern. Filialen dienen nicht nur als Regallandschaft, sondern auch als Service- und Logistikknotenpunkt.

Was ändert sich für die Kunden?

Sie kommunizieren vermehrt auch virtuell mit Einzelhändlern. Kurzfristig kommen „smarte“ Einkaufslisten, personalisierte Wochenpläne und automatische Nachbestellungen für Standardartikel im Mainstream an. Langfristig können wir uns verstärkt auch KI-Agenten mithilfe von vernetzten Küchen vorstellen. Sie planen Mahlzeiten, prüfen Vorräte und lassen den Menschen über den Warenkorb final entscheiden. Voraussetzung dafür sind die Interoperabilität mit mehreren Händlern, klare Budgetgrenzen und die Einhaltung von Datenschutz.

Das klingt alles doch sehr „unmenschlich“ ...

Das täuscht. Den kompletten Wocheneinkauf werden nicht alle Konsumenten online oder mithilfe von KI erledigen. Gründe sind hierbei unter anderem die hohen Kosten der Liefer-Logistik, regulatorische Leitplanken, aber auch frischekritische Präferenzen der Kunden oder die Lust am Ausprobieren. Der stationäre Einkauf wird also nicht zur Ausnahme, sondern wandelt sich: mehr Frische- und Erlebnisflächen, Gastronomie, Beratung, Abholung.

Wer werden die großen Player im Lebensmittel-KI-Markt sein?

Den künftigen Lebensmitteleinkauf werden verschiedene KI-Anbieter prägen. Basis-Modelle und Cloud-Plattformen, die Suche, Beratung und Personalisierung ermöglichen – etwa OpenAI (ChatGPT), Google (Gemini) und Anthropic sowie europäische Alternativen wie Mistral und Aleph Alpha. Betrieben werden diese auf Infrastrukturen wie Microsoft, AWS, Google Cloud und anderen. Letztlich gehen wir davon aus, dass Händler auch ihre eigenen KI-Lösungen entwickeln, die optimal an ihre Prozesse angelehnt sind.

Was bedeutet der zunehmende Einsatz von Assistenten für die Hersteller?

Wir gehen von einer Machtverschiebung aus: Händler bekommen zunehmend Macht über Hersteller. Beispielsweise entscheidet der Retailer, welche Ergebnisse zuerst gezeigt werden (Stichwort: Retail Media), und auch die Sichtbarkeit der KI-Empfehlungen wird geschäftskritisch. Das bedeutet, dass es neue Anforderungen an Daten gibt, wie ausführliche Produktdaten, Rezept-/Verwendungs-Metadaten und Bewertungen.

Was raten Sie den Händlern?

Wenig erfolgversprechend ist KI, wenn Händler Fähigkeiten an Dritte abtreten oder in IT, Daten und KI unterinvestieren. Eine große Chance entsteht hingegen, wenn KI gezielt eingesetzt wird, um die Filiale effizienter und angenehmer für die Kunden zu machen – ohne Schlangen, mit vollen Regalen, einem hohen Frischestandard und nahtloser Omnichannel-Verbindung – und Retail Media als margenstarkes Ökosystem aufzubauen. KI wird den Lebensmittelkauf nicht über Nacht revolutionieren, aber sie kann die Friktionspunkte lösen, die den ersten E-Commerce-Anlauf gebremst haben.

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