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Sozialstandards Projektarbeit in der Lieferkette

Bettina Röttig | 25. September 2020
Sozialstandards: Projektarbeit in der Lieferkette
Bildquelle: Marcel Koppen

Während noch fraglich ist, wann ein nationales oder europäisches Lieferkettengesetz in Kraft tritt, arbeiten Händler und Hersteller schon länger daran, die Menschenrechtsrisiken in ihren Wertschöpfungsketten zu bekämpfen. Einige Beispiele.

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Nicht lange reden, handeln: Mit der Hilfe verschiedener Organisationen gehen Lebensmittelhandel und -industrie Risiken in ihren Wertschöpfungsketten an. In den Produzentenländern des Südens liegt der Fokus unter anderem auf Projekten, die auf Probleme wie die Benachteiligung von Frauen oder nicht existenzsichernde Einkommen zielen. Aber auch Maßnahmen zur Unterstützung im Kampf gegen Corona wurden schnellstens auf die Beine gestellt, um die Gesundheit der Menschen zu schützen und ihr finanzielles Überleben zu sichern.

Unilever kündigte zu Beginn der Pandemie eine Cashflow-Entlastung in Höhe von 500 Millionen Euro an, die dazu beitragen soll, den Lebensunterhalt in der erweiterten Wertschöpfungskette zu sichern. So werden beispielsweise die am stärksten gefährdeten kleinen und mittleren Lieferanten frühzeitig bezahlt, um ihnen bei ihrer finanziellen Liquidität zu helfen.

Um im Kakao-Sektor Widerstandsfähigkeit und Kapazitäten für den Umgang mit dem Virus aufzubauen, hat auch Mondelez Millionen bereit gestellt und arbeitet unter anderem in Ghana mit „Child Rights International“ zusammen. Die Gemeindemitglieder werden darüber aufgeklärt, wie sie sich selbst schützen können, Kindern werden Bücher zur Verfügung gestellt, damit sie lernen, mit dem Virus umzugehen. Von Frauengruppen hergestellte Seifen sorgen für lebenswichtige hygienische Standards und schaffen gleichzeitig zusätzliches Haushaltseinkommen. Genauso wie das Nähen von Gesichtsmasken, die den Gesundheitsstandards entsprechen. „Ein großartiges Beispiel dafür, wie Fähigkeiten, die im Rahmen der Frauenförderungsbemühungen von Cocoa Life vor Covid-19 entwickelt wurden, einen Unterschied machen können“, sagt Heike Hauerken, Head of Corporate Communications and Public Affairs.

Frauenförderung
Eines vieler Projekte der Rewe Group zur Verbesserung der Sozialstandards entlang der Lieferkette von Eigenmarkenprodukten richtet sich gegen die Diskriminierung von Frauen. Seit 2019 bauen die Kölner gemeinsam mit Fairtrade und der Kakaobauern-Kooperative Fanteakwa in Ghana eine neue, physisch rückverfolgbare Lieferkette für Schokolade auf. Die Produkte sollen im Laufe des nächsten Jahres in die Märkte kommen. Fanteakwa hat insgesamt 2.134 Mitglieder, davon sind 761 Frauen. Als spezifische Herausforderung wurden die niedrigen Einkommen vieler Frauen erfasst, so dass die Kooperative gezielt zusätzliche einkommensschaffende Maßnahmen für Frauen unterstützt, darunter Herstellung und Verkauf von Backwaren, Imkerei sowie Schnecken- und Pilzzucht. Darüber hinaus unterstützt Fanteakwa die Bildung von „Village Savings and Loans Associations“, die speziell Frauen mit einem selbstverwalteten, solidarischen Mikrokreditwesen auf Gemeindeebene unterstützen.

Die Kleinbauernkooperative profitiert von den Fairtrade-Standards, vom Fairtrade-Mindestpreis und der zusätzlichen Fairtrade-Prämie, die von Rewe bezahlt werden. Einen zusätzlichen Aufschlag zahlt die Rewe in dem Projekt, um die durch Fairtrade berechnete Lücke zu einem existenzsichernden Einkommen zu schließen.

Existenzsichernde Einkommen
An der Identifizierung und Schließung der Lücke zwischen (fairem) Lohn und existenzsicherndem Einkommen arbeiten mehr und mehr Unternehmen.

Auch der Schokoladen-Produzent Alfred Ritter weiß um die Herausforderungen im Kakaoanbau. Wichtigstes Instrument für die Verbesserung der Lebensgrundlagen sei eine Preisgestaltung, die aus der Kombination von verschiedenen Zuschlägen zum Weltmarktpreis und festen Abnahmegarantien bestehe. „Eine Grundvoraussetzung für die Gewährleistung menschenrechtlicher und ökologischer Standards ist Transparenz entlang der gesamten Lieferketten“, sagt Petra Fix, verantwortlich für die globale Nachhaltigkeitskommunikation bei Ritter. Der Bezug von ausschließlich Rainforest-Alliance- oder Fairtrade-zertifiziertem Kakao sei dafür ein wichtiger erster Schritt. Das Unternehmen hat zudem Partnerschaften mit Bauern und Erzeugerorganisationen in wichtigen Anbauregionen in Westafrika sowie in Mittel- und Südamerika etabliert, um über konkrete Programme vor Ort den nachhaltigen Kakaoanbau zu fördern.

Als Prototyp dieses Prinzips gilt das Cacao-Nica-Programm, mit dem Ritter Sport seit mittlerweile 30 Jahren Bauern in Nicaragua unterstützt. Heute liefern mehr als 3.500 Bauern nachhaltig angebauten, rückverfolgbaren Edelkakao an Ritter Sport. Mittlerweile sind die Kleinproduzenten laut Fix über ihre Kooperativen in eine gut funktionierende Wertschöpfungskette integriert und in der Lage, auf eigenen Füßen zu stehen und Kakao im Rahmen von Agroforstsystemen zu produzieren. Bereits 2015 habe eine Studie des Südwind Instituts die Wirksamkeit des Cacao-Nica-Programms belegt.

Ein weiteres Beispiel kommt von Fairtrade Original. Die Non-Profit-Marke beteiligt sich zusammen mit anderen niederländischen Kaffeeunternehmen an der Futureproof Coffee Collective. Mit dieser Initiative von MVO Nederland soll ein Kaffeepreis erreicht werden, der die sozioökonomischen und wirtschaftlichen Kosten berücksichtigt, die die Produzenten derzeit tragen, wie beispielsweise die Kosten für Boden, Wasser und Biodiversität. Darüber hinaus soll so auch die Lücke des Living-Income geschlossen werden. Das ist derzeit von besonderer Bedeutung, da der Weltmarktpreis für Kaffee im Jahr 2019 auf einem historisch niedrigen Stand war und Kaffeeproduzenten häufig ihren Kaffee unter dem Selbstkostenpreis verkaufen mussten. Mit einem von drei externen Beratern entwickelten „True Cost Accounting“-Tool können die Kosten bei den Community-Coffee-Farmern von Red Ecolsierra, einer Kleinbauernkooperative für Fairtrade- und Bio-Kaffee aus dem Norden Kolumbiens, identifiziert und dargestellt werden. 2019 wurde die erste Version des Tools fertiggestellt und bei 15 Produzenten von Red Ecolsierra getestet. Auf der Grundlage dieser Ergebnisse und der weiteren Pilotprojekte, die von anderen Unternehmen durchgeführt werden, wird 2020 ein vollwertiges Tool eingeführt, das bei 100 der ca. 350 Kaffeeproduzenten von Red Ecolsierra eingesetzt werden soll.

Seit 2014 setzt die Edeka-Gruppe und der WWF mit einem Projekt im Bananenanbau ein Zeichen für mehr Nachhaltigkeit. Nicht im Bio- sonder bewusst im konventionellen Anbau, denn mit einem Marktanteil von knapp 85 Prozent ist die Nachfrage nach konventionellen Bananen in Deutschland nach Angaben des Unternehmens weiterhin sehr hoch. „Durch den hohen Absatz konventionell produzierter Bananen lässt sich hier durch Verbesserungen auch eine Menge in Sachen Nachhaltigkeit bewegen“, heißt es aus der Hamburger Konzernzentrale. Die Produktionsbedingungen für die unter der Eigenmarke Edeka vermarkteten Bananen werden seitdem Schritt für Schritt umwelt- und sozialverträglicher gestaltet, allein 80 Kriterien müssen hierfür erfüllt werden. Alle Farmen mussten zum Start Rainforest-Alliance-zertifiziert sein. Kontrolliert wird durch unabhängige Prüfstellen. Zu den Kriterien gehören neben Schutz und Stärkung der Rechte der Mitarbeiter sowie die Optimierung von Sicherheits- und Gesundheitsschutz auch Themen wie der Schutz natürlicher Ökosysteme, Klimawandel und Wassermanagement. Auch diese Maßnahmen werden regelmäßig – alle sechs Monate – durch unabhängige Auditoren überprüft.