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Interview mit Patrick Müller-Sarmiento Auf traditionelle Werte zurückbesinnen

Martin Heiermann | 18. Januar 2019
Interview mit Patrick Müller-Sarmiento: Auf traditionelle Werte zurückbesinnen

Bildquelle: Jörn Strojny

Real sieht sich für einen Verkauf durch den Mutterkonzern Metro gut aufgestellt. Das Markthallen- Konzept, der Online-Marktplatz real.de und das neue Tarifgefüge haben dazu beigetragen, meint Patrick Müller-Sarmiento, Vorsitzender Geschäftsführung und verantwortlich für den Einkauf.

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Herr Müller-Sarmiento, wie ist das relativ neue Real-Konzept der Markthalle im deutschen Lebensmitteleinzelhandel angekommen?
Müller-Sarmiento: Wir sind der festen Überzeugung, dass es gut ist, sich auf traditionelle Werte zurückzubesinnen. Schon lange hatten wir die Idee für die Umsetzung eines ,Wochenmarkts‘ im Kopf. Ein Markt, wie man ihn von den Marktplätzen und -hallen der Städte in Italien, Spanien, auch in Deutschland und überall auf der Welt heute noch kennt, mit dem besonderen Flair von Genuss und Lebensfreude, mit Ständen, die frische und saisonale Produkte sowie viele regionale Spezialitäten in bester Qualität zu bieten haben, mit Händlern, denen man gerne vertraut. Drei Komponenten bestimmen daher unser Markthallen-Konzept, das auf ein-fachen Grundsätzen beruht: Das ist das Vertrauen zwischen dem Händler und dem Kunden, das ist die direkte Ansprache des Kunden und das ist vor allem die Ware, die entsprechend inszeniert wird.

Und wie ist die Kundenresonanz?
Das Konzept kommt bei unseren Kunden sehr gut an. Auch mehr als zwei Jahre nach Eröffnung verzeichnet die Markthalle Krefeld im Durchschnitt über 30 Prozent mehr Kundenbesuche als vor dem Umbau und ein deutliches Umsatzplus. Die Eröffnung in Braunschweig hat alle Erwartungen übertroffen und mit mehr als einer Million Euro Umsatz am Eröffnungstag Unternehmensgeschichte geschrieben. Erfahrungen aus den beiden Markthallen in Krefeld und Braunschweig zeigen zudem, dass die Kunden dort die größeren Convenience- und Premiumsortimente akzeptieren und vom hohen Anteil regionaler und nachhaltiger Produkte begeistert sind.

Ihr Konzept ist aber keine reine Markthalle...
Wir bieten mehr als jeder Wochenmarkt oder Supermarkt für sich genommen. Unser Angebot ist eine Hybridlösung, die emotionale wie rationale Bedürfnisse gleichermaßen bedient. Sie steht für eine neue Welt des Einkaufens, bei der veränderte Kundenbedürfnisse nach Service, Lebensmittel-Qualität und gastronomischen Angeboten erfüllt werden. In der Markthalle verbinden wir die gastronomischen Angebote mit verschiedenen Manufakturen, in denen wir Lebensmittel und verzehrfertige Menüs vor den Augen der Kunden im Laden selbstherstellen. Dazu kommen natürlich die klassischen Lebensmittel-Sortimente und unser Nonfood-Angebot. Wir gestalten mit Leidenschaft, wobei Nachhaltigkeit und faire Preise Hauptantrieb sind.


Mehr Frequenz und mehr online

Im vergangenen Geschäftsjahr 2017/18 ging der Umsatz von Real von knapp 7,27 Milliarden Euro auf 7,1 Milliarden Euro zurück. Grund waren drei teilweise vorübergehende Marktschließungen. Der operative Gewinn vor Steuern ohne Immobiliengeschäfte lag bei 143 Millionen Euro. Im Vorjahr waren es 154 Millionen Euro. Positiv entwickelte sich der Online- Umsatz. Der Bruttowarenwert über den Marktplatz real.de wuchs um 90 Prozent. Jetzt wird die halbe Euro-Milliarde angepeilt . Um Real wieder nach vorne zu bringen, ist es Ziel, die Frequenz zu steigern. Das ist laut Unternehmen in Krefeld mit dem Foodlover-Konzept gelungen. In Braunschweig erzielte die Markthalle am ersten Öffnungstag eine Million Euro Umsatz. Real sucht auch eine Antwort auf die weiter sinkende Nonfood-Nachfrage im stationären Sektor. Das könnte der Online-Marktplatz sein.

Sie haben bisher zwei Markthallen an den Start gebracht. Wie geht es mit dem Rollout weiter?
Wir haben darüber hinaus bei Real in den vergangenen Monaten in weitere Märkte investiert. Insgesamt an 19 Standorten sind Markthallen-Module integriert worden. Einige dieser Standorte sind etwa Ansbach in Bayern, Saarlouis, Salzgitter, Lübeck oder Villingen- Schwenningen. In Ansbach haben wir beispielsweise ein Modul, das unter dem Titel Meistergrill läuft, gestartet. Wir konzentrieren uns also mehr auf den Lebensmittelbereich.

Heißt das, Sie werden in einer großen Zahl von Real-Märkten Markthallen- Elemente integrieren?
Wir wollen der beste Wochenmarkt Deutschlands sein, der von den Kunden als attraktive Einkaufsstätte mit innovativem Sortiment und von Lieferanten als geschätzter Partner wahrgenommen wird. Dazu werden wir in den Märkten, die sich eignen, Module unseres Markthallen- Konzepts einbauen.

Sie betonen, die Wichtigkeit der Ware und ihrer Präsentation. Welche Rolle spielt dabei die Warenbeschaffung der RTG Retail Group?
Die RTG ist keine reine Einkaufsgesellschaft. Sie ist ein Joint Venture von acht Partnern, das sich neben dem Wareneinkauf zum Beispiel auch mit Logistik-Dienstleistungen beschäftigt. Aber natürlich gewährleisten wir dadurch für die Verbraucher auch eine bessere Auswahl in den Sortimenten und bessere Preise. Durch den Partner Tegut haben wir einen zusätzlichen Zugang zu nachhaltigen Produkten.

Bei der Warenbeschaffung gibt es viele Konfliktfelder. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Herstellern?
Wir arbeiten mit vielen Herstellern sehr gut und vernünftig zusammen. Auch deshalb konnten wir uns das Ziel setzen, unser gesamtes Sortiment komplett auf nachhaltige Produkte umzustellen. Beispielsweise arbeiten wir schon jetzt für mehr Nachhaltigkeit mit lokalen Bio-Produzenten, aber auch mit Bio-Produzenten in Südamerika zusammen und werden diese Kooperationen weiter ausbauen.

Real.de ist doch vor allem ein Nonfood- Marktplatz. Was passiert Online?
Wir haben zwei Stoßrichtungen: Den Ausbau unseres Nonfood-Online- Geschäfts und den Aufbau unseres E-Food-Geschäfts. Wir arbeiten in beiden Feldern mit viel Erfolg, also mit steigenden Zugriffsraten und mit wachsenden Umsätzen. Wir bieten über den Online- Marktplatz Real.de inzwischen 15 Millionen Artikel an. Der Bruttowarenwert über real.de wuchs im Geschäftsjahr 2017/18 um 90 Prozent auf 380 Millionen Euro. Im E-Food- Bereich bieten wir 30.000 Artikel an und damit mehr als jeder andere Wettbewerber im Lebensmitteleinzelhandel. Und wir bauen das Geschäft weiter aus. Dazu gehören beispielsweise Investitionen in ein neues Lager in Tschechien.

Welche Zukunft sehen Sie für Ihr E-Food-Geschäft?
Laut einer Studie hat jeder Dritte schon online Lebensmittel bestellt. Wir setzen darauf, dass dieses Geschäftsfeld wachsen wird. Mit real. de und seinen hohen Zugriffszahlen sind wir dafür gut gerüstet. Dennoch sind wir vorsichtiger bei unseren Investitionen als einige unserer Wettbewerber. So setzen wir auf In- Store Picking und beliefern über Dienstleister unsere Kunden. Insgesamt beschäftigen wir bei Real. Digital über 500 Mitarbeiter.

Damit sind wir beim Thema Mitarbeiter. Seit einiger Zeit steht Real in einer Auseinandersetzung mit Verdi. Real steht zur Tarifbindung und achtet diese als ein hohes Gut. Dabei muss es uns vorbehalten sein, sich seinen Sozialpartner auszusuchen. Mit Verdi war leider keine Zukunft in der Tarifpartnerschaft mehr gegeben, weil sich die Gewerkschaft nicht an Zusagen hielt. Die Zusage der Real-Geschäftsführung gilt, dass für Bestandsmitarbeiter in aktuellen Arbeitsverhältnissen das jetzige Niveau der Flächentarifverträge gewahrt bleibt.

Wie wird es weitergehen?
Der Forderung nach einer Rückkehr in den Verdi-Flächentarifvertrag werden wir nicht nachkommen, da wir gültige Tarifverträge anwenden. Durch eine Rückkehr zum Verdi- Flächentarifvertrag würden wir in nicht wettbewerbsfähige Kostenstrukturen zurückgeworfen.

Bleibt Real durch die Auseinandersetzung mit Verdi bei Neueinstellungen wettbewerbsfähig?
Ja. Das zeigen nicht zuletzt die mehr als 5.000 Neueinstellungen, die wir zwischenzeitlich unter den aktuell gültigen Tarifbedingungen getätigt haben. Die neu abgeschlossenen Arbeitsverträge beweisen, dass Real auch bei der derzeitigen Hochkonjunktur und annähernder Vollbeschäftigung nach wie vor ein attraktiver Arbeitgeber ist.

Können Sie damit auch die Attraktivität beim Verkauf zu steigern?
Das Eine ist vom Anderen unabhängig. Wir passen nicht mehr in die Struktur unseres Mutterkonzerns, der sich künftig voll auf das Großhandelsgeschäft ausrichtet. Wir haben die Voraussetzungen geschaffen, uns positiv weiterzuentwickeln und somit für die Metro, Real in ‚gute Hände‘ abzugeben.