Globus Essen Die freundliche Übernahme

Umflaggen – das hört sich so einfach an: neues Schild an den Eingang, Schürzen und Kittel ändern ihre Farbe. Was aber bedeutet es für die Mitarbeiter, das Unternehmen zu wechseln? Eindrücke aus dem Kronenberg Center in Essen, wo aus Real Globus wurde.

Freitag, 28. Januar 2022 - Ladenreportagen
Heidrun Mittler
Artikelbild Die freundliche Übernahme
Bildquelle: Peter Eilers

Fragezeichen im Kopf: Tarik Danaci erinnert sich noch genau an den 13. September 2018. An diesem Tag hat der damalige Geschäftsleiter zweier Real-Standorte erfahren, dass Metro die Tochterfirma Real verkaufen wird. „Ein ungutes Gefühl“, sagt er. „Wir Mitarbeiter wussten ja nicht, was auf uns zukommt.“

Danaci ist ein lebensfroher, quirliger Mensch, der sich spaßeshalber selbst als „türkischen Italiener“ bezeichnet. Kein Wunder: Viele, die ihn zum ersten Mal treffen, halten ihn für einen Italiener – wegen seines Temperaments, aber auch seines Aussehens.

Vor 24 Jahren ist der gebürtige Türke mit seinen Eltern nach Deutschland migriert. Ein halbes Jahr später hatte er seinen ersten Job als Warenverräumer bei Real. Schnell merkte er, dass Handel genau das Richtige für ihn ist. 2013 dann hatte er es zum Geschäftsführer gebracht – dank seines Einsatzes, aber sicher auch aufgrund der guten Förder- und Weiterbildungsprogramme bei Real. Ein loyaler Angestellter also, der Real viel zu verdanken hat.

Nach der Ankündigung des Verkaufs gab es in der Belegschaft lange Monate des Wartens und Zweifelns: Wer würde den Standort, der 2013 eröffnet worden ist, übernehmen? Und wie viel Personal würde der neue Eigentümer benötigen?

Erst Anfang des Jahres 2021 hatten die Angestellten im Kronenberg Center Gewissheit: Globus, das Familienunternehmen aus dem Saarland, würde den Standort weiterführen, komplett mit allen 116 Mitarbeitern. Ein Aufatmen ging durch die Belegschaft. „Glück gehabt“, so die Meinung der meisten Beschäftigten. Diese Ansicht teilt auch Tarik Danaci: „Globus hat einen guten Ruf als Arbeitgeber, wir hier in Essen haben die Übernahme freudig erwartet.“

„Die Umflagg-Phase ist immer schwierig“, weiß Marco Wuschisch, der als Vertriebsleiter derzeit 16 Globus-Standorte betreut. Nicht nur für die Mannschaft, die den Umbau managt, auch für die Mitarbeiter: Sie streifen nicht nur einen anderen Kittel über, sondern sollen auch die neue Firmenphilosophie in sich aufsaugen.

Wuschisch bringt Erfahrungen aus mehreren Handelsunternehmen mit, seit 15 Jahren arbeitet er bei Globus. Die Eingliederung neuer Märkte läuft bei den Saarländern übrigens unter dem Begriff „Goethe-Projekt“. Damit bezieht man sich auf die Hymne des deutschen Dichters an das Straßburger Münster, in der Goethe unter anderem von vollkommener Baukunst und Schöpferkraft schwärmt.

Im Handelsalltag sind die Fragestellungen allerdings ganz irdischer Natur: Zuerst einmal müssen die Globianer, wie sie sich selbst nennen, den „Neuen“ die Abläufe erklären. Der Vertriebsleiter weiß nur zu gut, dass jedes Handelsunternehmen anders tickt: Wer entscheidet übers Sortiment, bestellt welche Ware? Wer schaltet die Werbung dazu? Wer darf überhaupt welche Entscheidungen treffen?

Den Grundstein für das künftige Miteinander haben Globus-Führungskräfte schon im Mai gelegt. Geschäftsführer Uwe Wamser, der in der Koordination für die Personalfragen zuständig ist, hat alle Mitarbeiter persönlich getroffen – coronabedingt in mehreren Kleingruppen. Bei dieser Gelegenheit wurden die Real-Mitarbeiter über eine wichtige Voraussetzung informiert: Alle wurden „entfristet“, also von Globus unbefristet eingestellt. In den letzten drei Jahren konnten die Real-Verantwortlichen Mitarbeiter nur noch mit Zeitverträgen einstellen.

Am 1. Juli 2021 wurde die Verkaufsfläche für zwei Wochen geschlossen und umgebaut. Wuschisch erläutert die drei wichtigsten Schritte während der Umbauphase: eine neue, größere Obst- und Gemüse-Abteilung, als Frischemagnet gleich am Eingang des Marktes. Durchgehend neue Regale. Und der komplette Austausch des Kassensystems.

Geänderte Abläufe erproben
Dann galt es, die neuen Abläufe und Systeme zum Laufen zu bringen. Dazu waren zahlreiche Mitarbeiter der Globus-Koordination und aus anderen Filialen im Einsatz. Aus allen Bereichen: vom Kassenleiter über Lagermitarbeiter bis zum Teamleiter und Geschäftsführer. Tarik Danaci war erstaunt, dass sogar die Inhaber des Unternehmens greifbar sind, so konnte er mit dem Gesellschafter Matthias Bruch bei einer Tasse Kaffee viele Fragen klären – und Fragezeichen im Kopf ausradieren.

Wie man die Umstellung in der Praxis bewältigt? Durch Schulungen, gemeinsames Arbeiten, Reden, Zuhören. „In 14 Tagen kann man einen Markt zwar umflaggen. Aber mit ein paar Wochen Betreuung der Mitarbeiter ist es nicht getan“, weiß Wuschisch aus eigener Erfahrung. „Die Menschen müssen auch die Chance bekommen, das Neue auszuprobieren.“ Zur Integration gehöre zwingend auch „eine Fehlertoleranz“, oder, wie der Vertriebsleiter sagt: „Wir brauchen mehr Austausch, weniger Korrektur.“ Zu diesem Zweck erhalten die neuen Führungskräfte Unterstützung von erfahrenen Kollegen aus anderen Filialen.

Marktchef Danaci hat viel von seinem „Paten“ gelernt: Patrick Schlüter, Geschäftsleiter des Koblenzer Globus – ein Austausch, von dem beide profitieren können. Mittlerweile ist Danaci fit im Umgang mit den neuen Systemen, jetzt kann er sich wieder mehr auf seine Kernkompetenzen konzentrieren. Er war und ist geschickt im Umgang mit Menschen, erkennt Probleme, redet mit den Mitarbeitern und versucht, Schwierigkeiten zu beseitigen. Dabei kommt ihm zugute, dass sein Teamleiter Food ein erfahrener Kollege ist, der seine Truppe auf der Fläche gut kennt und weiß, wer was leisten kann.
Vertriebsleiter Wuschisch bringt die Anforderungen auf den Punkt: Aufgabe des Führungsteams ist es, zu erkennen, was den Mitarbeiter daran hindert, seine Aufgaben bestmöglich zu erfüllen. Dabei wird er immer wieder überrascht: „Im Gespräch erkenne ich Fähigkeiten der Mitarbeiter, die ich gar nicht erwartet hätte.“ Was er aber auch weiß: „Wer mit 100 Menschen arbeitet, kann niemals alle 100 glücklich machen.“

Während die Real-Beschäftigten auf der Fläche allmählich immer mehr zu Globianern werden, steht das Goethe-Team vor weiteren Aufgaben. Eine gewichtige: Man will die Produktion vor Ort ausbauen. Schließlich ist der „produzierende Händler vor Ort“ ein wichtiges Argument in der Konkurrenz zu anderen Handelsunternehmen. Ziel ist, zeitnah eine eigene Bäckerei und Metzgerei aufzubauen, auch der Metzgergrill soll umgestaltet werden. Wer selbst produziert, braucht Platz für die Fertigung – und noch viel mehr Platz für Kühlung. Kein einfaches Unterfangen also, aber noch im Frühjahr soll die Eigenherstellung in Essen anlaufen.

Doch damit nicht genug: Zeitnah wollen die Verantwortlichen im Kronenberg Center eine eigene Gastronomie aufbauen und die Fischtheke in den Markt holen. Die Umsetzung dürfte knifflig werden, schließlich muss das Unternehmen als Hauptmieter des Centers auf die Konzessionäre in der Mall Rücksicht nehmen. Schon jetzt zeichnet sich laut Wuschisch ab, „dass nicht alle bisherigen Mieter gut zu uns passen“.

Die Rekrutierung geeigneter Mitarbeiter stellt branchenweit alle Handelsunternehmen vor große Herausforderungen. Dabei profitiert das Goethe-Team davon, dass nicht alle Real-Märkte weiter betrieben werden. Den von der Schließung Betroffenen macht Globus das Angebot, in anderen Märkten zu arbeiten. Wenn Flächen länger umgebaut werden, können die Beschäftigten übergangsweise in bestehenden Globus-Häusern arbeiten. Das Unternehmen organisiert zu diesem Zweck Busse, um die Personen zu transportieren. Das ist dann quasi ein Praktikum, die Verkäufer können schon einmal ein paar Wochen Globus-Luft schnuppern und mit anpacken.

Trotzdem, so Wuschisch, sei Recruiting „ein schwieriges Thema“, besonders mit Blick auf die Produktionsabteilungen. Er ist froh, dass er gerade wieder 30 gute Bewerber, darunter auch künftige Auszubildende, einstellen konnte und jetzt alle Positionen in Essen besetzt hat.

Teamleiter mit neuen Aufgaben
Natürlich läuft nach der Übernahme im Kronenberg Center Essen noch nicht alles reibungslos. Im Weihnachtsgeschäft etwa störten sich manche Mitarbeiter an zu großen Volumina, die zu Real-Zeiten zentralseitig bestellt wurden. Globus hat eigene „Prozessmanager“ installiert, eine Funktion, die es bei Real nicht gegeben hat und die Abschriften minimieren soll. Einige Teamleiter müssen sich außerdem daran gewöhnen, dass sie beim neuen Arbeitgeber häufig auf der Fläche unterwegs sind, während sie früher mehr Arbeit am Computer erledigt haben.

Geschäftsleiter Tarik Danaci zieht nach dem ersten Halbjahr für sich eine positive Bilanz: Das Gefühl der „Übernahme“ ist verschwunden, „es fühlt sich eher wie ein Nach-Hause-Kommen an“. Ein positives Feedback also fürs Goethe-Team. Marco Wuschisch und seinen Kollegen wird es nicht langweilig. Der Standort Bedburg ist in der Transformation, Wittlich startet gerade – man ist auf bestem Weg, weitere Realer auf Globus-Kurs zu bringen.

 

Schnell gelesen

Globus Essen, Haedenkampstrasse 21, 45143 Essen

  • Die Globus-Gruppe hat den ehemaligen Real-Standort im Kronenberg Center am 1. Juli 2021 übernommen.
  • Nach zweiwöchiger Schließung und Umbau hat der Globus-Markt am 15. Juli wiedereröffnet.
  • Globus ist Hauptmieter des gesamten Centers, dazu gehört auch eine Mall mit etwa 900 m2 und zahlreichen Konzessionären wie Fischgeschäft, Optiker, Apotheke, mehreren Gastronomie-Angeboten, Friseur und Drogeriemarkt.
  • Künftig will Globus an diesem Standort auch Eigenproduktion betreiben, wie Bäckerei und Fischtheke, außerdem eine eigene Gastronomie.

Fakten im Focus

  • 9.250 qm Verkaufsfläche
  • 135 Mitarbeiter im Markt, darunter 1 Auszubildender
  • 520 Parkplätze
  • 16 Kassen im Hauptmarkt, 10 Selfscanning Kassen
  • 620 qm Obst- und Gemüseabteilung
  • montags bis samstags 7 bis 22 Uhr

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