Existenzgründer Mutige Macher - Mutige Macher: Teil 3

Der Traum von der Selbstständigkeit kann im LEH wahr werden – als junger Marktleiter genauso wie als erfahrener Quereinsteiger oder als Mutter, die Beruf und Familie verbinden möchte. Gewisse Voraussetzungen brauchen künftige Existenzgründer aber.

Freitag, 20. Juli 2018, 00:32 Uhr
Sonja Plachetta

Außer kaufmännischen Fachkenntnissen sind unter anderem eine hohe Belastbarkeit und eine gewisse Gelassenheit nötig. „Man muss trotz der Verantwortung und der hohen Zahlungen, die etwa für Miete, Personal und Ware zu leisten sind, gut schlafen können“, sagt Joachim Silberzahn. Die Fähigkeit loszulassen, ist auch für Anja Schaller und Selim Bostanli von zentraler Bedeutung. Das heißt konkret: Sie vertrauen ihren Mitarbeitern und müssen deshalb nicht alles selbst machen. Schaller kann so, nachdem sie ab 5 Uhr auf der Fläche war, oft um halb zwei nach Hause gehen, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Danach erledigt sie die Büroarbeit daheim in Ruhe. Bostanli steht in der Regel von morgens früh bis abends spät im Laden, aber er bleibt auch ruhig, wenn er einmal nicht da sein kann. Er weiß, dass sich sein Team während seiner Abwesenheit gut um den Markt kümmert. „Es ist eine Zusatzmotivation für sie, wenn sie wissen, dass der Chef ihnen vertraut“, findet er. Trotzdem: Die persönliche Einsatzbereitschaft muss hoch sein. Mindestens elf Stunden ist Bostanli täglich im Laden. „In Stoßzeiten sind es auch mal 14 Stunden“, sagt Silberzahn. „Dafür braucht man, gerade am Anfang, viel Energie“, betont Schaller.

Kontakt zum Kunden essenziell
Obwohl die drei Jungunternehmer 20 bis 30 Prozent ihrer Zeit für Büroarbeit aufwenden müssen, sagen sie alle, dass sie diese nicht so gern erledigen. Sie sind lieber auf der Fläche und halten Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden. Für alle drei ist das eine zentrale Eigenschaft für den Erfolg. „Die Kunden möchten mit der Chefin persönlich reden“, ist Schallers Erfahrung. Silberzahn profitiert von seiner in seiner Touristik-Karriere erworbenen Kontaktfreudigkeit und der „Fähigkeit, Menschen als Menschen zu achten, ungeachtet ihrer Herkunft und sozialen Stellung“.

Ob Kunde oder Mitarbeiter: Für Selim Bostanli ist entscheidend, ihnen zuzuhören, Verständnis für deren Probleme oder Beschwerden zu haben und auf ihre Themen einzugehen. „Ich begegne allen auf Augenhöhe und binde sie ein.“ Herausforderungen auf diese Weise gemeinsam anzugehen, ist seiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg des Marktes: „Und der Erfolg muss ausschlaggebend sein, nicht das Geld. Wenn die Motivation nur das Finanzielle ist, kommt der Erfolg nicht.“

Rewe-Kauffrau Anja Schaller aus Vohenstrauß kann Beruf und Familie gut kombinieren – auch, weil sie ihren Mitarbeitern vertraut und Verantwortung delegieren kann.

Dass sein Name über seinem Edeka-Markt in Siegenburg steht, motiviert Selim Bostanli jeden Tag aufs Neue zusätzlich. Teamarbeit ist ihm wichtig, und so fragt er sich regelmäßig: „Wie bringe ich die Mitarbeiter dazu, sich mit der Firma zu identifizieren?“ Kontaktfreudigkeit und das verkäuferische Talent sind wichtige Qualitäten aus seiner ersten Karriere in der Touristikbranche, die Joachim Silberzahn nun auch als selbstständigem Händler in seinem Rewe-Markt in Wedemark zugute kommen.

„Entscheidend ist der Unternehmergeist“ - Fragen an Thomas Nonn, Bereichsvorstand Rewe Group

Wie viele Existenzgründer gibt es bei Rewe pro Jahr?
Thomas Nonn: Wir haben keine festgesetzte Anzahl neuer Kaufleute. Uns ist es wichtig, geeignete Bewerber zu finden, die zu uns und auch zum Standort des Marktes passen. In den letzten Jahren starteten jährlich 80 bis 100 neue Kaufleute mit uns in die Selbstständigkeit. Den größten Anteil haben dabei Expansionsstandorte. Auch Unternehmensnachfolgen innerhalb von Familien spielen eine Rolle.

Die Rewe wählt die Existenzgründer in Assessment Centern aus. Auf welche Eigenschaften achten Sie?
Entscheidend ist, dass die Bewerber eine Affinität zum Lebensmittel-Einzelhandel und Unternehmergeist mitbringen. Sie sollten zudem eine konkrete Vorstellung haben, was sie als selbstständige Unternehmer auszeichnen soll. Idealerweise haben die Bewerber eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht und mehrere Jahre Berufs- und auch Führungserfahrung gesammelt. Sollte ein Bewerber das noch nicht mitbringen, ansonsten aber geeignet sein, kann er diese Erfahrung bei uns nachholen.

Wie viel Startkapital muss ein potenzieller Rewe-Partner mitbringen?
Dies ist abhängig vom Betreibermodell, welches final gewählt wird und richtet sich beispielsweise im Partnerschaftsmodell nach der Fläche des Marktes. Das Partnerschaftsmodell der Rewe ist im LEH einmalig. Der Kaufmann/die Kauffrau gründet eine gemeinsame Gesellschaft mit der Rewe. Die Einlage muss zum Zeitpunkt der Existenzgründung nicht vollständig eingebracht werden. Es gibt im Partnerschaftsmodell Gestaltungsvarianten, und das Investitionsvolumen ist überschaubar.

Wie legen Sie fest, wer welchen Markt bekommt?
Die Standortvergabe verläuft bei uns über ein eigenes Bewerbungsverfahren. Existenzgründer finden im Rahmen dieses Auswahlprozesses besondere Beachtung.

Nach welchen Kriterien wählen Sie die Partnerkaufleute aus, die als Coaches für die Existenzgründer fungieren?
An erster Stelle steht die Bereitschaft, das eigene Wissen und die Erfahrung an Jungkaufleute weitergeben zu wollen. Wir sind eine Genossenschaft, daher ist diese Motivation Bestandteil unserer Kultur und die Auswahl an Coaches groß. Aber natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen wie Zeit und räumliche Nähe vorhanden sein, damit der Austausch stattfinden kann.

Welche Aufgaben sollen diese Coaches erfüllen?
Es gibt einige Kaufleute, die im Rahmen der Einarbeitung der Jungkaufleute jeweilige Schwerpunkte vermitteln. Andere stehen den Nachwuchskaufleuten beispielsweise als eine Art Mentoren bei Fragen beratend zur Seite. Die Beteiligung an der Nachwuchsförderung kann hier verschiedene Formen annehmen.

Trotz aller Vorbereitung scheitern manche Existenzgründer. Welche Gründe hat das Ihrer Erfahrung nach?
Unsere Jungkaufleute werden intensiv ausgewählt und betreut. Wir haben in jeder Region eine eigene Abteilung, die neben dem Vertrieb für die Einarbeitung und Betreuung der Nachwuchskaufleute verantwortlich ist. National werden noch Seminare angeboten, die den Start in die Selbstständigkeit unterstützen. Mit dieser engen Begleitung werden frühzeitig die Weichen für einen erfolgreichen Start gestellt.

Wie oft misslingt die Existenzgründung bei Rewe-Partnern?
Das kann man in den vergangenen Jahren an einer Hand abzählen.

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