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Interview mit Maria Flothkötter Wunsch und Wirklichkeit

Nicole Ritter | 24. Juni 2016


Interview mit Maria Flothkötter: Wunsch und Wirklichkeit
Bildquelle: Stefan Mugrauer

Was ist gut für Kinder? Beim Thema Essen beschäftigt diese Frage Eltern, Hersteller und Handel. Eine Einschätzung aus der Sicht von Ernährungswissenschaftlerin Maria Flothkötter, Leiterin des Netzwerks „Gesund ins Leben“

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Eigentlich wissen viele Eltern über eine gesunde Kost für die Kleinsten gut Bescheid. Oft hakt es jedoch an der Umsetzung: Die einen sind nicht firm im Kochen, die anderen haben keine Zeit dazu, wieder andere essen überwiegend außer Haus. Hinzu kommt, dass Eltern zum Teil widersprüchliche Informationen erhalten, sei es zur veganen Kost oder zu Nahrungsmittelallergien. Schließlich ist das Lebensmittelangebot im Handel – auch speziell für Kleinkinder – in den vergangenen rasant gestiegen. Das macht die Entscheidung der Eltern für eine geeignete Lebensmittelauswahl nicht immer einfach. Wie wirken sich hierzulande diese „Umstände“ auf die Kleinkindernährung aus? Dazu gibt es eine ganze Reihe von Trends und Fakten: Die Ernährungssituation von Kleinkindern ist in Teilen zufriedenstellend. Vor allem bei der Lebensmittelauswahl ist noch Luft nach oben. Lebensmittel für die Kleinen erobern den Markt: Kindermilch und conveniente Beikostprodukte (1 bis 3 Jahre) sind gefragter denn je. Zugesetzte Vitamine und Mineralstoffe in Produkten beruhigen das Gewissen mancher Eltern.

Der Trend zur vegetarischen und veganen Ernährung schwappt auch auf die Jüngsten über. Nahrungsmittelallergien und -unverträglichkeiten bzw. der Verdacht darauf beschäftigen viele Eltern. Immer mehr Kleinkinder werden zudem tagsüber in Kindertageseinrichtungen betreut und nehmen dort an der Gemeinschaftsverpflegung teil. Ernährungswissenschaftlerin Maria Flothkötter hilft bei der Einschätzung.

Welche Ernährungsempfehlungen gelten für Kleinkinder?
Maria Flothkötter: Wir empfehlen eine ausgewogene und abwechslungsreiche Familienernährung. Sie enthält reichlich Getränke, am besten Wasser oder andere ungesüßte/zuckerfreie Getränke, reichlich pflanzliche Lebensmittel wie Gemüse und Obst, Getreide/-produkte und Kartoffeln, mäßig tierische Lebensmittel wie Milch/-produkte, Fleisch, Fisch und Eier, sparsam Zucker und Süßigkeiten, Salz und Fette mit hohem Anteil gesättigter Fettsäuren sowie Snackprodukte. Kleinkinder sollten drei Haupt- und zwei Zwischenmahlzeiten in einem regelmäßigen Rhythmus bekommen.


Das sind die Empfehlungen. Und wie sieht die Realität aus?
Verschiedene Studien haben die Ernährungssituation von Kleinkindern in Deutschland unter die Lupe genommen. Die Ergebnisse zeigen, dass Kleinkinder im Durchschnitt zu wenig Gemüse, Brot, Beilagen (z. B. Kartoffeln, Reis und Nudeln) und Fisch essen. Anders sieht es bei Fleisch, Wurst und Eiern aus. Davon essen Kleinkinder mehr als empfohlen wird. Der Süßigkeitenkonsum ist sogar deutlich zu hoch. Milch und Milchprodukte verzehren Kleinkinder in der empfohlenen Menge. Hinzu kommt, dass viele Kinder keine regelmäßigen Mahlzeiten essen.

Wie kann es gelingen, die Ernährungssituation von Kleinkindern zu verbessern?
Die Ernährung von Kleinkindern ist in der Regel ein Abbild der Ernährung der Erwachsenen/der Eltern. Wenn zu Hause von Anfang an viel Gemüse und Obst kindgerecht angeboten wird, essen Kinder mehr Gemüse und Obst, das ist belegt. Sie lernen das gesunde Essen durch Nachmachen, aber auch durch eine frühe geschmackliche Prägung – hierfür sind die ersten drei Lebensjahre besonders relevant. Wenn Kinder dann noch an der Zubereitung von Mahlzeiten beteiligt werden, Lebensmittel mit allen Sinnen erkunden dürfen, werden sie leicht zu Gemüsefans.

Immer mehr Kleinkinder-Lebensmittel mit der Angabe „1 bis 3 Jahre“ erobern den Markt. Sind z. B. Beikost-Produkte eine Alternative zu einer selbst zubereiteten Mahlzeit?
Wir empfehlen, dass Kinder spätestens im Kleinkindalter am Familienessen teilnehmen. Sie brauchen keine speziellen Produkte. Wenn die Zeit aber mal knapp ist, können beispielsweise Beikost-Menüs eine Alternative zu einer ausgewogenen selbst zubereiteten warmen Mahlzeit sein. Eltern sollten bei der Auswahl von Beikost-Menüs darauf achten, dass sie z. B. je eine Portion Gemüse, Beilage wie z. B. Kartoffeln, Reis oder Nudeln sowie Fleisch enthalten.