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Rückrufe Sicher ist sicher

Dieter Druck | 02. September 2016

Sind Lebensmittel betroffen, erfährt der Warenrückruf heute eine andere Wahrnehmung bei Handel, Behörden und Verbrauchern. Die installierte Krisen-Systematik schützt. Aber im Falle eines Falles ergeben sich immer noch genug Unwägbarkeiten.

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Metallsplitter in der Pizza, Plastik im Schokoriegel, Listerien im Käse, oder eine fehlerhafte Deklaration – die Anlässe für öffentliche Produkt- rückrufe sind vielfältig, die unmittelbaren und späteren Folgen oftmals negativ, weil Lebensmittel vom Verbraucher emotionaler gesehen werden als Nonfood.

Der öffentliche Rückruf ist für Hersteller eine Ausnahmesituation. Ein Aussitzen der Krise ist bei den schnellen Medien heutzutage nicht mehr möglich und wäre wohl eher als selbstmörderisch einzustufen. „Nahezu alle Industrie- und Handelsunternehmen der Ernährungsbranche verfügen heute über ein mehr oder minder gut ausgearbeitetes Krisenmanagementsystem, das allerdings keine Garantie für ein angemessenes Vorgehen im Falle eines Falles darstellt – das zeigt zumindest unsere Beratung in einer Vielzahl von uns betreuten Krisenfällen“, berichtet Michael Lendle, Geschäftsführer der AFC Risk & Crisis GmbH in Bonn.

Im Rapid Alert System Food and Feed (RASFF), dem Europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel, sind im vergangenen Jahr 3.049 Notifikation verzeichnet. Das heißt: Europaweit werden täglich 8,3 Meldungen veröffentlicht. „Davon waren 755 Alerts, also Warnungen vor möglichen, schwerwiegenden gesundheitlichen Beeinträchtigungen“, erklärt Frederik C. Köncke, Mitglied der Geschäftsleitung beim Versicherungsmakler Robert Schüler GmbH & Co. KG. Er ist als Industrieversicherungsmakler mit Fokus auf die Nahrungs- und Genussmittelbranche tätig. Aflatoxine bei Nüssen und Nussmischungen stehen an der Spitze der Meldungen. Sie werden gefolgt von mikrobiologischen Ursachen wie z. B. Listerien und Salmonellen. Laut Köncke deutlich zurückgegangen ist die Fallzahl der vorsätzlichen Produktkontamination, das „Vergiften“ von Lebensmitteln zu erpresserischen Zwecken. Vor wenigen Jahren waren das noch 200 Fälle im Jahr, heute sind es zwischen 40 und 60.

„Ja, es sind aus unserer Sicht allgemein mehr Rückrufe bzw. Rückführungen zu verzeichnen, was darauf zurückzuführen ist, dass Behörden wie auch Industrie und Handel über die Jahre höhere Anforderungen an einen vorbeugenden Verbraucherschutz stellen und die Kommunikationswege durch die neuen Medien deutlich schneller geworden sind“, sagt Horst Lang, Leitung Bereich Qualitätssicherung/Umwelt/Arbeitssicherheit bei Globus, St. Wendel. „Aber wenn man sich die Anlässe für Warenrückrufe bzw. -rückführungen im Lebensmittelhandel genauer anschaut, stellt man fest, dass Deklarationsfehler eine bedeutende Rolle einnehmen. In vielen Fällen wird dabei die Sicherheit des Verbrauchers auch nicht gefährdet. Grund für die Rückrufe bzw. Rückführungen sind die komplexer werdenden Anforderungen an Kennzeichnungselemente.“

Ebenso registriert Lang heute ein anderes Kundenverhalten. In früheren Jahren sei beispielsweise nach einer Salmonellenkontamination eines Produktes der Markt national für Wochen zusammengebrochen. Inzwischen nehme der Verbraucher Rückrufe nicht mehr als generelle Gefahrenquelle wahr, sondern er habe aus den Rückrufen der jüngsten Vergangenheit die Erfahrung gezogen, dass das Sicherheitssystem schnell und chargengenau greife. Um das zu untermauern, erwarte Globus von seinen Herstellern im Ernstfall auch absolute Transparenz, um auf Kundenfragen in den Märkten direkt reagieren zu können. Das System bei Globus erlaube, nach Eingang der Information vom Hersteller innerhalb von zwei Stunden betroffene Ware aus den Regalen zu entfernen.

Auch die „aufklärerische“Arbeit der Vielzahl von Verbraucherschützern spielt mit hinein. Einige Marktteilnehmer sprechen schon von konstruierten Gefahren, die im medialen Aufwind schnell Verbreitung fänden. Die moderne Analysetechnik ermögliche den Nachweis, werde aber selten hinterfragt.

„Häufig werden die Begriffe Risiko und Gefahr vermischt“, konstatiert Klaus Mayer, Leiter des Rewe Group Qualitätsmanagement. „Wir haben es also oftmals mit rein hypothetischen Diskussionen zu tun. Wenn ich von einem Lebensmittel mehrere 100 kg täglich zu mir nehmen muss, um eine mögliche, gesundheitsbeeinträchtigende Konzentration eines Stoffes zu haben, dann ist das aus meiner Sicht schlicht hysterisch. Davon darf man sich aber nicht anstecken lassen. Einem Rückruf vorgeschaltet muss immer die Analyse von Fakten sein.“