Edeka Gaimersheim Appetit auf mehr

Die Kunden sollen im neuen Flaggschiff der Edeka Südbayern in Gaimersheim zum Verweilen animiert werden. Dann steigt nicht nur der Bon, sondern auch der Andrang in Bistro und Restaurant, so das Kalkül von Vorstandssprecher Claus Hollinger.

Donnerstag, 02. Juni 2016 - Ladenreportagen
Sonja Plachetta
Artikelbild Appetit auf mehr
Bildquelle: Stefan Geisenfelder

Inhaltsübersicht

Claus Hollinger mag gern Kaffee und Gegrilltes. Auch aus diesem Grund ist der neue Vorzeigemarkt der Edeka Südbayern in Gaimersheim ein Glücksfall für den Vorstandssprecher der Regionalgesellschaft. Wann immer es seine Zeit zulässt – oft abends gegen halb acht, kurz vor Ladenschluss –, kommt der 47-Jährige die 300 m von der Firmenzentrale herüber, „um nach dem Rechten zu schauen“. Dann gönnt sich Hollinger am liebsten einen Espresso aus der hauseigenen Kaffeerösterei (siehe Kasten auf S. 32). Manchmal genießt er am Marktplatzerl, dem Gastronomiebereich in der Vorkassenzone mit allein 100 Sitzplätzen, auch einen Burger von der Backstube Wünsche. Oder er setzt sich in die Koch-Bar, dem Bistro für gehobenere Ansprüche mit 20 Sitzplätzen direkt im Markt, gern hinten rechts auf die Bank („Von dort kann man gut beobachten, was im Markt geschieht.“) und lässt sich ein Dry-aged-Steak oder einen Fisch aus der Theke zubereiten.

Der Edeka-Südbayern-Chef geht, wie übrigens auch Marktleiter Franz Käs, der ebenfalls gern in der Koch-Bar oder am Marktplatzerl isst, quasi mit gutem Beispiel voran: „Wir wollen erreichen, dass die Kunden nicht nur hier einkaufen, sondern sich auch gastronomisch verwöhnen lassen.“ Hollinger ist sich bewusst, wie schwierig es ist, Gastronomie im Handel profitabel zu betreiben, aber er ist zuversichtlich, dass es an diesem Standort gelingen kann. „Die 5.000 bis 6.000 Beschäftigen aus dem angrenzenden Gewerbegebiet wollen nicht nur mittags etwas essen“, begründet er. Damit sie kommen, müssen die Auswahl an Speisen und Getränken, die Qualität sowie das Preis-Leistungsverhältnis stimmen.

Die Backstube Wünsche, der zur Edeka Südbayern gehörende Vorkassenbäcker, wechselt die Auslage viermal täglich, vom Frühstück über Pizza, Pasta, Salate und Burger mittags sowie Kuchen nachmittags hin zu warmen Gerichten und Snacks abends. Spaghetti oder Tagliatelle „Knofi Peter“ (Aglio e olio) gibt es für 5,70 Euro, Burschen-Burger (mit Rindfleisch) oder Madl-Burger (mit Hähnchenbrust) für 8,90 Euro. Eine hausgemachte Limonade (0,5 l) kostet 3,80 Euro, ein Espresso 1,80 Euro.

An der Koch-Bar ist samstags das Austern-Champagner-Frühstück beliebt (3 Austern, 1 Glas Champagner für 7 Euro). Von 10 bis 20 Uhr kredenzen zwei Köche den Kunden etwa Lachstatar mit Rote-Beete-Carpaccio (7,90 Euro), ein Dry-aged-Lendensteak mit Gorgonzolanudeln für 15,90 Euro oder bereiten auf Wunsch gegen Aufpreis jedes Stück Fleisch oder Fisch aus der Theke zu.

Es gibt noch einen Ansatzpunkt, um die Kunden zu gastronomischen Genüssen – und natürlich zu einem Einkauf mit großem Bon – zu verführen. Sie sollen viel Zeit im Markt verbringen und darüber Appetit bekommen. Das gelingt nur, wenn sie sich wohlfühlen. Deshalb haben Hollinger und das Planungsteam Wert auf die Atmosphäre gelegt. So ist schon die Architektur etwas Besonderes. Das rund 3.000 qm große E-Center hat an drei Seiten Glasfassaden und ein lichtdurchflutetes Atrium mit Holzboden, in dem sich Kräuterbeete sowie Sitzgarnituren befinden, in der Mitte. Speziell beschichtetes Glas sowie Jalousien sollen die Ware vor Sonnenstrahlen schützen. „Wir interpretieren so die Tradition des klassischen Schaufensters neu“, sagt Hollinger. Die Leute sollen von der Straße hineinschauen und „sehen, dass der Markt lebt“. Jeden Tag fahren dem 47-Jährigen zufolge allein über die Ingolstädter Straße, an die der Laden angrenzt, rund 35.000 Autos, deren Insas sen einen Blick hinein werfen können.

Eigene Kaffeerösterei

Erstmals gibt es in einem Markt der Edeka Südbayern eine eigene Kaffeerösterei, angesiedelt bei der hauseigenen Backstube Wünsche. Edeka-Südbayern-Chef Claus Hollinger findet den Espresso „geschmacklich überragend“. Das liegt laut Uwe Thalhäuser, Röstmeister sowie Gastronomieund Snackberater bei der Backstube Wünsche, an den erlesenen Bohnen aus Hochlandanbau in 1.500 bis 1.800 m sowie an der Langzeitröstung (20 - 30 Minuten) im Trommelröstverfahren: „Dadurch werden unangenehme Säuren abgebaut, und der Kaffee ist vollmundig und sehr bekömmlich.“ Pro Monat sollen zunächst rund 1.000 kg Kaffee geröstet werden. Ziel ist, nach und nach alle 270 Filialen der Backstube Wünsche mit dem eigenen Röstkaffee zu beliefern. 250 g Espresso oder Kaffee Crema kosten 6,75 Euro.


Ins Auge fällt zudem, dass es im ganzen Markt keine rechten Winkel und keine Säulen gibt. „So wirkt er luftig und locker“, findet Hollinger. Das liegt auch an der Raumhöhe von 5,65 m und daran, dass es keine Deckenhänger gibt und die Stromkabel der LED-Panel so filigran sind, dass man sie kaum sieht. Die Holzoptik, etwa an der Backstation oder der Weinabteilung, die Wände aus echten Pflanzen in der Obst- und Gemüseabteilung sowie in der Koch-Bar oder die Lichtkonstruktion über den Kassen ziehen ebenfalls die Aufmerksamkeit auf sich. „Sie können mehrmals durch den Markt gehen und entdecken immer etwas Neues. Genau das wollen wir“, erklärt Hollinger. 13 Mio. Euro hat die Edeka Südbayern in ihr neues Flaggschiff investiert.

Fünf Erlebniswelten hat das Planungsteam definiert, damit die Kunden länger im Laden verweilen. Dazu zählen außer der Bistro-/Backshop-Kombination der Backstube Wünsche und der Koch-Bar die 300 qm große Obst- und Gemüseabteilung mit vielen regionalen Artikeln, die Weinabteilung mit Verkostungsecke, Weinkühlschrank, Humidor sowie Extra-Regalen für hochwertige Tropfen, Piccolo-Flaschen sowie alkoholfreie Weine und Sektsorten und natürlich die 22 m langen Frischetheken inklusive Dry-aged-Reifeschrank und Käseschauschrank. Rund 250 Käsespezialitäten werden an der Theke angeboten, bei Fisch sind es gut 80 Artikel, bei Fleisch und Wurst können die Kunden zwischen 650 Produkten wählen. Der Fokus liegt hier auf regionalem Fleisch wie dem Altmühltaler Lamm und hochwertigen Sorten, etwa Wagyu-Rind.

Wer es eilig hat, findet SB-Wurst und Fertiggerichte in verglasten Kühlregalen. Interessant: Obwohl Energieeffizienz der Edeka Südbayern beim Bau wichtig war (z. B. Betonkernaktivierung und LED-Beleuchtung), sind die Kühlregale für Molkereiprodukte offen. „Die Kontaktfrequenz bei Mopro ist so hoch, dass wir uns gegen eine Verglasung entschieden haben“, erklärt Hollinger.

Auch fürs Bezahlen bietet das E-Center Alternativen für schnelle Kunden. Wer nicht an einer der sechs mit Cash Management ausgestatteten bedienten Kassen anstehen will, kann an drei Express-Self-Check-out-Terminals bis zu 10 Artikel oder an zwei Selbstbedienkassen mit Kassenband den gesamten Einkauf selbst scannen.

Offensichtlich hat die Edeka Südbayern mit dem Markt, mit dem sie einen zweistelligen Millionen-Jahresumsatz plant, den Geschmack der Menschen getroffen. „Unsere Erwartungen sind deutlich übertroffen worden“, sagt Hollinger. „Die Kunden nehmen den Standort sehr gut an.“ Und Marktleiter Franz Käs ergänzt: „Wir haben etwa 11.000 Kunden pro Woche. Manche bleiben schon zwei bis drei Stunden.“ So, wie es nach Wunsch der Geschäftsführung sein soll.

Zahlen die Zählen
  • Verkaufsfläche: 3.000 qm
  • Artikel: 35.000
  • Kunden pro Woche: 11.000
  • Mitarbeiter: 60 Köpfe

Essen aus der Box
Mit der Abholbox vor dem Markt will die Edeka Südbayern erste Erfahrungen im Online- Handel sammeln. Registrierte Kunden können unter www.edeka-sb.de zwischen 15.000 Artikeln wählen. Thekenware ist nicht darunter. Fleisch, Wurst und Käse werden nur in SB angeboten. Bestellt werden muss mindestens drei Stunden vor der gewünschten Abholzeit.Es stehen drei Zeitfenster zur Verfügung (10 bis 14 Uhr, 15 bis 19 Uhr, 20 bis 9Uhr). Liegt der Bestellwert unter 20 Euro, wird eine Abholgebühr von 3 Euro erhoben. Darüber ist der Service kostenlos. Die Ware wird im Markt kommissioniert. Die Mitarbeiter, wie die stellvertretende Marktleiterin Nina Schieferbein, platzieren die Tüten in der E-Box. Es gibt verschiedene Boxen für Trockensortiment, gekühlte und TK-Ware. Nachdem der Kunde seine Bestellung bezahlt hat, bekommt er eine Abholnummer und einen QR-Code. Die E-Box erkennt daran, wo die Ware sich befindet, und die richtigen Boxen springen auf. Für Edeka-Südbayern-Chef Claus Hollinger ist die Abholbox eine zusätzliche Dienstleistung, z. B. für die 5.000 bis 6.000 Beschäftigten im angrenzenden Gewerbegebiet. Für ihn ist vorstellbar, solche Boxen zur Nahversorgung auch einzeln in Orten zu installieren, in denen es keinen Supermarkt mehr gibt.