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Tiefkühlkost Die zweite Hamster-Welle rollt

Lebensmittel Praxis | 26. März 2020
Tiefkühlkost: Die zweite Hamster-Welle rollt
Bildquelle: LP-Archiv

Deutsche Kunden sorgen in der Krise weiter vor: Die Elektronik-Unternehmen Media-Markt und Saturn berichten von steigenden Verkäufen für Tiefkühl-Truhen und -Schränken; die Hersteller von Pizza oder Fischstäbchen zeigen sich zufrieden, der Handel spürt deutliche Nachfrage. Diese gilt es zu nutzen, um den Kunden jetzt bei der Bevorratung zu helfen.

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Was sich in Spaniens Tiefkühlabteilungen überdeutlich zeigt, ist auch hierzulande sichtbar: In den TK-Schränken und Truhen sind Pizzen, vom Preiseinstieg bis zu den Premium-Preislagen, tageweise ausverkauft. „Der Konsum zu Hause ist gestiegen, unter anderem wegen der Schulkinder, die nun zu Hause sind und der im Home Office arbeitenden Büroarbeitskräfte“, fasst Dr. Sabine Eichner, die Chefin des Deutschen Tiefkühlinstituts (dti) zusammen. „Viele Menschen haben sich seit Ende Februar auch stärker mit TK-Lebensmitteln bevorratet.“ „Wir haben beobachtet, dass nach einer ersten Versorgungswelle, bei der sich die Kunden mit Pasta, Konserven oder Mehl eingedeckt haben, in der vergangenen Woche eine zweite Welle für die Tiefkühlkost anrollte“, bestätigt Thomas Paulus, der Head of Category, Channel & Sales Development bei Nestlé-Wagner. Offenbar war noch vor den gesetzlichen Regelungen bei den Kunden die Erkenntnis gedämmert, dass die Corona-Krise länger dauern würde.

Diese zweiten Bevorratungswellen schlagen also derzeit auf. Laut Nielsen stieg der Absatz bei Tiefkühlkost allein von Kalenderwoche zehn zu elf von 7,4 auf 42,5 Prozent. Auch zwischen Woche acht und neun hatte es schon einmal einen Peak gegeben (von 1,7 auf 22 Prozent). Die Marktforscher von Appinio rechnen vor, dass sich 43 Prozent der deutschen Kunden einen Vorrat angelegt haben (oder es planen). 60 Prozent davon haben Vorräte für mindestens zehn Tage, 19 Prozent kommen sogar über 14 Tage mit ihren Hamsterkäufen aus.

Eine Analyse der Einkaufs-App Bring aus den fünf Wochen (16. Februar bis 15. März) zeigt, dass die deutschen Kunden seit Beginn der Krise in fast allen Segmenten deutlich mehr gekauft haben. „Dass die Einkäufe generell deutlich zugenommen haben, zeigen die Daten für die traditionell meist gekauften Produkte:“, so die App-Macher aus Zürich. „Die Zuwächse bei Artikeln wie Milch, Eier, Brot oder Butter lagen im Schnitt zwischen einem Viertel und einem Drittel.“ Tiefkühlkost als Ganzes wurde in der Analyse zwar nicht erfasst, aber die Zahlen für de typischen TK-Produkte zeigen steil nach oben: So gab es bei Eis und Fischstäbchen ein Plus von 124 Prozent, bei Pizza von 60 Prozent, TK-Gemüse schlägt sogar um plus 188 Prozent nach oben aus. Insgesamt verzeichne Tiefkühlkost 30 Prozent Plus, ergänzt die Appinio-Studie.

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„Im TK Bereich boomt es in fast allen Warengruppen“, bestätigt Alexander Kiffe, Category Manager von Lüning. Die Umsätze und Absätze hätten sich nahezu verdoppelt, erklärt er. „Außer beim Eis, dort liegen wir seit der Corona Krise „nur“ bei einem Plus von 43 Prozent.“ Momentan gehe bei ihm leider fast alles drunter und drüber, wird dieser Boom auch von Michael Seidl, einem selbstständigem Edekaner aus Kulmbach und Nomierten für den TK Star des vergangenen Jahres, bestätigt. „Wir verzeichnen im Tiefkühlbereich eine deutliche Zunahme von Artikeln aus den Warenbereichen: Gemüse, Fisch und Pizza.“

Die favorisierten Warengruppen

Pizza stand und steht weiterhin hoch im Kurs, aber auch Obst und Gemüse werden verstärkt eingekauft. Nestlé-Wagner geht davon aus, dass die starke Nachfrage nach TK-Pizza daher rühre, dass Menschen nun vermehrt zuhause konsumieren.

Das TK-Gemüse liegt bei uns im Ranking an erster Stelle“, sagt Kiffe. Bei Tegut liegen die Fertiggerichte auf Gemüsebasis, vor allem von Frosta, sogar noch vor den Obst -und Gemüse-Artikeln.

„Zum aktuellen Zeitpunkt können wir eine erhöhte Nachfrage nach Tiefkühlkartoffelprodukten feststellen“, heißt es auf Anfrage von McCain.

Eis: Hier erwartet der Handel einen zusätzlich Push kurz vor Ostern. Lüning rechnet keineswegs damit, dass das Ostergeschäft ausfalle – im Gegenteil: Alexander Kiffe rechnet mit rund 15 Prozent plus. Auch Michael Seidl glaubt nicht, dass das „Ostergeschäft ausfallen“ werde, aber da sich die Osterverkäufe traditionell erst in der Woche vor Ostern entwickelten, bleibe es spannend, wie sich die Kunden tatsächlich verhielten.

Und schon jetzt ein Hinweis auf ein in den nächsten Wochen kommendes Segment: Chilled Food beziehungsweise gekühlte Teige. „In der aktuellen Situation ist das Selbermachen von Pizza und Flammkuchen eine gute Wahl, sich mit seinen Kindern gemeinsam zu beschäftigen“, meint Thomas Paulus. Nestlé-Wagner ist 2019 in das Segment eingestiegen. Noch könne er das aber nicht quantifizieren, dafür sei es noch zu früh.

Mehr Wertschätzung für Lebensmittel und Selberkochen sichtbar

Die Marktforschung von Appinio bestätigt: 29 Prozent der Kunden kochen jetzt mehr also vor der Krise. „Ein gutes Essen ist Balsam für die Seele und wenn die Fischstäbchen als klassischer Glücklichmacher dabei einen Moment einen Beitrag leisten können, dann ist das mehr wert als vieles andere“, sagt Iglo-Geschäftsführer Markus Mischko. Iglo ist es wichtig, in dieser Hinsicht auch die Chancen der aktuellen Situation zu sehen: „In der Gesellschaft scheint insgesamt das Bewusstsein gewachsen zu sein, wie besonders eine funktionierende Versorgung mit Lebensmitteln ist., erläutert Mischko. „Damit einher geht eine Steigerung der Wertschätzung für Lebensmittel – insbesondere für qualitativ hochwertiges, leckeres Essen.“

Bestellen lassen und Liefern lohnt

Was die klassischen Heimlieferdienste derzeit berichten, gibt einen neuen Blick auf die Belieferung, gerade mit Tiefkühlkost frei: Eismann spricht von „einem regelrechten Boom mit stark erhöhter Nachfrage und einer Umsatzverdopplung bei Online-Bestellungen. Auch Bofrost sieht eine Verdopplung allein bei den Online-Bestellungen. Einzelne Personen bestellen Tiefkühlkost für mehr als 400 Euro“, berichtet Eismann-Geschäftsführer Elmar Westermeyer.

Priorität hätten für Eismann aber die vielen kleinen Bestellungen, führt er weiter aus. „Wir sind bemüht, alle Kunden auch mit kleinen Bestellungen zu beliefern und nicht vor leeren Schränken stehen zu lassen“, erklärt Westermeyer. Um Kunden und Eismänner zu schützen, werde die Ware weitestgehend kontaktlos ausgeliefert. „‘Die Eismänner‘ kümmern sich mit der nötigen Distanz weiterhin um alle Bedürfnisse der Kunden“, so der Geschäftsführer. „Wir empfehlen, die Ware online vorzubestellen und bargeldlos zu bezahlen.“

Schon vor der Corona-Krise habe das Interesse für Lebensmittellieferungen zugenommen, so Geschäftsführer Westermeyer. „Jeder fünfte Bundesbürger hat sich bereits einmal Lebensmittel nach Hause liefern lassen, ein Drittel will das in Zukunft ausprobieren. 42 Prozent der Lieferdienst-Kunden haben in den vergangenen zwei Jahren häufiger bestellt als zuvor.“, rechnet er nach einer aktuellen, Bevölkerungsbefragung des Instituts für Management und Wirtschaftsforschung (IMWF) im Auftrag von Eismann vor. „Seit Ausbruch der Pandemie hat dieser Trend noch einmal stark an Fahrt aufgenommen.“

Vom Boom der Bestellungen, vor allem der Online-Bestellungen, profitieren auch die übrigen Hersteller. Frosta-Chef Felix Ahlers berichtet von 9ß Prozent mehr Bestellungen über diesen Kanal.

Der Nachschub ist sicher

„Wir sind weit davon weg im TK- Bereich von einem Engpass zu sprechen“, betont Kiffe. „Die Versorgung ist sichergestellt.“ Sicherlich gebe es in einzelnen Warengruppen einige Fehlartikel, aber es sei nicht annähernd so wie in den Trockensortimenten. „Diese Fehlartikel sind meiner Meinung nach auf logistische Probleme zurückzuführen“, führt er aus. So sei es vorgekommen, dass die Kommissonierer bereitstehende Rollis nicht zeitnah freigeben konnten. Daher dauerte es, bis die Ware tatsächlich in der Truhe beziehungsweise im Schrank war.

Natürlich seien bei der derzeitigen hohen Dynamik die Handelsläger an ihren Grenzen, meint Paulus. Für sein Unternehmen kann er vorerst Entwarnung geben: „Wir sehen aktuell keine größeren Lieferengpässe“, bestätigt er. „Wir arbeiten mit Hochdruck daran, die Versorgung mit Lebensmitteln in Deutschland sicherzustellen.“ Oberste Ägide aber für Mitarbeiter und Kunden seien Gesundheit und Sicherheit. „Wir als Nestlé-Wagner sorgen für gleichbleibend hohe Qualität“, ergänzt er. „An unserem hohen Qualitätsanspruch ändert sich nicht.“

„Wir setzen alles daran, auch in dieser turbulenten Zeit keine Lücken in den Truhen entstehen zu lassen und eine bestmögliche Versorgung der Konsumenten sicherzustellen“, sagt auch McCain. „Durch rechtzeitige Planungsanpassungen können wir der deutlich erhöhten Nachfrage derzeit gut nachkommen und sind regelmäßig in Abstimmung mit unseren langjährigen Handelspartnern.“

„Derzeit ist die Versorgung mit Iglo-Lebensmitteln gesichert“, bestätigt Markus Mischko für Iglo. „Unsere Mitarbeiter arbeiten mit Herzblut und unter Hochdruck daran, die Nachfrage zu bedienen.“ Temporäre Verzögerungen seien nicht zu vermeiden, aber die Truhen und Schränke würden zügig wieder bestückt. „Wir haben frühzeitig damit begonnen, uns auf die sich abzeichnenden besonderen Umstände einzustellen und sind gut vorbereitet.

„Die Lieferfähigkeit der Ware ist ausreichend, allerdings kann es aufgrund der zahlreichen Bestellungen vereinzelt zu Verzögerungen kommen“, heißt es auch bei Eismann. „Um die hohe Nachfrage zu stemmen, suchen wir weitere Verkaufsfahrer.“

Licht und Schatten für die Branche

Aber während Händler über die Entwicklung erfreut sein können, sind Gastronomen und Hersteller, die für diesen Kanal produzieren, stark von Umsatzverlusten betroffen. „Hingegen ist der Konsum außer Haus drastisch eingebrochen“, so Dr. Sabine Eichner. „Das trifft auch die TK-Hersteller hart, die für die Gastronomie produzieren. So gibt es dramatische Einbrüche in verschiedenen Warengruppen, die in der Gastronomie stark gefragt sind.“ Ob sich der Absatz auf Jahressicht davon noch erhole, bleibe abzuwarten, meint das dti. „Im Moment ist eher von einem deutlichen Rückgang des TK-Absatzes im Außer-Haus-Markt auszugehen.“

Grundsätzlich zeigt sich das dti auch beim Boom im Lebensmittelhandel skeptisch. „Wir gehen davon aus, dass die Zuwächse im LEH nur temporär zweistellig bleiben“, begründet Dr. Eichner. „Die Verbraucher versorgen sich mit Tiefkühlkost einerseits zum sofortigen Verzehr oder zur Bevorratung. Aber anders als bei lange haltbaren Lebensmitteln des Trockensortiments sind die TK-Lagerkapazitäten in den Haushalten nicht unendlich. Wenn diese belegt sind, muss die Ware erst wieder verbraucht werden, bevor nachgekauft wird.

Ach so, einen Vergleich in Sachen TK sind wir noch schuldig: Aus Spanien wird berichtet, dass die TK-Truhen mit Pizza schon am Morgen leergekauft sind.