Scheidemann-Märkte „Unser Erfolg hat 150 Gesichter“

Die ostfriesische Supermarktkette Scheidemann besteht schon seit 100 Jahren. Firmenchef Carl Scheidemann schildert seine Philosophie und berichtet über seine Expansionspläne.

Freitag, 11. Februar 2022 - Ladenreportagen
Thomas Klaus
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Bildquelle: RImedia

Hinter dem Schreibtisch von Carl Scheidemann steht eine Schaufensterpuppe mit Edeka-Schürze, die einiges aussagt: Diese Schürze hatte sich der kleine Carl als Kind oft umgebunden und dann seinem Vater Hugo im Laden geholfen.

Heute symbolisiert die Puppe mit der besonderen Bekleidung die vierte Generation, die mittlerweile bei der ostfriesischen Supermarktkette Scheidemann am Ruder steht. Die Generationen bewiesen anscheinend bisher eine gute Hand. Denn im Spätherbst 2021 konnte das hundertjährige Bestehen des Unternehmens gefeiert werden.

Fünf Supermärkte an den Küsten-Standorten (zwei in Carolinensiel sowie jeweils einer in Hooksiel, Neuharlingersiel und Horumersiel) gehören zur Lebensmittelbetriebe Scheidemann GmbH. Und der Wachstumskurs wird weitergehen. Ende 2023 soll in Hohenkirchen im Wangerland die Nummer sechs eröffnet werden.

Neuen Wohnraum schaffen
Noch im Herbst 2022 ist der Startschuss für das modernere Stammhaus in Carolinensiel geplant. Die Modernisierung geht mit dem Bau von etwa 15 Wohnungen einher. Diese Wohnungen sollen ausschließlich Einheimischen angeboten werden. Hintergrund: An der ostfriesischen Küste herrscht Mangel an bezahlbarem Wohnraum. Carl Scheidemann will gegen diese Misere einen kleinen Beitrag leisten. Denn gesellschaftlicher Einsatz ist für den gebürtigen Carolinensieler nach eigenem Bekunden „eine Herzensangelegenheit“. Deshalb fördert er kontinuierlich das Hospiz und Menschen mit Behinderung, örtliche Vereine und das Sielhafenmuseum vor Ort.

Das seltene Jubiläum der Supermarktkette ist nach Auffassung von Carl Scheidemann sehr eng mit der Zugehörigkeit zur Edeka-Gemeinschaft verbunden. Denn fast so lange wie der Betrieb besteht die Mitgliedschaft: Vollzogen wurde sie bereits zwei Jahre nach der Gründung 1921. „Auf diese starke Partnerschaft als einen der zuverlässigen Tragpfeiler unseres Erfolges war stets Verlass“, sagt Scheidemann.

In der Biografie des 57-Jährigen spiegelt sich ebenfalls die Nähe zu Edeka wider: „Ich bin ein Edeka-Gewächs.“ Der gelernte Sparkassenkaufmann ist seit 1996 für die ostfriesische Supermarktkette verantwortlich. Zuvor absolvierte er in der Edeka-Zentrale in Hamburg ein Trainee-Programm, war später im Vertrieb von Edeka Nord tätig. Heute stärkt Scheidemann der Genossenschaft als Mitglied des Aufsichtsrates der Edeka Minden-Hannover den Rücken.

„Unser Erfolg“, führt der Chef aus, „hat rund 150 Gesichter, und das sind die Gesichter unserer Beschäftigten.“ Carl Scheidemann weiß: „Man kann die schönsten Läden haben, die teuerste Einrichtung, die modernste Technik. Wenn man keine guten, engagierten, loyalen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat, wird das alles nicht funktionieren; das ist das A und O.“ Zahlreiche Teammitglieder halten dem Arbeitgeber seit vielen Jahren die Treue. Vermutlich auch, weil bei dem Unternehmen Scheidemann grundsätzlich unbefristet eingestellt wird.

Damit das Team möglichst gern seine Frau und seinen Mann steht, sorgt die Geschäftsführung für diverse Benefits. Dazu zählen unter anderem regelmäßige Feiern, Zusatzkrankenversicherungen, subventionierte Mitgliedschaften in Sportstudios und das Leasing von E-Bikes. Außerdem nehmen Weiterbildungsmaßnahmen und Edeka-interne Qualifizierungsangebote großen Raum ein. Das gilt nicht zuletzt für die zwölf Auszubildenden und trägt Früchte: Regelmäßig belegt der Scheidemann-Nachwuchs vordere Plätze beim „Edeka-Team-Award“.

Auch angesichts dieser Signale glaubt Carl Scheidemann fest an die Zukunft seines Unternehmens. Das profitiert von der touristischen Prägung der ostfriesischen Küste, macht den mit Abstand höchsten Umsatz im Juli und August. Doch bereits von Ende März an (und dann bis Ende Oktober) ist sonn- und feiertags von 10 bis 18 Uhr geöffnet.

Touristen als Kunden
„Ungefähr 40 Prozent der Kunden sind Touristen, die ihren Urlaub in der Region verbringen“, hat Carl Scheidemann ausgerechnet. In der Hochsaison im Sommer wird daher mit Stundenkonten für die Beschäftigten gearbeitet. Die anfallenden Überstunden aus den Sommermonaten können im Winterhalbjahr „abgefeiert“ werden. Zusätzlich wird Personal aufgestockt; in den Ferienzeiten kommen Studenten sowie Schüler zum Einsatz.

Obwohl Corona auch beim Unternehmen Scheidemann seine finanziellen Spuren hinterlassen hat – der Tourismus kam bekanntlich weitgehend zum Erliegen –, wurde kräftig investiert. So wurde der Markt in Neuharlingersiel um 500 Quadratmeter erweitert und umgestaltet.

Für das modernisierte Geschäft in Neuharlingersiel gilt ebenso wie für die anderen Filialen: Die Kunden sollen preisgünstige Discountartikel und Markenwaren unter einem Dach finden, abgerundet durch regionale Spezialitäten. Knapp 50 Lieferanten legen für die Belieferung der Scheidemann-Märkte nur kurze Wege zurück. „Wir wissen genau, was wir verkaufen“, kommentiert Carl Scheidemann.
Eine Besonderheit im Sortiment sind die individuellen Eigenmarken, beispielsweise Spirituosen-Kreationen, individuelle Tee-Mischungen und Hausmacher-Labskaus. So erfüllt das Team Scheidemann auch die Nachfrage nach Regionalem, die nach seinen Beobachtungen deutlich zunimmt.

Ähnliches trifft auf das allgegenwärtige Nachhaltigkeitsthema zu. Hier sieht sich der Ostfriese selbst als einer der Schnelleren aus der Branche. Gemüsenetze und Konzepte für Mehrwegverpackungen seien Standard. Sämtliche Märkte sind mit LED-Lichttechnik und die Kühlanlagen mit moderner CO2-Technik ausgestattet. Auf den Parkplätzen der Märkte wurden Ladesäulen für Elektrofahrzeuge errichtet. Und das Unternehmen selbst nutzt Elektrofahrzeuge zum Beispiel zum Ausliefern von Waren. 

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