Sonntagabend, 22:30 Uhr. Im Ortskern von Barver im Landkreis Diepholz brennt nur noch ein Licht – das der kleinen Tante-Enso-Filiale. Drinnen zieht eine junge Mutter mit ihrem Smartphone den QR-Code am Eingang über den Scanner. Sekunden später öffnet sich die Tür, die Regale sind hell erleuchtet, alles wirkt fast gespenstisch still. Während draußen die Dorfstraße menschenleer ist, wandern drinnen Nudeln, Milch und Babygläschen über den Self-Check-out. Ein Einkauf, der früher unmöglich war – und heute Sinnbild für die neue Welt der Smart Stores.
Smart Stores gelten als Heilsversprechen des Lebensmittelhandels: unbemannt, digital, rund um die Uhr geöffnet. In Deutschland gibt es mittlerweile über 700 Standorte. Doch so dynamisch der Markt wächst, so uneinheitlich ist das Bild: Drei grundverschiedene Betriebstypen konkurrieren um Aufmerksamkeit, und die Frage bleibt, ob sich das Konzept wirtschaftlich trägt – oder am Ende doch nur ein Nischenphänomen bleibt.
Drei unterschiedliche Welten
Der Marktforscher Reiner Graul hat für seine aktuelle Studie „Warum Kunden in Smart Stores 24/7 einkaufen“ den Markt durchleuchtet und eine klare Bilanz gezogen. „Das Überraschendste war, dass wir eigentlich nicht über ein Format reden, sondern über drei komplett unterschiedliche Welten“, betont der Geschäftsführer von Bormann & Gordon im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis. Automaten-Stores seien klein, hochpreisig, funktional. Ihr Potenzial liegt nach seiner Ansicht im Travel Retail, an Tankstellen, Bahnhöfen oder touristischen Orten. Sein Fazit: „Automaten-Stores sind funktional, aber kein Shoppingerlebnis. Richtig eingesetzt, sind sie jedoch ein effizientes Zusatzangebot“.
Ländliche Nahversorger mit Formaten wie Tante Enso oder Tante M sichern hingegen die Grundversorgung. Diese begehbaren Angebote lebten nicht von teurer Hightech, sondern von lokaler Vernetzung, Genossenschaftsmodellen und Gemeinschaftsgefühl. Hier zählt nach Angaben von Graul die Integration ins Dorfleben. Urbane Convenience-Stores wie Rewe to go oder Lekkerlands „Grab & Go“ sowie Teo setzen hingegen auf eine abgestimmte Sortimentstiefe für den jeweiligen Kiez, diese Formate haben Zielgruppen wie Pendler und jüngere Städter im Visier, bauen auf modernste Technik und punkten mit Trendprodukten.
Die Zukunftsperspektive ist unterschiedlich. Automaten sind Zusatzangebote, ländliche Stores füllen eine Lücke in der Nahversorgung, derweil versprechen urbane Stores Lifestyle und Zeitersparnis. Die Studie zeigt: Die Zielgruppe hängt weniger vom Alter als vom Nutzungskontext ab. Pendler und Reisende sind typische Kunden von Automaten-Stores. Jüngere, technikaffine Menschen nutzen urbane Smart Stores auch spätabends. Auf dem Land dominieren ältere Kunden, für die Nahversorgung im Vordergrund steht. „Entscheidend ist der Anlass: Wo bewege ich mich gerade, was brauche ich in dem Moment?“, erklärt Graul.
Warum funktioniert Ihr Dorfladen so gut?
Der Erfolg liegt im Sortiment. Wir haben auf 144 Quadratmetern einen kleinen Edeka geschaffen. Es gibt frische Brötchen vom lokalen Bäcker, Obst und Gemüse und Fleisch, insgesamt über 3.000 Artikel. Mehr braucht es nicht.
Wie ist das Sortiment preislich angesiedelt?
Wir bieten alle Preisschienen der Edeka, von den Gut-und-Günstig-Artikeln bis zu hochwertigen Produkten. Bei einem Warenkorb von 100 Euro sind wir nur einen Euro teurer als der vergleichbare Edeka-Markt.
Ist der Markt erfolgreich?
Wir liegen 180 Prozent über dem Punkt, ab dem wir Geld verdienen. Der Umsatz ist aktuell doppelt so hoch wie ursprünglich geplant. Bei uns kommen jeden Tag interessierte Händler vorbei, um sich den Dorfladen anzuschauen.
Bildquelle: Edeka Paul
Phase der Optimierung
Prof. Dr. Stephan Rüschen von der DHBW Heilbronn spricht von drei Phasen in der Entwicklung von Smart Stores: Zunächst wurde ab 2019 die technische Machbarkeit erprobt. Danach begann die Expansion, in der wir uns heute noch befinden. Frühe Player wie etwa Tante Enso wachsen schnell, Nachzügler starten erst. Eine Konsolidierung des Marktes ist seiner Meinung nach noch nicht erkennbar. „Der Markt ist nach wie vor experimentell“, betont Deutschlands Smart-Store-Experte. Er weiß: Viele Betreiber kämpfen noch mit der Ausgestaltung ihres Sortiments, der Preisgestaltung und auch der Kundenansprache. Besonders problematisch in einigen Fällen: fehlende Topseller, unprofessionelle Sortimentsanpassungen und schwache Marketing-Aktivierung. Typische Kennzeichen einer Pionierphase im Wirtschaftszyklus.
Die Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) ergänzt: Zwar gebe es inzwischen rund 700 Smart Stores, aber nur 282 davon seien echte Nahversorger. Der Rest sind Notkauflösungen. Erfolgsfaktoren seien mindestens 1.500 Einwohner im Einzugsgebiet, geringe Konkurrenzdichte und eine Entfernung von über drei Kilometern zum nächsten Supermarkt.
Vor wenigen Wochen traf sich das Who’s who dieser Szene in Heilbronn, auf den „Retail Innovation Days“ der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. Dabei grenzte Markus Wagner, Geschäftsführer der GMA, das Geschäftsumfeld für Smart Stores ein. GPS-Analysen der GMA zeigen: Die Kunden des neuen Einkaufsangebotes kommen fast ausschließlich aus dem näheren Umfeld von 1,5 Kilometern. „Der Einkauf ist schnell – drei bis sechs Minuten Aufenthalt, während es im klassischen Supermarkt 10 bis 15 Minuten sind“, meldet Wagner. Vor allem sonntags brummt das Geschäftsmodell: Bis zu 30 Prozent der Einkäufe entfallen auf diesen Tag. Der Tag des Herrn ist der Frequenzbringer für Smart Stores. Auch deshalb ist die Sonntagsöffnung ein politisch heißes Eisen. Rechtlich ist im föderalen Bundesgebiet noch immer Vielfalt angesagt. Hessen und Mecklenburg-Vorpommern erlauben unbemannte Öffnungen nur auf Flächen bis 120 Quadratmeter, Bayern bis 150 Quadratmeter. Das macht eine echte Nahversorgung unmöglich – Vollsortimente mit 3.000 Artikeln lassen sich auf solch kleinen Flächen nur eingeschränkt abbilden, heißt es vielfach aus der Branche.
Edekaner Benedikt Paul zeigt allerdings in der Pfalz, wie es doch gehen kann (siehe „Drei Fragen“ links). Zurzeit kristallisiert sich heraus, dass die Flächenbegrenzung zum bundesweiten Standard werden könnte. Bei den Öffnungszeiten gibt es keine bundeseinheitliche Regelung. Ohne klare Gesetzeslage bleibt für die Smart-Store-Betreiber aktuell vieles ungewiss. Und über allem schwebt ein Damoklesschwert: Was, wenn ein erstes Gericht die Sonntagsöffnungszeiten stärker reguliert? Wäre dies das Aus für 24/7-Angebote? Die großflächigen unbemannten Angebote der Edeka im Südwesten und Rewe in Hamburg müssten auf jeden Fall neu gedacht werden.
Flexibel bleiben und hybrid denken
Großflächige unbemannte 24/7-Angebote sieht der Wissenschaftler Rüschen ohnehin kritisch. Die Investitionskosten sind hoch und sie sind teuer im Unterhalt – auch dann, wenn sie scheinbar ohne Mitarbeiter betrieben werden. Denn: Die Technik im Smart Store ist auf eine saubere Warenpräsentation angewiesen. Deshalb braucht es Personal, das Ordnung hält. Ohne diesen laufenden Aufwand droht Chaos auf der Fläche – das macht auch Computer-Vision-Technologien unzuverlässig und schadet den betriebswirtschaftlichen Zahlen. Der Smart-Store-Experte bilanziert deshalb: „Große unbemannte Flächen rechnen sich weder durch Personalersparnis noch durch Mehrumsatz.“ Sinnvoller sei der Technologie-Ansatz für kleine, städtische Stores oder hybride Konzepte, da er dort gezielt zusätzliche Öffnungszeiten ermögliche. Ladenbau-Spezialist Wanzl, seit Jahren Technologiepartner vieler Händler, verweist auf die Bedeutung hybrider Konzepte. Die Erweiterung um eine Hybridbasis sei technologisch relativ einfach, heißt es auf Anfrage der Lebensmittel Praxis. Es spiele dabei kaum eine Rolle, ob es sich um einen Kleinstflächenshop oder einen klassischen Supermarkt handele. Entscheidend sei, ob der Grundriss eine Integration ohne größere Umbaumaßnahmen zulasse. Ist das der Fall, kann die Umstellung laut Wanzl innerhalb weniger Tage erfolgen.
Der Vorteil hybrider Ansätze liegt auf der Hand: Bei Personalknappheit können die Märkte durchgehend geöffnet bleiben, was die Ertragslage stabilisiert. Ausgeklügelte Lösungen zur Altersverifizierung erlauben inzwischen dann auch den Verkauf von Produkten wie Alkohol und erweitern damit das Sortiment im Smart Store. Für Mitarbeiter im Handel ist ein hybrider Store ein Gewinn an Flexibilität, da sie beispielsweise mitentscheiden können, ob sie am Samstag arbeiten möchten oder nicht. Diese Gestaltungsmöglichkeiten wirken sich positiv auf die Mitarbeiterzufriedenheit aus – ein nicht zu unterschätzender Faktor in Zeiten von Personalknappheit.
Smart Store für ein Drittel der Shopper interessant
(Quelle: B&G Smart Stores Studie 2025)

Ist die Diebstahlangst begründet?
Die Angst vor Diebstahl begleitet jedes Smart-Store-Projekt. Der vermeintliche Diebstahl liegt oft in einer falschen Handhabung der Check-out-Technik begründet. KI-basierte Systeme können inzwischen Fehlscans erkennen und Kunden subtil darauf hinweisen – ohne Unbehagen zu erzeugen. Diebold Nixdorf hat mit Edeka Paschmann in Düsseldorf vor wenigen Tagen den ersten Supermarkt in Deutschland mit der Lösung „Vynamic Smart Vision“ ausgestattet. Die KI-basierte Technologie adressiere Fehlbedienungen an der SB-Kasse – sowohl unbeabsichtigter als auch bewusster Art – und biete dem Handel so Schutz vor den häufigsten Verlustursachen im Self-Check-out-Bereich, betont Senior Manager Matthias Wowtscherk. Darüber hinaus ist das System mit einer automatischen KI-basierten Alterskontrolle ausgestattet. Beide Lösungen unterstützen die Kunden dabei, einen schnellen und fehlerfreien Bezahlvorgang an den SB-Kassen der Filiale vorzunehmen. Der Einkauf könne somit komfortabel abgeschlossen werden, meint Wowtscherk.
Das System analysiert Verhalten und Aktivitäten der Kunden mithilfe von Kameras in Echtzeit. Erkennt das System einen missglückten Scan oder eine Fehlbedienung, erhalten die Kunden eine Nachricht auf dem Display der Selbstbedienungskasse mit dem Hinweis, dass ein Artikel nicht richtig erfasst wurde. Der Scanvorgang kann daraufhin ohne größere Unterbrechung des Check-out-Prozesses wiederholt werden. Erst bei einer erneuten Fehlermeldung des Systems werden die Paschmann-Mitarbeiter informiert und können bei Bedarf unterstützen und den Kassiervorgang korrekt abschließen.
Edeka-Händler Florian Jäger widerspricht ebenfalls der vorherrschenden Diebstahlangst: „Ich war selbst überrascht, dass wir im Smart Store nicht mehr Eigentumsdelikte feststellen als in traditionellen Märkten.“ Am Flughafen Stuttgart überwacht nachts an manchen Tagen ein Sicherheitsdienst per Kamera die Fläche. Dennoch schließt auch er sich Technik-Hersteller Diebold Nixdorf an. Sicher ist sicher. Bei der Diebstahlprävention geht es um Psychologie: Die Kunden sollen subtil an die Überwachung des Geschäfts erinnert werden – eine Balance zwischen Sicherheit und Wohlfühlatmosphäre. Das ist ein Thema, das bemannte und unbemannte Flächen gleichermaßen betrifft.Tante Enso wächst dynamisch
Die Entwicklung der Smart Stores verläuft rasant. Tante Enso macht Meter und blickt mit großen Erwartungen nach vorn. Über 110 Standorte, getragen von mehr als 55.000 Genossenschaftsmitgliedern, sichern mittlerweile die Nahversorgung im ländlichen Bereich. Jeder Markt bietet rund 3.000 Artikel, dazu digitale Services wie Bank- oder Postdienstleistungen. Die Kundenkarte, die Stephan Rüschen einst im Gespräch mit der Lebensmittel Praxis eher als Hindernis ansah, ist inzwischen eine Stärke von Tante Enso: Sie schafft offenbar treue Kundenbindungen und Datentiefe durch Community-Integration. Damit lassen sich die Sortimente gezielt schärfen. Das Modell ist jedenfalls erfolgreich: 2024 erzielte Tante Enso rund 30 Millionen Euro Umsatz, für 2025 werden 48 Millionen erwartet. Bis 2030 peilt das Unternehmen 300 Märkte und 300 Millionen Euro Umsatz an.
Weckt das etwa Begehrlichkeiten bei den großen Playern des Handels? Marktforscher Graul betont: „Tante Enso würde in einem Konzernumfeld seine Stärken verlieren. Mittelständische Betreiber profitieren von der lokalen Anpassungsfähigkeit.“ 24/7-Nahversorgermärkte wie Tante Enso basieren auf dem Betriebsmodell des „Kümmerers“, erklärt ein Branchenkenner. Die persönliche Verantwortung sei ein Überlebensgarant, Franchise- oder Hybridmodelle seien oft robuster als reine Filialsysteme. Allerdings: Großhändlerstrukturen seien in der Lieferkette unvermeidbar, das drücke die Marge. Ein eigenes Zentrallager sei meist unwirtschaftlich. Smart Stores bleiben ein Baukasten. Der Markt wächst, aber bleibt fragmentiert. Ländliche Genossenschaften, urbane Hightech-Konzepte, Tankstellenlösungen und Handwerksinitiativen – alles hat seinen Platz. Entscheidend werden Sortimentsqualität, Kundenbindung und rechtliche Rahmenbedingungen sein.
„Die Potenziale sind längst nicht ausgeschöpft“
Neben der klassischen Versorgung eines kleinen Vollsortimenters auf dem Land und den Convenience-Angeboten – etwa Tankstellen – haben sich auch in Fachhandelsbetriebsformen Smart-Store-24/7-Lösungen entwickelt. Es existieren bereits über 70 unbemannte Metzgereiflächen – Tendenz wachsend. Zudem werden bereits bei Bäckern, Tiernahrungshändlern und Blumenhändlern unbemannte Lösungen getestet.
Eine weitere relevante Expansionschance bietet sich bei den über 1.800 Krankenhäusern in Deutschland, die zum einen die Mitarbeiterverpflegung, zum anderen auch die Patienten-/Besucherverpflegung mit unbemannten Angeboten verbessern könnten. Rewe to go und Tante Martin haben bereits diverse Stores eröffnet. Zudem gibt es sogar erste Ansätze in Alters- und Pflegeheimen (Teo und Tante Enso). Bei über 10.000 Einrichtungen sind die Wachstumsmöglichkeiten nicht ansatzweise ausgeschöpft.
In den hochfrequentierten innerstädtischen Lagen befinden sich derzeit relativ wenige Stores. Dies könnte sich jedoch ändern, sobald die rechtlichen Rahmenbedingungen für die Betreiber eindeutig sind und die Entscheider in den Kommunen erkennen, dass solche Einheiten einen Beitrag zur Wiederbelebung in den Innenstädten leisten könnten. Nicht nur die Standorte, sondern auch die Technologien sind vielfältig. Die Selfscanning-Kasse ist die am häufigsten genutzte Technologie – vor allem in der ländlichen Nahversorgung. Aber auch reine App- (oft in der Direktvermarktung) und RFID-Lösungen (vielfach bei Metzgern) und Smart Fridges (Tankstelle, Bahnhof, Krankenhaus) haben eine zunehmende Relevanz. Das aufwendigere Grab & Go findet zwar bereits in 24 Stores in Deutschland Verwendung, befindet sich aber immer noch in der Testphase. Ein Roll-out eines relevanten Händlers ist noch nicht zu erkennen.
Fast jeden Tag eröffnet in Deutschland ein Smart Store 24/7. Bleibt diese Expansionsgeschwindigkeit bestehen, öffnet spätestens Anfang 2026 der 1.000. Store.

