Es regnet. Die Reifen graben sich in den sandigen Boden, rutschen über glitschige Wurzeln, stoßen gegen dicke Äste. 460 Höhenmeter liegen vor Wasgau-Chef Thomas Bings und der LP-Reporterin – von dem Wasgau-Restaurant „Himmel & Herd“ in Hauenstein bis zum Luitpoldturm, der das Logo des Händlers ziert. Eine Straße führt hinauf. Doch Bings wählt den schmalen, anspruchsvollen Pfad. Den hat er selbst mit Komoot geplant. Die App nutzt der 43-Jährige regelmäßig – manchmal, um neue Strecken durch den Pfälzer Wald zu erkunden. Am Wochenende zuvor ist er mit ehemaligen Kollegen des Frankfurter Wurstfabrikanten Wilhelm Brandenburg unterwegs gewesen. Dort war er Geschäftsleiter, bevor er in den Wasgau-Vorstand berufen wurde.
Die Tour startet also bei „Himmel & Herd“, dem Gastronomiekonzept von Wasgau. Thomas Bings trinkt zwei Cappuccino mit Süßstoff. „Meine Oma hatte ein Café“, erzählt er. Bings ist jemand, der Erinnerungen konserviert. Aber nicht nostalgisch, sondern zweckmäßig. Er will nahbar sein – auch als Chef. Ihm ist bewusst, welcher Schatz in den Ideen der Mitarbeitenden liegt. „Wer in den ersten 100 Tagen viel verändert, hat sich nicht genug Zeit genommen, um zuzuhören“, sagt er.
Bings ist seit dreieinhalb Jahren im Vorstand der Wasgau. Trotzdem sieht er seine Aufgabe vor allem darin, zu erkennen, was schon da ist. So wurde aus einem Vorschlag seines Kollegen Peter Schaf ein ganzer Fuhrpark von E-Lkw, die inzwischen für die Wasgau unterwegs sind – gefeiert als nachhaltige Innovation. Bings betont: „Die Idee stammt nicht von mir. Peter hatte den Mut, den ersten Schritt zu gehen. Ich habe es nicht verhindert – das war mein Anteil.“ Diese Formulierung ist kein Understatement, sondern eine Strategie. Bings versteht sich als Kurator. Als jemand, der Sichtbarkeit schafft, sortiert, bündelt – und dann gezielt Wirkung erzeugt.
Nach dem Abitur mit einem Schnitt von 1,8 entdeckt Bings auf einer Messe die Europäische Fachhochschule Brühl – die spätere Kaderschmiede dualer Studenten der Rewe. Er besteht das Assessment-Center, Rewe übernimmt die Studiengebühren. Bings schließt als Jahrgangsbester mit der Note „herausragend“ ab. 2006 bietet ihm die Rewe an, das Unternehmen ohne Rückzahlungsverpflichtung zu verlassen. Er entscheidet sich dagegen – und bleibt, dem Rat seines heutigen Schwiegervaters folgend. Und das, obwohl ihm ein anderer Händler ein deutlich attraktiveres Angebot unterbreitet. Seine Frau kennt er seit dem 18. Lebensjahr, sie lernten sich in einer Disco kennen. Heute, 25 Jahre später, lebt das Paar mit zwei Kindern in Euskirchen.
„Es geht nicht um die erste Position nach dem Studium, sondern um die, die man fünf Jahre später bekommt“, erinnert sich Bings an den Tipp seines ehemaligen Dekans. 2011 übernimmt er das Controlling für den Discounterbereich der Rewe auf nationaler Ebene. 2017 wechselt Bings als Geschäftsleiter zur Rewe-Tochter Wilhelm Brandenburg. 2018 kommt die Geschäftsleitung der Glockenbrot Bäckerei hinzu und er führt die Administrativen Bereiche in die Zentralen Dienste der Produktionsbetriebe zusammen. 2021 dann der Wechsel in den Vorstand der Wasgau. Die Rewe hält die Mehrheit an dem Pfälzer Lebensmittelhändler. Bings kennt die Strukturen, kennt die Akteure. „Die Wasgau und die Rewe waren sich immer nah. Ich habe sie vielleicht ein kleines bisschen näher zusammengebracht“, sagt er.
Er kennt seine Vorgänger im Wasgau-Vorstand gut. Mit Elisabeth Promberger, die 2022 ausschied, ist er noch zu einem Telefonat nach der Tour zum Luitpoldturm verabredet. Ambroise Forssman-Trevedy arbeitete mit ihm bei Penny. Sein Netzwerk trägt. Bings ist sich dessen bewusst. „Ich weiß, dass mir mein Netzwerk nützlich ist“, sagt er oben auf dem Turm bei einem Picknick. „Aber wenn man sich nicht wirklich für Menschen interessiert, merken sie das sofort.“
Netzwerken ist für ihn kein taktisches Manöver. Es macht ihm Spaß. Deshalb sitzt er beim Branchenevent „Supermarkt des Jahres“ auch bis 4 Uhr morgens mit Edeka-Kaufmann Dirk Görzen an der Hotelbar. Und zeltet am Wochenende mit der Fußballmannschaft seines Sohnes. Das Grillgut besorgt er, natürlich, bei Wasgau. Und die Luitpold-Bratwürste mit Käse gefüllt, für die es in Euskirchen zuerst Spott gab, sind am Ende als erste vergriffen.
Viel Regionales
Wasgau sieht sich als eines der letzten unabhängigen regionalen Handelsunternehmen. Das Unternehmen betreibt über 70 Märkte in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Die Strategie beruht auf vier Säulen: Bäckerei, Metzgerei, Obst und Gemüse sowie Wein. In diesen Bereichen liegt der Regionalitätsanteil besonders hoch.
Wasgau bleibt eigenständig
Seine Eigenständigkeit verteidigt das Unternehmen seit Jahrzehnten. Eine geplante Übernahme durch Edeka in den 1990er-Jahren scheiterte unter anderem am Einstieg der Unternehmerfamilie Hornbach. Auch die Beteiligung von Rewe ändert nach Angaben des Unternehmens nichts an der strategischen Unabhängigkeit. Die Partnerschaft diene vorrangig dem gemeinsamen Einkauf und dem Know-how-Transfer.
Ein Netzwerk, das trägt
Bings’ Führungsstil kombiniert Bodenständigkeit mit strategischer Klarheit. Ein Beispiel aus seiner Zeit im Controlling bei Penny: Ein Kontakt aus dem Einkauf verrät ihm, dass Aldi Red Bull ins Sortiment aufnimmt. Bings kalkuliert die Auswirkungen – und liegt richtig. Als die Zahlen Monate später einbrechen, warten andere ab. Bings handelt. Nicht, weil er schlauer oder erfahrener war, sondern weil er zugehört hatte.
Und so führt er auch im Pfälzer Wald. Im unaufhörlichen Regen. Auf halber Strecke zum Luitpoldturm stehen er und die Reporterin plötzlich vor einer steilen Böschung. Der Weg, den Komoot vorschlägt, endet im Dickicht. Die Alternative liegt weiter unten. „Umdrehen ist nicht so meins“, sagt Bings. Dann der Vorschlag: „Ich fahre mein Fahrrad runter, komme wieder hoch und hole das andere. In Ordnung?“ Keine Panik. Keine Ausrede. Nur ein pragmatischer Plan. Die Kontrolle bleibt bei ihm. Und das Vertrauen wächst.
Bings braucht keine Statussymbole, um Autorität auszustrahlen. „Ich fahre keinen Porsche“, sagt er. Seine Stärke liegt im Kontakt – nicht in der Distanz. Er will fair bleiben, niemanden bloßstellen. Auch weil er weiß, wie sich das anfühlen kann. Als er einst das Angebot ablehnt, als Expansionist für die Penny-Märkte in Italien einzusteigen, kassiert er, wie er es nennt, „den Einlauf meines Lebens“.
Bings will sich erklären, macht einen Termin in der Kölner Rewe-Zentrale aus – und wird dann stundenlang warten gelassen. Als er schließlich zu Wort kommt, überzeugt er mit seiner Haltung: „Ich habe großen Respekt vor meinem damaligen Chef und machebis heute vieles so, wie er es mir beigebracht hat. Aber das – das mache ich anders.“
Nahbar sein
Für Bings steht fest: Kein Mitarbeiter will dem Unternehmen bewusst schaden. Fehler passieren trotzdem. Doch lautes Rumschreien bringt nichts. Was zählt, ist der konstruktive Umgang mit der Situation. Diese Einstellung zeigt sich auch auf der Bühne beim Kongress der Lebensmittel Praxis. Während andere sich in Details verlieren, holt Bings die Diskussion über die Bürokratie in Deutschland zurück auf die Sachebene. „Wir dürfen nicht immer nur die Probleme sehen, sondern müssen sie lösen“, sagte er in Essen.
Trotz der Nähe zu den Wasgau-Mitarbeitern lässt Bings sich siezen. Bei der Rewe duzen sich alle – bis hoch zum Vorstandsvorsitzenden Lionel Souque. In der Pfalz hingegen gelten andere Gepflogenheiten. Noch bis vor Kurzem arbeiteten die Wasgau-Mitarbeiter mit einem eigenen Mailsystem. Bings stieß die Umstellung auf Outlook und Teams an.
Auch die Wasgau-Bestseller Schwartenmagen und Blutwurst geben einen Hinweis darauf, dass in der Pfalz viele Dinge ein bisschen anders sind. Und ein Du mit dem Vorstandssprecher: für viele wahrscheinlich zu viel. „Ich brauche das Du nicht, um nahbar zu sein“, sagt Bings.
164 Stufen führen auf den Luitpoldturm hinauf. Der Regen hat nachgelassen. Die Sicht wird klar. In einem Jahr starten die Gespräche über die Verlängerung von Bings’ Vorstandstätigkeit für Wasgau. Die Verträge sind üblicherweise auf drei Jahre befristet. „Neun Jahre ohne Vorstandswechsel sind auch nicht schädlich für ein Unternehmen“, sagt Bings und lässt seinen Blick über die grünen Berge des Pfälzer Waldes schweifen.
Thomas Bings
2011 übernimmt Bings das Controlling für den nationalen Discounterbereich der Rewe. Sechs Jahre später wechselt er als Geschäftsleiter zur Konzerntochter Wilhelm Brandenburg. 2021 folgt der Eintritt in den Wasgau-Vorstand, seit Januar führt er das Gremium als Sprecher.
