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Obst und Gemüse Höhere Preise, große Chancen

Lebensmittel Praxis | 17. April 2020
Obst und Gemüse: Höhere Preise, große Chancen
Bildquelle: christoph goeckel

Gesunde Ernährung: Diese ist seit der ersten Hamsterwelle immer deutlicher in den Kundenfokus gerutscht. Dabei zeigt sich: Das gesamte Segment ist teurer geworden, nicht nur wegen Corona. Deutlich wird aber auch: Gerade heimische Produkte, am liebsten direkt aus der Region, stehen beim Kunden hoch im Kurs – und bieten zahlreiche Chancen für den Abverkauf.

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Das Geschäft mit Obst und Gemüse läuft gut: Von Plus 23 Prozent im Umsatz berichtet beispielsweise Edekaner Michael Seidl aus Kulmbach allein zu Ostern. Plus 18 Prozent meldet die Lüning Handelsgesellschaft zu Ostern. Bei der Erzeugergemeinschaft Landgard ist man zwar verhaltener, aber dennoch positiv. „Generell unterliegt der Bereich Obst & Gemüse ja immer saisonbedingten Schwankungen, die sich je nach Witterungsbedingungen unterschiedlich stark auswirken“, heißt es dort. „ Im Zuge der Corona-Pandemie verzeichnen wir insgesamt bei den meisten Produkten eine Nachfrage, die leicht über den Vergleichswochen des Vorjahres liegt. Dies ist sicherlich auch darauf zurückzuführen, dass die Verbraucher mehr selbst kochen und der Außer-Haus-Verzehr im Zuge der Corona-Krise gesunken ist.“ Einen sprunghaften Anstieg des Sortiments im Rahmen der „Hamsterwelle“ konnten die Niederrheiner aber offenbar nicht beobachten.

Das Sortiment ist teurer geworden

Insgesamt ist Gemüse um knapp 27 Prozent teurer geworden ist, wie die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft (AMI) derzeit vorrechnet. Bei Obst sind es plus 13 Prozent. Das liege aber, wie viele andere Preissteigerungen auch nicht unbedingt an Corona, wie zum Beispiel die Schweinefleischpreise (Grund: die afrikanische Schweinepest ASP China) oder die Apfelpreise (kleinere europäische Ernte 2019/20), erläutert Hans-Christoph Behr, Bereichsleiter Gartenbau, Ökologischer Landbau und Verbraucherforschung bei der AMI.

„Andererseits zeigen Gemüsearten aus Spanien (Eissalat, Broccoli, Zucchini, Paprika) erhebliche Preissteigerungen“, so Behr weiter. Zumindest bei den Freilandgemüsen Eissalat und Broccoli spielten die Saisonarbeitskräfte eine große Rolle. Bei Bundzwiebeln und Radieschen, die jetzt schon in der Pfalz geerntet werden, spielten die Verknappung beziehungsweise die produktivitätsmindernden Auflagen ebenfalls eine Rolle für Preisaufschläge. „Das wird vermutlich so bleiben, zumindest bei den Arten, die nicht maschinell geerntet werden können (also nicht bei Zwiebeln, Möhren etc.).

Bei Spargel sei der Preisauftrieb begrenzt, so Behr, da nicht nur das Angebot sinke, sondern auch die Nachfrage, denn hier gehen offenbar nach groben Schätzungen 20 bis 30 Prozent in den Außer-Haus Verzehr, der nun wegfalle.

„Bei Erdbeeren waren die Preise bislang sogar etwas unter Vorjahresniveau, das Einkaufen ist ja im Moment nicht spaßig, deshalb meidet man anscheinend sehr schnell verderbliche Arten“, so der AMI-Experte Behr. „Da die Erzeugerpreise aktuell aber vor allem durch höhere Personal- und Erntekosten bereits über dem Vorjahresniveau liegen, rechnen wir aufgrund der aktuellen Situation damit, dass es unabhängig von der Anbaumethode bei Erdbeeren und Spargel eine Preissteigerung geben wird“, meint auch Landgard. Gerade bei Erdbeeren sei jedoch davon auszugehen, dass der LEH die Verkaufspreise nicht zu hoch ansetzen wird, da die Endverbraucher sich in den nächsten Monaten im Verkaufsverhalten vermutlich eher zurückhalten werden. Landgard: „Mit außergewöhnlich hohen Preisen ist daher auch aus unserer Sicht nicht zu rechnen.“

Welche Sortimente Sie jetzt pflegen sollten

Natürlich, Zitrusfrüchte wegen Vitamin C, Salate als frische Beilage, Bananen als Klassiker – mit dem ganzen Sortiment ist derzeit gut punkten, trotz der höheren Preise. - „Zitrusprodukte wie Mandarinen, Orangen und Zitronen haben sich, sowohl in den Hamsterwochen als auch bis Ostern, mit Zuwachsraten von 20 bis 30 Prozent am Besten entwickelt“, bestätigt SanLucar.

Erdbeeren: Zumindest bei den nach den Äpfeln zweitbeliebtesten Obst, den Erdbeeren, scheint die Welt derzeit in Ordnung. „In ganz Deutschland stehen Erdbeerpflanzen gut da“, heißt es beim Verband der Süddeutschen Spargel- und Erdbeeranbauer (VSSE). Nach einem sehr milden Winter hätten die Kulturen bisher die Spätfröste, soweit man dies schon sagen könne, gut überstanden. „Die günstige Witterung und die Sonnenstunden lassen die Saison gut beginnen“, betont der Verband. Während die Ernte in Süddeutschland derzeit richtig startet, setzt sie in den restlichen Regionen etwas später ein. „Wir freuen uns auf eine Saison mit aromatischen Früchten gesunder Erdbeerpflanzen“, erklärt Simon Schumacher, Vorstandssprecher des Verbands.

Die Startbedingungen für die anstehende Erdbeersaison bewertet auch die AMI aufgrund der aktuellen Marktlage als gut. „Aus Spanien kommen wegen der Corona-Krise vergleichsweise wenig Erdbeeren. Dort gibt es auch einen Erntehelfermangel, so dass nicht alle Erdbeeren geerntet werden können. Auch ist der Transport für die sensiblen Früchte erschwert. Es gibt deswegen wenig Erdbeeren auf den Großmärkten“, erklärt Michael Koch, stellvertretender Bereichsleiter Gartenbei bei der AMI. Der Selbstversorgungsgrad, der Anteil deutscher Erdbeeren an der gesamten Marktversorgung, lag laut AMI im vergangenen Jahr bei 55 Prozent.

Spargel: Den gibt es reichlich in allen deutschen Bundesländern. 2019 waren es insgesamt 1.630 Betriebe, die Spargel anbauten, vor allem in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Geerntet wurden 2019 rund 131.000 Tonnen, so das Bundesinformationszentrum für Landwirtschaft (BZL). „Wie sich der Markt und die Preise für Saisonwaren wie Spargel oder Erdbeeren entwickeln, ist erst in den nächsten Wochen im Laufe der Saison konkret zu beantworten“, fasst Landgard zusammen. Jetzt käme es darauf an, die Ernte mit ausreichend vorhandenem Personal einzufahren: „Wenn dies gelingt und das Wetter mitspielt, gehen wir aus heutiger Sicht trotz allem von einem relativ normalen Saisonverlauf und gleichbleibenden Erntemengen zum Vorjahr aus.“

Rhabarber: Nummer drei im heimischen Frühjahrssortiment ist der Rhabarber. Derzeit ebenfalls in der Ernte und oft aus der direkten Nachbarschaft lohnt sich eine Platzierung mit Rezepten und Verbundprodukten für Kuchen oder Kompott. Übrigens boomen gerade Rezepte aus der asiatischen Küche mit Rhabarber: Mit Ingwer angedünstet, gibt es asiatischen Fisch- oder Tofugerichten eine besondere Note. Die Anbauflächen für Rhabarber wachsen jedenfalls: Waren es 2017 noch 1.138 Hektar, wurden 2018 bereits auf 1.208 Hektar und im vergangenen Jahr (2019) auf 1.304 Hektar Rhabarber angebaut – immerhin rund 24.000 Tonnen (2019). Das meiste davon in den beiden wichtigsten Anbauregionen NRW und Rheinland-Pfalz.

Pilze: Da wo mehr zuhause gekocht wird und mehr Wert auf frischer Salate gelegt wird, kommen frische Pilze ins Spiel. Seit Kalenderwoche 9, also gleich zu Beginn des „Stayhome“-Zeitraum ist diese Warengruppe laut den Marktforschern von IRI im steilen Aufwind. Nach einem schlechten Jahresanfang von teilweise rund 16 Prozent Minus zog das Geschäft mit Champignons und Co. stark an – in KW 9 gleich um plus 25 Prozent. Nach einem starken Peak in KW 12 (plus 104 Prozent) kamen die Pilze in der Osterwoche auf ein Plus von 64 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung zeigten übrigens auch getrocknete Pilze.

Kräuter, Rettich, Radieschen: Hier kann ein starker Fokus auf Heimat gelegt werden. Radieschen beispielsweise werden auf 2019 auf 3.425 Hektar bundesweit angebaut. Die Erntemenge belief sich auf ca. 79.500 Tonnen.. Das macht immerhin ca. 160 Mio. Bund (Quelle: AMI, Destatis).

Gurken, Tomaten und & Co.: Die ersten frischen regionalen Gurken und Tomaten aus unbelichtetem geschütztem Anbau waren in kleineren Mengen bereits seit Ende Januar beziehungsweise Ende März erhältlich, meldet die Erzeugergemeinschaft Landgard. Mitte März konnten außerdem erstmals am Niederrhein auch frische Auberginen geerntet werden. Dank der vielen Sonnenstunden der letzten Wochen hat nun die Haupternte von Mini- und Schlangengurken, Cherry-, Cherryromarispen-, Eier-, Dattel-, Cocktail- und Rispentomaten begonnen. Anfang Mai starten die Landgard-Mitgliedsbetriebe mit der Ernte von frischen Block- und Spitzpaprika.

Äpfel: Verpackt müssen sie sein

Die Folgen des Lockdowns sind auch bei Äpfeln deutlich sichtbar. - „Über 50 Prozent mehr Nachfrage nach Äpfeln seit der Hamsterwelle bis über Ostern hinaus“ meldet SanLucar. „Wir haben unsere Kunden in Spanien, Deutschland und Großbritannien über den Verlauf in Italien informiert – die Reaktion war aber auch dort dieselbe: Nach Ankündigung des Lockdowns schnellten die Anfragen in die Höhe, ehe sie in der Woche darauf zurückgingen und sich schließlich wieder einpendelten“, erklärt beispielsweise Verkaufsleiter Klaus Hölzl vom Verband der Südtiroler Obstgenossenschaften (VOG).

Beispiele für geänderte Konsumgewohnheiten sind der rasante Anstieg an Online-Einkäufen und Hauszustellungen im Bereich Obst und Gemüse. Ein Trend, den es noch vor wenigen Wochen in ganz Europa kaum gab. Direkt mit der Corona-Krise zusammen hängt auch die gestiegene Nachfrage nach verpackten Produkten. Im VOG werden im Schnitt etwa 25 Prozent der Ware verpackt verkauft. „Die Nachfrage der Märkte ist auch in diesen Tagen hoch und wir müssen die Abverkäufe gut planen, damit wir unsere Kunden wie gewohnt bis zum Übergang zur neuen Ernte bedienen können,“ betont VOG-Direktor Walter Pardatscher.

Bananen: Hier muss den Kunden erklärt werden, warum Bananen derzeit grün verkauft werden. „Die Auswirkungen der Covid-19-Pandemie beeinträchtigen das globale Wirtschaftsgefüge“, heißt es beim Aktionsbündnis für nachhaltige Bananen (ABNB), dem unter anderem auch Chiquita angehört. „Die Produktion wird eingeschränkt, der internationale Handel gestört und das weitere Konsumverhalten ist aktuell unvorhersehbar.“ Das ABNB macht deutlich, dass auch an den Arbeitsplätzen in der Bananenproduktion Risiken der Übertragung von Viren bestehen und die Produktsionsprozesse daher umgestellt werden müssen. „Beispielsweise müssen Abstände im Feld und in den Packhäusern vergrößert werden, so dass weniger Arbeiter zeitgleich ernten oder packen können; zudem muss in Mundschutz und Desinfektionsmittel investiert werden“, erläutert das Bündnis.

Die Maßnahmen hätten aber auch den Effekt, dass für den Bananenexport wichtige Produkte wie Pflanzenschutz- und Düngemittel, Verpackungsmaterialien oder Schiffscontainer zunehmend in geringerem Maße verfügbar seien.

Die Bearbeitungszeit aufgrund fehlenden Personals bei Export- und Importhäfen ist enebso erheblich länger geworden, weshalb die globale Logistik ins Stocken gerät. „Dies führt ebenso wie dem aktuell erratischen Käuferverhalten dazu, dass für die Verbraucher sichtbare Effekte entstehen“, erklärt das ANBN. Durch die Engpässe müssen Bananen im Supermarkt momentan häufiger im unreiferen grünen Stadium oder in einem überreifen Stadium verkauft werden.

Die Bananenlieferkette stelle sich, so versichert das ANBN derzeit auf die Auswirkungen ein. Jedoch sei momentan unklar, wie sich die Situation im Sektor weiterentwickelt. Die Ausgangsbeschränkungen seien in vielen lateinamerikanischen Staaten deutlich weitreichender als in Deutschland und werden teilweise durch das Militär durchgesetzt.

„Aufgrund fehlender staatlicher Sicherheitsnetze, mangelnder Krankenversicherungen und des schlechten Zustands der Gesundheitssysteme sind allerdings alle Arbeiterinnen und Kleinbauern auf die Weiterbeschäftigung angewiesen“, so das ABNB eindringlich.

Das Bündnis fordert auf, mit den Partnern in der Lieferkette kurz-, mittel- und langfristig nach Lösungen zu suchen, wie die Effekte der Pandemie eingedämmt und diesen begegnet werden kann: „In Zeiten der Krise ist es umso notwendiger, den Preiskampf um Bananen auszusetzen und die Produzenten über faire Preise dabei zu unterstützen, ihre Produktion langfristig und nachhaltig „am Laufen“ zu halten.“

Wermutstropfen: FreshCut/vorbereitete Convenience bei Obst und Salat

Etwas salopp ausgedrückt, bringt es dieses Sortiment derzeit nicht. Laut IRI hat das Segment seit Kalenderwoche 7 sehr schwer, also schon ganz zu Beginn der „wir gehen ins Home-Office-Bewegung“. Und aus den minus 13 Prozent damals sind in der Osterwoche über minus 45 Prozent geworden.

Beeren/Trauben: Hier lohnt sicher eher – wie auch häufig in den Märkten sichtbar – der Fokus auf frischen Beeren, durchaus auch als Mix-Packung oder auf fertig vorbereiteten Granatapfelkernen, die gut im Salat verwendet werden können. „Heidel- und Himbeeren entwickeln sich stabil“, heißt es auch bei SanLucar rückblickend auf die letzten Wochen. „Trauben wurden in der Hamsterphase etwas schwächer gekauft, haben sich dann aber wieder stabilisiert.“ Dafür sprechen auch die laut AMI gesunkenen Preis für Beerenobst. Nutzen Sie dieses Momentum.

Regionalität ist das neue Bio oder der Wochenmarkt ist „in“

„Lokale Bindungen werden die Wirtschaft stärken“, sagt Ex-Metro-Kommunikationsmann Michael Wedell, der heute Unternehmensberater ist. Nicht zuletzt der Lebensmittelhandel zeige in diesen Wochen, wie er den Menschen die „Sorge um ihre Versorgung“ nehme. „Gleichzeitig verstehen die Menschen durch die Krise mehr denn je, wie eng sie mit ihren lokalen Unternehmen verbunden sind“, betont Wedell und führt aus, dass das Gleiche auch für Unternehmen gelte: „Sie merken, wie sehr sie Transparenz in der Lieferketten benötigen.“

Deutliches Zeichen dafür ist auch der Anstieg der Einkäufe auf den Wochenmärkten: Im Februar 2020 wurde in Deutschland dort real (preisbereinigt) 8,2 Prozent mehr Umsatz als im Vorjahresmonat erzielt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, konnten Verkaufsstände und Märkte damit im Februar ein höheres Umsatz-Plus verbuchen als der Einzelhandel insgesamt (plus 6,4 Prozent). Ein möglicher Grund für diesen überdurchschnittlichen Anstieg könnte sein, meinen zumindest die Analysten von Destatis, dass Verbraucherinnen und Verbraucher an Verkaufsständen und auf Märkten eine niedrigere Ansteckungsgefahr vermuten, da der Einkauf dort überwiegend unter freiem Himmel stattfindet.

Es ist auch denkbar, dass einige europäische Länder einem regionalen Beispiel folgen: Das ärmste EU-Land Bulgarien hat zum Schutz heimischer Agrar-Erzeuger in der Corona-Krise die Handelsketten verpflichtet, regionale Produkte anzubieten. Dabei handelt es sich um Milch und Milcherzeugnisse, Fisch, Fleisch, Eier, Honig sowie Obst und Gemüse. Die Verkaufsstände müssen eine ausreichende Fläche haben und speziell gekennzeichnet sein. Damit sollen die kleinen regionalen Erzeuger unterstützt werden und ihr Gewerbe erhalten bleiben, erläuterte die Regierung in Sofia. In dem EU-Land sind sowohl heimische als auch ausländische Handelsketten tätig – wie etwa Billa, Kaufland, Lidl und Metro. Die ausländischen Ketten haben auch jetzt bulgarische Erzeugnisse im Angebot – allerdings nicht an Spezialständen. In den großen Supermarktketten sind Schätzungen zufolge etwa 80 Prozent des Angebots an Obst und Gemüse importiert.

Hauptproblem: Erntehelfer finden

„Dennoch ist der Erntehelfermangel durch die Corona-Krise zu einem massiven Problem geworden. Die Ernte wird sicher nicht so hoch ausfallen wie in den vergangenen Jahren“, fürchtet Simon Schumacher vom VSSE für die heimische Erdbeerernte. Zumindest habe die Sorge um die ausbleibenden Erntehelfer und Erntehelferinnen hat die Erdbeerproduzenten und-produzentinnen in den vergangenen Wochen stark beschäftigt. Katrin Hetebrügge, Erdbeeranbauberaterin in Hessen, stellt fest: „Reine Anbaufragen sind wegen der Saisonarbeitskräfte in den Hintergrund gerückt.“

Die zusätzliche Anwerbung und Einführung von inländischen Arbeitskräften seien für die Betriebe sehr zeitaufwendig, erläutert der VSSE. Gleichzeitig sind offenbar viele Anbauer positiv überrascht über die zahlreichen Rückmeldungen aus der Bevölkerung. Christof Steegmüller, Erdbeeranbauberater für Baden-Württemberg und der Pfalz, schätzt die Situation folgendermaßen ein: „Die Saison wird sehr holprig werden. Wir hoffen, dass uns die regionalen Helfer erhalten bleiben, wenn es die kommenden Wochen richtig los geht. Wir rechnen damit, dass wir 60 bis 70 Prozent der Erdbeeren pflücken werden können.“

Der Deutsche Bauernverband (DBV), der Gesamtverband der Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA), der Bundesausschuss Obst und Gemüse (BOG), die Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO, der Deutsche Raiffeisenverband (DRV) und der Zentralverband Gartenbau (ZVG) verwalten und vermitteln per Internetportal Helfer an die Mitglieder. „Die erste Woche ist ordentlich angelaufen“, sagte Bauernpräsident Joachim Rukwied. Auf der Plattform hätten sich inzwischen mehr als 1.500 Betriebe mit 23.500 Erntehelfern für die Arbeit in Deutschland registriert – darunter 16.500 für April und 7.000 für Mai. In diesen beiden Monaten sollen nach einer Regelung der Bundesregierung insgesamt 80.000 Kräfte unter strengen Gesundheitsauflagen eingeflogen werden können. Rukwied sagte: „Wir sind erleichtert, dass eine Lösung für die Einreise der Saisonarbeiter gelungen ist. Die Betriebe sind arbeitsfähig.“

Die Entwicklung im zweiten Halbjahr sei aber noch offen. Es folge ein zweiter Schwerpunkt bis September und Oktober mit der Obsternte und Weinlese. Derzeit gebe es noch eine Lücke von etwa 150.000 benötigten Kräften.

Gleichwohl darf auch für die Erntehelfer der Schutz nicht vernachlässigt werden. „Der Tod eines rumänischen Erntehelfers in Bad Krozingen ist schrecklich und muss alle an ihre besonders hohe Verantwortung für das Leben der Saisonarbeitskräfte erinnern“, betont die Agrarpolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, Dr. Kirsten Tackmann. „Wenn der Infektionsschutz für Saisonarbeitskräfte nicht sicher umgesetzt wird, ist ihr Einsatz unverantwortbar.“ Die ausländischen Saisonarbeitskräfte sind die am meisten sozial benachteiligte Gruppe in der Landwirtschaft, so Dr. Tackmann weiter, obwohl sie auch zu unserer Versorgungssicherheit mit Lebensmitteln aus einheimischer Produktion in den nächsten Monaten wesentlich beitragen.

Dürre und Schädlinge: Die nächsten Katastrophe drohen

Doch leider ist der Virus nicht die einzige Katastrophe, die den Obst- und Gemüse-Sortimenten droht. Die anhaltende Dürre – derzeit auch noch häufig in Verbindung mit Nachfrösten – ist Gift für die gerade eingebrachten Saaten oder für den Obstanbau. Das trockene und teilweise sehr warme Wetter der vergangenen Wochen hat die Wasservorräte in den Böden schrumpfen lassen, kommentiert der Deutsche Raiffeisenverband (DRV). „Waren Anfang März noch viele Äcker aufgrund starker Niederschläge unbefahrbar, hat sich die Situation fast flächendeckend umgekehrt: Wir brauchen dringend Regen“, betont Guido Seedler, der Getreidemarktexperte des DRV. Zeigten die Kulturen im Vormonat noch einen deutlichen Vegetationsvorsprung, so ist dieser durch die Fröste der vergangenen zwei Wochen nahezu auf Null zurückgegangenen, berichtet der DRV weiter.

Auch wenn die Wasservorräte im Boden noch gut gefüllt seien, habe das warme Wetter und der starke Wind der vergangenen Tage die Verdunstungsrate deutlich erhöht, ergänzt der Landvolk-Verband aus Hannover. Besser wäre ein stetiger Wechsel zwischen Regenschauern und wärmeren Tagen. Nicht optimal sei derzeit auch der Wechsel zwischen warmen Tagen und kühlen, frostigen Nächten.

Und dazu kommt noch: Als Folge des warmen Winters rechnen die Landwirte laut den Experten vom Landvolk-Verband auch mit dem verstärkten Auftreten von Schädlingen.