Inhaltsübersicht
Manchmal braucht es einen mehr oder weniger sanften Stubser, um dem eigenen Leben eine neue Wendung zu geben. So geht es Joachim Silberzahn, nachdem er zwei, drei Jahre lang immer wieder darüber nachdenkt, ob er seine sichere Position als Geschäftsführer von Go! Reisen aufgeben soll, einem zur DER Touristik und damit zur Rewe Group gehörenden Unternehmen. Seine Alternative: sich als Rewe-Partner im Lebensmittelhandel selbstständig zu machen. Schließlich spricht seine Frau Patricia ein Machtwort: „Lebe endlich deinen Traum. Oder sprich nicht mehr davon.“ Ihre Unterstützung ist ein wichtiger Grund dafür, dass der gelernte Reiseverkehrskaufmann im Alter von 52 Jahren die Existenzgründung wagt und nun seit Anfang 2017 einen 1.250 Quadratmeter großen Rewe-Markt in Wedemark bei Hannover mit 40 Mitarbeitern führt. Silberzahn ist damit, wie er selbst sagt, in große Fußstapfen getreten. Zuvor hatte den Markt ein anderer Rewe-Händler bis zu seinem Ruhestand lange Zeit betrieben.
Selim Bostanli erzählt dagegen schon mit 19 Jahren seinem Cousin von seinem Traum, einmal sein eigener Chef zu sein. Nach der Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann und verschiedenen Führungspositionen in Regiemärkten der Edeka Südbayern, darunter als Marktleiter eines 3.000 Quadratmeter großen E-Centers, ist er mit 27 Jahren am Ziel. Bostanli darf Ende 2017 einen kurz zuvor umgebauten 1.250-Quadratmeter-Regiemarkt übernehmen. Dieser liegt in Siegenburg in Niederbayern – einem Ort, zu dem der heute 28-Jährige wegen der Herkunft seiner Großeltern einen besonderen Bezug hat. Als das Geschäft ausgeschrieben wird, ist ihm klar: „Das ist mein Markt. Den will ich mir nicht entgehen lassen.“ Respekt vor der Aufgabe als selbstständiger Kaufmann und Chef von 27 Mitarbeitern hat er. Zu jung dafür fühlt er sich jedoch nicht: „Acht Jahre sind eine ausreichend lange Zeit, um alles Nötige zu lernen.“
Auch Anja Schaller fasst sich ein Herz, als die Rewe in Vohenstrauß in der Oberpfalz einen neuen Markt mit 1.800 Quadratmetern Fläche baut. Wegen ihrer beiden Kinder Nico und Jan will die gelernte Einzelhandelskauffrau unbedingt in ihrem Wohnort bleiben. Weil der in die Jahre gekommene Laden eines Wettbewerbers in Vohenstrauß, in dem die 40-Jährige jahrelang als Marktleiterin gearbeitet hat, von Schließung bedroht ist, bewirbt sich Schaller bei Rewe – zunächst als Marktleiterin. Obwohl sie schon früher einmal mit einer Existenzgründung geliebäugelt hat, braucht sie dann doch einige Tage Bedenkzeit, als sie erfährt, dass das Unternehmen den Standort an einen selbstständigen Händler abgeben will. „Partner zu werden, bringt ja schon eine größere Verantwortung mit sich“, sagt Schaller. Seit einem Jahr sind sie und ihre Mitarbeiter nun mit solcher Leidenschaft dabei, dass ihr Markt „gut im Plan“ liegt.
Selbsttest: Sind Sie für die Selbstständigkeit geeignet?
- Kennen Sie Ihre Stärken und Schwächen?
- Sind Sie entscheidungsfreudig und kompromissbereit?
- Können Sie eventuelle Rückschläge verkraften?
- Liegt Ihnen der Umgang mit Menschen?
- Können Sie ruhig und frei sprechen sowie überzeugend argumentieren?
- Können Sie eigene Ideen durchsetzen, auch wenn andere nicht in allen Teilen Ihrer Meinung sind?
- Werden Sie Zeit finden, sich weiterzubilden?
- Sind Sie bereit, in der Aufbauphase auf Einkommensteile zu verzichten?
- Ist Ihnen bewusst, dass Sie für die geschäftliche Existenz gegebenenfalls mit Ihrer Einlage haften?
- Ist Ihr Lebenspartner mit der Selbstständigkeit einverstanden?
- Ist Ihnen klar, dass Sie viel Zeit in das Geschäft investieren müssen?
- Sind Sie vom Erfolg Ihrer Idee überzeugt?
Im Schnitt Mitte 30
Für Rewe und Edeka sind mutige Jungunternehmer wie Silberzahn, Bostanli und Schaller wichtige Stützen, die die Genossenschaften mit ihren frischen Ideen voranbringen. Die Edeka hat in den vergangenen fünf Jahren 381 Nachwuchskaufleute auf dem Weg in die Selbstständigkeit begleitet, allein 2017 waren es 58. Die Rewe unterstützt jährlich 80 bis 100 Existenzgründer. „Im Durchschnitt sind unsere Jungkaufleute Mitte 30“, sagt Thomas Nonn, Bereichsvorstand bei der Rewe Group (siehe Interview, Seite 26). „Wir hatten aber im vergangenen Jahr Existenzgründer, die Mitte 20 sind, sowie einige, die die 50 schon erreicht haben.“ Ebenso groß wie die Altersspanne ist die Bandbreite an Werdegängen, wie unsere drei Beispiele zeigen: Junge Marktleiter, erfahrene Quereinsteiger und Mütter, die Beruf und Familie verbinden möchten, können gleichermaßen erfolgreiche Existenzgründer werden. Beide Handelsunternehmen unterstützen ihre Kaufleute auf vielfältige Weise, zum Beispiel durch Standort- und Marktanalysen im Vorfeld, verschiedene Finanzierungsmodelle und intensive Beratung. Zudem helfen sie bei Sortimentsgestaltung und Ladenbau.
„Rewe gibt mir ein Gefühl von Sicherheit“, sagt Joachim Silberzahn. Die Kölner haben ihn als Quereinsteiger nicht nur unterstützt beim Aneignen grundlegender Themen wie Warenverfügbarkeit, Bestellwesen oder Warenverwaltung, sondern auch beim Umbau des Markes auf das „Rewe 2020“-Konzept und dem Feinschliff im Sortiment. Der ehemalige Touristik-Manager hebt zudem die „sehr fairen Konditionen für den Kredit“ hervor. „Rewe ist nicht nur Geldgeber, sondern als Großhändler auch Lieferant. Insofern haben wir alle ein Interesse, dass der Laden gut läuft“, ist er sich sicher.
Selim Bostanli gibt die Unterstützung der Edeka Südbayern ebenfalls einen entscheidenden Rückhalt, sowohl was das Finanzielle als auch was die Beratung angeht. „Egal, wann ich die Einzelhandelsberatung oder bei der Edeka Südbayern direkt anrufe: Sie helfen mir immer“, sagt der 28-Jährige. „Das gesamte Konzept stimmt. Die Leute arbeiten gern bei Edeka, und das merkt man im Umgang miteinander“, ist seine Erfahrung.
Lernen von anderen Kaufleuten
Anja Schallers Weg in die Selbstständigkeit ist unter anderem durch im Partnerprogramm vorgesehene Hospitationen bei erfahrenen Rewe-Kaufleuten leichter geworden: „Ich konnte mir bei allen etwas abschauen, etwa zum Umgang mit Personal und Kunden oder zur Gestaltung von Aufbauten.“ Die Coaches stehen den Nachwuchskaufleuten laut Thomas Nonn „als eine Art Mentoren bei Fragen beratend zur Seite“.
Trotz aller Unterstützung aus den Zentralen brauchen künftige Existenzgründer gewisse fachliche und persönliche Voraussetzungen, um erfolgreich zu sein. Die Rewe etwa testet in Auswahlverfahren die Eignung ihrer möglichen Partner. Für Nonn ist wesentlich, dass die Bewerber eine Affinität zum Lebensmittel-Einzelhandel und Unternehmergeist mitbringen. „Sie sollten zudem eine konkrete Vorstellung haben, was sie als selbstständige Unternehmer auszeichnen soll.“
Außer kaufmännischen Fachkenntnissen sind unter anderem eine hohe Belastbarkeit und eine gewisse Gelassenheit nötig. „Man muss trotz der Verantwortung und der hohen Zahlungen, die etwa für Miete, Personal und Ware zu leisten sind, gut schlafen können“, sagt Joachim Silberzahn. Die Fähigkeit loszulassen, ist auch für Anja Schaller und Selim Bostanli von zentraler Bedeutung. Das heißt konkret: Sie vertrauen ihren Mitarbeitern und müssen deshalb nicht alles selbst machen. Schaller kann so, nachdem sie ab 5 Uhr auf der Fläche war, oft um halb zwei nach Hause gehen, um sich um ihre Kinder zu kümmern. Danach erledigt sie die Büroarbeit daheim in Ruhe. Bostanli steht in der Regel von morgens früh bis abends spät im Laden, aber er bleibt auch ruhig, wenn er einmal nicht da sein kann. Er weiß, dass sich sein Team während seiner Abwesenheit gut um den Markt kümmert. „Es ist eine Zusatzmotivation für sie, wenn sie wissen, dass der Chef ihnen vertraut“, findet er. Trotzdem: Die persönliche Einsatzbereitschaft muss hoch sein. Mindestens elf Stunden ist Bostanli täglich im Laden. „In Stoßzeiten sind es auch mal 14 Stunden“, sagt Silberzahn. „Dafür braucht man, gerade am Anfang, viel Energie“, betont Schaller.
Kontakt zum Kunden essenziell
Obwohl die drei Jungunternehmer 20 bis 30 Prozent ihrer Zeit für Büroarbeit aufwenden müssen, sagen sie alle, dass sie diese nicht so gern erledigen. Sie sind lieber auf der Fläche und halten Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden. Für alle drei ist das eine zentrale Eigenschaft für den Erfolg. „Die Kunden möchten mit der Chefin persönlich reden“, ist Schallers Erfahrung. Silberzahn profitiert von seiner in seiner Touristik-Karriere erworbenen Kontaktfreudigkeit und der „Fähigkeit, Menschen als Menschen zu achten, ungeachtet ihrer Herkunft und sozialen Stellung“.
Ob Kunde oder Mitarbeiter: Für Selim Bostanli ist entscheidend, ihnen zuzuhören, Verständnis für deren Probleme oder Beschwerden zu haben und auf ihre Themen einzugehen. „Ich begegne allen auf Augenhöhe und binde sie ein.“ Herausforderungen auf diese Weise gemeinsam anzugehen, ist seiner Meinung nach der Schlüssel zum Erfolg des Marktes: „Und der Erfolg muss ausschlaggebend sein, nicht das Geld. Wenn die Motivation nur das Finanzielle ist, kommt der Erfolg nicht.“
Rewe-Kauffrau Anja Schaller aus Vohenstrauß kann Beruf und Familie gut kombinieren – auch, weil sie ihren Mitarbeitern vertraut und Verantwortung delegieren kann.
Dass sein Name über seinem Edeka-Markt in Siegenburg steht, motiviert Selim Bostanli jeden Tag aufs Neue zusätzlich. Teamarbeit ist ihm wichtig, und so fragt er sich regelmäßig: „Wie bringe ich die Mitarbeiter dazu, sich mit der Firma zu identifizieren?“ Kontaktfreudigkeit und das verkäuferische Talent sind wichtige Qualitäten aus seiner ersten Karriere in der Touristikbranche, die Joachim Silberzahn nun auch als selbstständigem Händler in seinem Rewe-Markt in Wedemark zugute kommen.
„Entscheidend ist der Unternehmergeist“ - Fragen an Thomas Nonn, Bereichsvorstand Rewe Group
Wie viele Existenzgründer gibt es bei Rewe pro Jahr?
Thomas Nonn: Wir haben keine festgesetzte Anzahl neuer Kaufleute. Uns ist es wichtig, geeignete Bewerber zu finden, die zu uns und auch zum Standort des Marktes passen. In den letzten Jahren starteten jährlich 80 bis 100 neue Kaufleute mit uns in die Selbstständigkeit. Den größten Anteil haben dabei Expansionsstandorte. Auch Unternehmensnachfolgen innerhalb von Familien spielen eine Rolle.
Die Rewe wählt die Existenzgründer in Assessment Centern aus. Auf welche Eigenschaften achten Sie?
Entscheidend ist, dass die Bewerber eine Affinität zum Lebensmittel-Einzelhandel und Unternehmergeist mitbringen. Sie sollten zudem eine konkrete Vorstellung haben, was sie als selbstständige Unternehmer auszeichnen soll. Idealerweise haben die Bewerber eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht und mehrere Jahre Berufs- und auch Führungserfahrung gesammelt. Sollte ein Bewerber das noch nicht mitbringen, ansonsten aber geeignet sein, kann er diese Erfahrung bei uns nachholen.
Wie viel Startkapital muss ein potenzieller Rewe-Partner mitbringen?
Dies ist abhängig vom Betreibermodell, welches final gewählt wird und richtet sich beispielsweise im Partnerschaftsmodell nach der Fläche des Marktes. Das Partnerschaftsmodell der Rewe ist im LEH einmalig. Der Kaufmann/die Kauffrau gründet eine gemeinsame Gesellschaft mit der Rewe. Die Einlage muss zum Zeitpunkt der Existenzgründung nicht vollständig eingebracht werden. Es gibt im Partnerschaftsmodell Gestaltungsvarianten, und das Investitionsvolumen ist überschaubar.
Wie legen Sie fest, wer welchen Markt bekommt?
Die Standortvergabe verläuft bei uns über ein eigenes Bewerbungsverfahren. Existenzgründer finden im Rahmen dieses Auswahlprozesses besondere Beachtung.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Partnerkaufleute aus, die als Coaches für die Existenzgründer fungieren?
An erster Stelle steht die Bereitschaft, das eigene Wissen und die Erfahrung an Jungkaufleute weitergeben zu wollen. Wir sind eine Genossenschaft, daher ist diese Motivation Bestandteil unserer Kultur und die Auswahl an Coaches groß. Aber natürlich müssen auch die Rahmenbedingungen wie Zeit und räumliche Nähe vorhanden sein, damit der Austausch stattfinden kann.
Welche Aufgaben sollen diese Coaches erfüllen?
Es gibt einige Kaufleute, die im Rahmen der Einarbeitung der Jungkaufleute jeweilige Schwerpunkte vermitteln. Andere stehen den Nachwuchskaufleuten beispielsweise als eine Art Mentoren bei Fragen beratend zur Seite. Die Beteiligung an der Nachwuchsförderung kann hier verschiedene Formen annehmen.
Trotz aller Vorbereitung scheitern manche Existenzgründer. Welche Gründe hat das Ihrer Erfahrung nach?
Unsere Jungkaufleute werden intensiv ausgewählt und betreut. Wir haben in jeder Region eine eigene Abteilung, die neben dem Vertrieb für die Einarbeitung und Betreuung der Nachwuchskaufleute verantwortlich ist. National werden noch Seminare angeboten, die den Start in die Selbstständigkeit unterstützen. Mit dieser engen Begleitung werden frühzeitig die Weichen für einen erfolgreichen Start gestellt.
Wie oft misslingt die Existenzgründung bei Rewe-Partnern?
Das kann man in den vergangenen Jahren an einer Hand abzählen.
