Krisenvorsorge Frieden ist nicht mehr garantiert – so soll sich die Branche rüsten

Hintergrund

Der Frieden ist fragil geworden. Auch die Wirtschaft soll sich deshalb auf einen Verteidigungsfall vorbereiten. Käme es zum Konflikt, wären Lebensmittelunternehmen besonders betroffen.

Freitag, 27. Juni 2025, 07:40 Uhr
Thomas Klaus
Bildquelle: Lebensmittel Praxis (Fotomontage)

Russische Panzeraufmärsche in der norddeutschen Tiefebene oder Moskau-treue Fallschirmspringer in den bayerischen Bergen – diese Szenarien sind nach Ansicht von Experten eher unwahrscheinlich. Ein kriegerischer Ernstfall auf deutschem Boden sähe voraussichtlich anders aus: Sollte sich die NATO an ihren Ostgrenzen wehren müssen, würde der Bündnisfall ausgerufen und die Bundesrepublik wegen ihrer Lage zum logistischen Zentrum des westlichen Militärbündnisses. Die NATO würde Soldaten, Waffen und Ausrüstung über die Bundesrepublik transportieren.

Deutschland müsste den Bündnisregeln zufolge den „Host Nation Support“ leisten, also die durchreisenden Militärs unterstützen. Schon das würde das Leben im Land verändern – und die Lebensmittelbranche fordern: Sie müsste plötzlich Hunderttausende Menschen zusätzlich versorgen.

Vorbereitung auf diesen und auf schlimmere Fälle tut angesichts der Weltlage not. Sie läuft seit einiger Zeit weitgehend ohne Aufhebens – und betrifft die Lebensmittelwirtschaft stärker, als es vielen bewusst ist.

Bald wohl Vergabeverfahren

Für die Versorgung von NATO-Soldaten in Deutschland würden neben Betriebsstoffen und Unterkünften auch Lebensmittel gebraucht. Oberst Andreas Timm, bis vor Kurzem Kommandeur des Landeskommandos Bremen und inzwischen auf ein NATO-Kommando abberufen, geht davon aus, dass die Dienststellen aus dem Bereich der zivilen Wehrverwaltung bald Vergabeverfahren starten werden, damit es zu entsprechenden Verträgen kommt. Das sagte er auf einer Veranstaltung der Handelskammer in Bremen.

Der „Operationsplan Deutschland“ der Bundeswehr mit Erstfassung aus dem März 2024 beschreibt auf mehr als 1.000 Seiten Abläufe, Zuständigkeiten und Maßnahmen für die Zusammenarbeit von militärischen und zivilen Akteure. Die Verantwortlichen entwickeln das Papier derzeit weiter. Die Armee kooperiert dabei mit Ländern, Kommunen, Hilfs- und Rettungsorganisationen sowie der Wirtschaft. Eine der sieben Arbeitsgruppen, die AG 2, befasst sich mit dem Thema „Lebens- und verteidigungswichtige Strukturen“; hierunter firmiert auch die Lebensmittelbranche. Eine Sprecherin aus dem Operativen Führungskommando der Bundeswehr nennt der LP als exemplarische Aspekte den Wegfall osteuropäischer Lkw-Fahrer durch eine Mobilmachung ihrer Heimatländer sowie Cyberangriffe und Sabotage gegen Kühlketten.

Es sei eines der Kernanliegen des Operationsplans, die Lebensmittelversorgung der Bevölkerung auch nach gegnerischen Angriffen sicherzustellen, sagt der Sicherheitsberater Gandhi Gabriel, Geschäftsführer der Stuttgarter Firma SSB und Fachmann für Kritische Infrastrukturen. Letztlich geht es darum, dramatische Szenarien zu verhindern, Hunger-bedingte Unruhen etwa. Im März 2026 soll die dritte Überarbeitung des Operationsplans erscheinen.

In seinen Einzelheiten ist der Operationsplan zwar geheim, aber aus seiner Existenz macht die Bundeswehr bewusst kein Geheimnis: Sie sucht den Dialog mit der Wirtschaft, hat unter anderem auf Veranstaltungen der Handelskammern in Bremen und Hamburg über Inhalte aufgeklärt. Insider berichten zuweilen auch von gemeinsamen Übungen von Militär und Unternehmen, so etwa im Herbst des vergangenen Jahres im Hamburger Hafen. Dies weist die Bundeswehr auf LP-Anfrage aber zurück.

Mehr Lkw-Fahrer ausbilden

Die Bundeswehr rät der Wirtschaft und auch der Lebensmittelbranche dringend zur Ausbildung eigener Lkw-Fahrer. Oberstleutnant Jörn Plischke, Chef des Stabes des Landeskommandos Hamburg, empfiehlt: Auf jeweils 100 Mitarbeiter sollten mindestens fünf zusätzliche Fahrer ausgebildet werden, selbst wenn aktuell kein Bedarf bestehen sollte. Denn ein Großteil der Lastwagen auf deutschen Straßen würde von Osteuropäern bewegt, und diese würden im Kriegsfall voraussichtlich sofort in ihre Heimat zurückkehren.

Lebensmittelmarken sind möglich

Regeln für raue Zeiten stellt auch die „Rahmenrichtlinie Gesamtverteidigung“ des Bundesverteidigungsministeriums aus dem Juni 2024 auf. Sie bekräftigt Vollmachten, die sich bereits aus dem Ernährungssicherstellungs- und -vorsorgegesetz (ESVG) vom April 2017 ergeben. Bei einer Versorgungskrise, zum Beispiel durch kriegerische Auseinandersetzungen oder deren Vorstufe, haben die Behörden demnach die Möglichkeit, die Lebensmittelwirtschaft praktisch vollständig unter ihre Kontrolle zu stellen. Behörden könnten „die vorübergehende Aufrechterhaltung, Umstellung, Eröffnung oder Schließung von Ernährungsunternehmen oder einzelnen Betriebsstätten von Ernährungsunternehmen anordnen“, heißt es in dem Gesetz. Und selbst die Preise könnten notfalls Beamte bestimmen: Das zuständige Ministerium könnte per Rechtsverordnung Vorschriften erlassen zur „Festsetzung von Preisen, Kostenansätzen, Handelsspannen, Bearbeitungs- und Verarbeitungsspannen sowie Zahlungs- und Lieferungsbedingungen für Erzeugnisse“. Behörden wären auch in der Lage, die Verteilung von Lebensmitteln zu kontrollieren – etwa mit Lebensmittelmarken. Die Regelungen sehen für den Fall von Enteignungen Entschädigungen vor, deren Höhe im Zweifel allerdings ebenfalls Behörden bestimmen sollen.

Dass die Lebensmittelwirtschaft in absehbarer Zeit derart unter Zwangsverwaltung gerät, halten Experten nach wie vor für unwahrscheinlich. Sie weisen aber darauf hin, dass schon die Vorstufen eines militärischen Ernstfalls das Leben in Deutschland beeinträchtigen könnten. Generalleutnant André Bodemann, der Befehlshaber des Operativen Führungskommandos der Bundeswehr, warnt: „Je näher wir uns an eine Krise oder einen Krieg bewegen, desto mehr nehmen Bedrohungen zu.“ Zum Beispiel könnten Cyberangriffe eskalieren, indem Gegner kritische Infrastruktur lahmlegen. Und Angriffe gibt es schon heute: Bundesamt für Verfassungsschutz, Bundesnachrichtendienst und Militärischer Abschirmdienst bestätigen Attacken. Das „Kritis-Dachgesetz“ soll die kritische Infrastruktur – also auch die Lebensmittelwirtschaft – vor diesem Hintergrund widerstandsfähiger machen.

BSKI-Chef: Branche unterschätzt Risiken

„In der Lebensmittelwirtschaft wird das Szenario eines längerfristigen Ausfalls kritischer Infrastruktur oft unterschätzt. Dazu zählen etwa großflächige Stromausfälle, unterbrochene Lieferketten durch zerstörte Verkehrswege oder gezielte Sabotage.“ Das meint Holger Berens, Vorsitzender des Bundesverbandes für den Schutz Kritischer Infrastrukturen (BSKI). Besonders problematisch seien schnell drohende Versorgungsengpässe bei Lebensmitteln, so Berens.

Unternehmen müssten sich auf potenzielle staatliche Eingriffe einstellen, so der BSKI-Chef zur LP. Und der Staat sollte dringend transparent informieren, „damit Firmen wissen, was konkret auf sie zukommt“.

Muss die Branche mehr tun?

Auch der „Operationsplan Deutschland“ habe auf die Lebensmittelbranche konkrete Auswirkungen, sagt Johannes Strümpfel, der Präsident der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft (ASW). Sie habe sich ebenso wie der Rest der Wirtschaft unter anderem auf koordinierte ­Maßnahmen mit Behörden und mehr partnerschaftliches Vorgehen mit dem Staat einzustellen, sagt Strümpfel im Gespräch mit der LP. Die Wirtschaft müsse sich bewusster machen, dass sie teilweise „zur Unterstützung staatlicher Schutzmaßnahmen herangezogen“ werden könne. Der Operationsplan sehe die Wirtschaft als einen „aktiven Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Resilienzstrategie“. Deshalb sollten die Unternehmen ihre Sicherheitsvorkehrungen stärken und sich auf zunehmende Ansprüche des Staates gefasst machen, findet Johannes Strümpfel.

Große Händler und Hersteller beschäftigen sich längst mit dem Thema – auch wenn die meisten sich auf Anfrage nicht konkret zu ihrer Krisenvorsorge äußern. Lidl teilt mit, sich regelmäßig mit unterschiedlichen Szenarien auseinanderzusetzen. Dabei arbeite der Discounter eng mit Bund, Ländern und Kommunen zusammen. Rewe betont ebenfalls den engen Kontakt zu Behörden. Dass die Vorbereitungen der Branche ausreichen, bezweifeln manche Beobachter aber. Christoph Krauss, Leiter des Bereiches Konsumgüter und Handel bei der Beratung Prof. Roll & Pastuch, spricht gar von einem „inaktiven Thema“ – was auch daran liege, dass der Staat seine Erwartungen an die Branche bisher nicht klar genug kommuniziert habe.

3 Fragen an

Christoph Demiriz, Geschäftsführer der Firma Digital Recovery PHD und Experte für Cyberangriffe

Herr Demiriz, Sie plädieren für „digitale Kriegstüchtigkeit in der Lebensmittelwirtschaft“. Was bedeutet das konkret?
Christoph Demiriz: Das bedeutet, auch unter digitalen Angriffen weiter handlungsfähig zu bleiben. Gemeint sind damit keine hypothetischen Gefahren, sondern ganz konkrete, politisch-ideologisch motivierte Cyberangriffe, die etwa aus Russland gesteuert werden. Diese Angriffe richten sich gezielt gegen Branchen, die für die Versorgungssicherheit eine Schlüsselrolle spielen. Und die Lebensmittelbranche steht dabei ganz oben auf der Liste.

Sie haben bisher mehr als 100 Fälle begleitet. Haben Sie ein aktuelles Beispiel aus der Lebensmittelwirtschaft?
Ja. Ein mittelständischer Lebensmittelhersteller wurde Opfer eines Ransomware-Angriffs. Innerhalb weniger Stunden waren alle Systeme verschlüsselt. Die Folge war kompletter Stillstand. Lkw standen abfahrbereit auf dem Hof. Sie konnten aber nicht losgeschickt werden, weil Lieferscheine und Disposition nicht mehr abrufbar waren. Rechnungen konnten nicht erstellt werden, Bestellungen nicht verarbeitet. Selbst wichtige Dokumente zur Qualitätssicherung waren unzugänglich. Der Schaden war erheblich, wirtschaftlich und organisatorisch.

Was bedeutet digitale Resilienz für die ­Lebensmittelwirtschaft?
Das bedeutet, vorbereitet zu sein. Es reicht nicht, wenn irgendwo ein Back-up existiert. Entscheidend ist, ob dieses Back-up im Ernstfall auch funktioniert, ob es sicher getrennt ist und ob das Unternehmen in der Lage ist, schnell wieder arbeitsfähig zu werden. Dazu gehören klare Prozesse, geschulte Mitarbeiter und technische Strukturen, die auch im Krisenfall standhalten. In einer Zeit, in der digitale Angriffe gezielt zur Destabilisierung eingesetzt werden, ist IT-Sicherheit kein Randthema mehr. Vielmehr ist sie Teil der betrieblichen Daseinsvorsorge.

Anzeige

analytica 2026

analytica: die ganze Welt des Labors

Die Weltleitmesse für Labortechnik, Analytik, Biotechnologie und die analytica conference vom 24. bis 27. März 2026 in München.
Mehr erfahren